Verletzlich

Heute ist ein blöder Tag. Irgendwie fühlt er sich schon die ganze Zeit blöd an, ist anstrengend, schmerzt den Kopf und das Herz. Mir ist nach Jammern, nach Getröstet werden, nach Geborgenheit und anderen Menschen. Früher hätte ich auf Twitter oder Facebook oder WordPress oder Tumblr geschrieben was mich bedrückt und vielleicht hätte es jemanden oder niemanden interessiert aber ich hätte mir Luft gemacht und am nächsten Tag wärs wieder vergessen.

Es ist aber nicht mehr früher.

Irgendjemand fragte vor einiger Zeit, ab wie vielen Follower_innen sich auf Twitter was im Verhalten geändert hätte. Persönlich denke ich, die Zahl war so um die 1.000, da ich dann schon das Gefühl hatte, öffentlicher zu sein als es mein 50 Menschen Account anfangs war (jaaaa. Logisch, ich weiß). Aber tatsächlich ist es dann doch der Moment, wenn dich fremde Menschen treffen und dir sagen, dass sie dich „aus dem Internet“ kennen. Ich bin dann immer verwirrt, freue mich, bin etwas beschämt (weil ich denke: tja, jetzt sehen alle wie kacke du in der Realität aussiehst und nicht auf 20-mal gestellten Selfies) und weiß nicht was ich sagen soll. Außer vielleicht: Entschuldigung, dass ich so gar nicht bin wie du dir das vorgestellt hast.

Und in letzter Zeit versuche ich oft, mich so zu verhalten wie ich denke, dass es von mir erwartet wird. Eine liebe Freundin, die mich vor ein paar Monaten besuchen war stellte erstaunt fest, wie großartig ich gewachsen sei seit wir uns vor ein paar Jahren das letzte Mal sahen – das hätte sie von Facebook aus ja nie gedacht. Auf Twitter bekomme ich schon seit Ewigkeiten zu hören ich würde zu viel nörgeln, auf Tumblr muss ich damit rechnen dass die Dinge dort woanders landen, und Dark Twitter wurde mir irgendwann zu sehr Abwärtsspirale. Das Ding ist: eigentlich mag ich mich. Nicht nur eigentlich. Ich mag mich. Ich bin loyal, ehrlich, leidenschaftlich, manchmal lustig, manchmal klug, und ich versuche immer mir selbst treu zu sein. Manchmal mag ich mich nicht. Zum Beispiel heute. Trotzdem, so wie ich online bin versuche ich mich nicht zu verstellen. Aber in letzter Zeit habe ich vermehrt den Eindruck, dass das nicht reicht.

Das fängt dann damit an, dass ich mir selbst täglich im Schnitt ein halbes Dutzend Tweets verbiete, die ein „falsches“ Licht auf mich werfen könnten oder einfach nur Verletzbarkeiten offenbaren würden. Schon allein hier dieser Text. „Jetzt will sie wieder Aufmerksamkeit“ höre ich sie kollektiv keuchen, so als wäre das eigene Bewerben der eigenen Blogs und Podcasts und Youtube Videos und Selfies und Kompetenzen und Kolumnen nicht auch ein Streben nach Aufmerksamkeit. So als würden sich nicht alle über ihre drei, dreißig oder dreihundert mehr Follower_innen pro Woche freuen. So als wäre der Wunsch, gehört zu werden, etwas Schlechtes. (Von Frauen* ist er das natürlich ohnehin noch einmal auf einer anderen Ebene, aber darum geht es hier nicht einmal). Das geht dann damit weiter, dass sogar selbst-ernannte Feministinnen eine öffentlich belehren, dass man sich nicht ändern darf. Wie viel Shit ich mir dafür anhören musste, dass ich den Twitteraccount wieder eröffnet habe, obwohl ich im Zustand absoluter Panik was anderes schrieb. So, als wäre die darin wiedergefundene Stärke nichts Gutes. So, als wären in Trauma geschriebene Blogposts in Stein und Marmor gemeißelte Säulen der Netzgemeinde.

Und so wünsche ich mir eigentlich nur die Zeit zurück, in der es online genug Schutzräume gab, verletzbar zu sein. In der ich nicht auf jeden blöden Kommentar mit Lächeln antworten muss, oder mit Witz, und einer das später dann als Provokation angerechnet wird. In der Aktivistinnen nicht pausenlos stark sein müssen, stets im Hinterkopf behaltend dass sie als Beispiel für die ganze Bewegung herangezogen werden, sollte es jemandem so passen. In der ich schreiben kann, dass ich mich heute nervig, hässlich, ungeliebt oder was auch immer fühle, ohne Angst zu haben, dass mir jemand sagt das gehört nicht in mein Profil auf Twitter oder FB oder sonstwo oder gar ein Spaßvogel antwortet „Ja, Stimmt.“ In der es einfach mehr Empathie gibt, mehr Liebe, mehr Trösten. In der wir aufhören können uns selbst zu zensieren, weil wir uns gegenseitig schützen und wir all die hässlichen Seiten von anderen nicht dulden. Vielleicht gab es diese Zeit nie, und sie ist in Melancholie verpacktes Wunschdenken. In jedem Falle wäre es schön, sie gemeinsam zu erschaffen.

  • Robin Urban

    Die Schere im Kopf, die ganzen Nullempathen auf der anderen Seite der Leitung. Wie gut ich das kenne.

    Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass es völlig unwichtig ist, was ich schreibe – weil ALLES negativ ausgelegt wird. Wenn derjenige es denn will. Und komischerweise hat das irgendwie geholfen…

    Bleib so wie du bist, ändere dich so viel du willst. So oder so: Du rockst!! <3

  • Ein sehr guter Text, der endlich mal einige Dinge ausformuliert, die mich seit geraumer Zeit auch stören, nur wusste ich es nicht so exakt.
    Ich muss dir leider bei absolut jedem Satz zustimmen.
    Und ich kenne diese Tage.

  • Kinch

    Ich denke, Massenmedien mit einer Popularität wie bei Facebook und Twitter bieten gar nicht das nötige Fundament, damit darauf Empathie gedeihen kann. Es gibt zu viele Menschen mit zu viel Dissenz und zu wenig Konsenz.

    Jedenfalls, fand ich Twitter immer bedrückend, weil – zumindest für mich – da nie ein nennenswerter Austausch möglich war. Immer nur clever und lustig sein, sonst nix.

    Darf ich fragen, ob für dich, so öffentlich zugängliche Plattformen nötig sind? Vielleicht sind kleinere, abgeschottete Plattformen eine Alternative.

  • Martin

    Das kenne ich, genau so. Die warme Umarmung im Netz erleben (wollen), mal ohne Witz (obwohl man eigentlich ganz lustig ist). Ich vermisse im Netz das „Sowohl-als-auch“.