Konservativ und modern: ein Sommermärchen.

HH

Die Sonne brennt, der Schweiß rollt langsam die Schläfen herab, und ein Prisma stopft das Sommerloch: Deutschland 2013. Während die Deutschen ihre Rasenmäher um ihre kleinbürgerlichen Gartenzwerge bewegen, ruft “Die Welt” den Tugendterror aus, und Kristina Schröder trägt ihren Teil zur Bildung junger Menschen bei, in dem sie das rhetorische Mittel des Oxymorons verschriftlicht: modern und konservativ, das ginge, sie habe hier 15 Punkte aufgeschrieben. Am Ende der Liste: sie selbst. Woanders erklärt Marusha, was zu viele Partydrogen und schlechter Techno verursachen: sie fordert Schwarz-Grün. Modern und konservativ, oder so. Nebenbei fahren gleich mehrere Zeitungsverlage ihre entsprechenden Kampagnen, und die FAZ Redaktion tut entsetzt, dass man mit 3009 Euro netto/Monat bereits reich ist.

In einer Zeit, in der “Vollbeschäftigung” in Deutschland dank lustiger Rechnereien der Arbeitsagenturen in erreichbarer Weite liegt, ändern sich seit Jahren schleichend aber sicher die Spielregeln auf dem Arbeitsmarkt. In Deutschland ist der Wandel zu einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft so gut wie vollzogen: 2010 waren 71% der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor beschäftigt (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2012: 22). Folglich erhalten Anforderungsprofile an Bewerber_innen, die „analytisches Denken, Kommunikations- und Problemlösungskompetenzen“ betonen, stärker an Bedeutung. Die typischen, überwiegend körperlich tätigen “Arbeiter_innen”, welche die SPD so gerne vertritt vertreten will und als einzige Gruppe mit gut gestellten Lobbygruppen (Gewerkschaften) auf dem Arbeitsmarkt agieren kann, gibt es in diesem Sinne zwar noch, sie spielt aber eine vergleichsweise kleine Rolle.

Was dagegen eine große Rolle spielt, sind eine Fülle sogenannter “atypischer” Beschäftigungsformen: z.B. Leiharbeit, Teilzeit <31 Stunden, geringfügig oder befristet Beschäftigte. Die Geister, die man zu Anfang der Jahrtausendwende und dann erneut zur Abwendung der Wirtschaftskrise rief, wollen einfach nicht mehr gehen. Gerade junge Leute, die neu in Jobs einsteigen, finden nur befristete Stellen oder müssen Praktikum nach Praktikum absolvieren, in einer Szene, in der 300 Euro/Monat für eine 40 Stundenwoche Praktikumsstelle in den gut bezahlten Bereich gehört. Doch diese atypische Beschäftigung trifft nicht nur gut ausgebildete, junge Menschen, die neu auf den Arbeitsmarkt drängen: unter der Gruppe der Beschäftigten ohne Ausbildung und im tertiären Sektor finden sich die höchsten Anteile atypisch beschäftigter Arbeitskräfte (vgl. IAB Handbuch Arbeitsmarkt 2013: 44). Bei Frauen haben atypische Beschäftigungsformen die normale Beschäftigung seit 1991 längst überholt, ihr Anteil verdoppelte sich sogar.

Eine Einschränkung der Leiharbeit, wie von der SPD gefordert, und flächendeckender Kitaausbau mitsamt kostenfreien Kitaplätzen, sind keine sozialdemokratische Wahlkampfromantik, sondern bitterer Ernst. Überlebenswichtig, nicht nur für viele Arbeitnehmer_innen, sondern auch Unternehmen. Bereits 2008 wurde 24% des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens durch atypische Beschäftigung erwirtschaftet, gar 39% aller Arbeiternehmer_innen waren atypisch beschäftigt. Das ist mehr als jede Dritte. Von einem Durchschnittseinkommen von 30.000 Euro/Jahr können diese Personen nur träumen, aber richtig beschweren können sie sich auch nicht – sie sind ja beschäftigt. Wenn auch nicht richtig. Atypisch halt. Ganz modern und konservativ, ne!

Und so lullen sie uns weiter ein, was für ein tolles, fittes, gesundes Land wir doch seien, und wie gut es doch sei, wenn ein Fach nicht Sachkunde, sondern Sach- und Heimatkunde hieße. Es fehlt nur noch, dass Kristina Schröder mit Angela Merkel Hand in Hand die Almwiese herunter steigen und “Franzl, Franzl”  “Brüderl, Brüderl” rufen. Sissi Schröder und die deutsche Kaiserin Merkel, im modernen Konservatismus vereinigt. Bei DSDS singen die Teilnehmer_innen derweil nicht mehr nur Popsongs sondern auch Schlager, und Heino covert Rammstein. So edgy. So konservativ. So modern…

Nein, modern ist das nicht. Modern wäre, das Ehegattensplitting abzuschaffen, statt es auf alle Lebenspartnerschaftsmodelle auszuweiten. Modern wäre, Kindergärten allen anzubieten, kostenlos, anstatt Betreuungsgeld für die Wahlzielgruppe einer religiös-konservativen Volkspartei einzuführen. Modern wäre, allen Menschen die Möglichkeit auf richtige Beschäftigung zu gewähren, von der sie leben können, in Form von Mindestlohn oder Geschlechterquote, und nicht die Light-Modelle der Regierung. Modern wäre, Europa als Chance wahrzunehmen, und nicht als Bedrohung nationalstaatlicher Interessen, so wie 1871. Modern wäre, sich nicht von einem diffusen Bedrohungsgefühl Angst machen zu lassen, sondern unsere Selbstbestimmung und Freiheit zu verteidigen – modern wäre also, VDS und Prism, und was noch alles kommt, abzuschaffen, und nicht in moderaten oder anders verarteten Formen einzuführen. Modern wäre, diese Regierung abzuwählen, und ihre Copycat-Merkel gleich mit.

Egal, wie sehr sie es alle versuchen: die Union wird nicht modern, wie soll sie auch, ihre Chefin schläft und kopiert und im Zeitgeist hängen sie in den 1960er Jahren. Die Union ist konservativ, und das sollten wir als das erkennen, was es ist: alt, verstaubt, elitär, den jeher mitgebrachten Altvorderen dienend. Konservativ ist nicht modern, ist nicht cool. Da hilft es auch nicht, die Inhalte der anderen zu covern, Heinoesque: es bleibt eine Mogelpackung.

Der Sommer lullt ein, der Sommer ist schwül.

Aber gewählt wird im Herbst.

 

Siehe auch: Autorengruppe Bildungsberichterstattung: Bildungsbericht 2012, 2012; IAB: Handbuch Arbeitsmarkt 2013, 2012

Kaffeekränzchen – Folge 1

Was? Ein Podcast? Auch das noch? – Ja, genau, das Dings und Gedöns wird nun auch noch verbal abgehandelt. Warum? Weil ich kann. Oder es zumindest versuche.

Das Mitgliederbegehren zur VDS in der SPD ist jetzt fast ein Jahr vorbei. Dennis Morhardt (@gglnx) und ich lassen die Zeit Revue passieren – was war gut, was war schlecht, was lernen wir draus?
Danach widmen wir uns dem bisher vorgestellten Kompetenzteam von Peer Steinbrück: wer es sich mit Alice Schwarzer verscherzte und wen wir dringendlich vermissen erfahrt ihr hier.
Schließlich die große Frage: schafft die SPD die Wahl?

http://sozis-gegen-vds.de/
http://peer-steinbrueck.de/Kompetenzteam/


Duration: 02:16:12

Published by Mina Dingens under CC BY-SA 3.0.

Feminismus – we’re in this together.

fems

[Das] Märchen von der gelungen Emanzipation und dem mißlungenen Frauenglück hält sich seit Jahren hartnäckig. Auch unter Frauen. Dabei gibt es wohl weder den Fort- noch den Rückschritt, weder die gelungen noch die mißlungene Frauenbefreiung, sondern schlicht beides: Veränderung und Stillstand. Frauen sind nicht in den Himmel weiblicher Freiheit gelangt, sondern ins alltägliche Fegefeuer eines zermürbenden Kleinkriegs der Geschlechter. (…)

Der Feminismus ist keine Heilsbotschaft und schickt keine Erlöserinnen, aber seine Themen haben sich auch nicht erledigt. (…)

Schwesternstreit? – ja bitte! Wie sonst lassen sich Erstarrungen aufbrechen und festgefahrene Debatten neu eröffnen?

- Bascha Mika (1998): Alice Schwarzer, Eine kritische Biographie, S.18

Als ich diese Worte in Bascha Mikas Biographie von Alice Schwarzer las, musste ich schmunzeln. Gleichzeitig durchfuhr mich eine Bitterkeit. Selten habe ich wahreres über Feminismus und Feminist_innen gelesen, selten hat es besser gepasst.

Wo stehen wir in Deutschland 2013 mit Frauenbewegung, Feminismus, Aktivismus? Wie sieht die berühmt-berüchtigte “Szene” aus, wie sind wir aufgestellt, und wo geht es hin? Seit Wochen zerbreche ich – und ich weiß auch viele andere kluge Frauen und Männer – mir den Kopf darüber. Ich war jahrelang fast so etwas wie eine Anti-Feministin. Feminismus fand ich überholt und verquer, Quote schwachsinnig und unnötig, die Diskussionen entweder hysterisch oder verkopft. Dann las ich in Thomas Schwinns Buch zu sozialen Ungleichheiten, und es öffnete mir die Augen. Ich begann vieles zu überdenken, neu zu sehen. Dann kam #aufschrei. Frauen, die mir vorher unnahbar vorkamen, diese beunkte “Szene”, öffneten solidarisch ihre Arme, teilten ihre Geschichten und Erfahrungen. Unabhängig von Followerzahlen, “Popularität”, oder sonstigen oberflächlichen Kategorien, waren sie einfach da. Eine Zeit lang gab es keine Strömungen, es gab uns, unsere Solidarität unter einander, wortloses Verständnis. Ich war zu Hause.

Die Wochen und Monate vergingen. Der Medienhype legte sich, Aktionen wurden gestartet, neue Gruppen bildeten sich, meist aus dem einfachen Grund, dass man sich eben etwas besser “kannte” – so man das halt im Internet sagen kann. Ich blicke immer noch nicht durch alle Strömungen durch. Und sie sind wertvoll. Für uns alle. Mit Spannung verfolge ich die Critical Whiteness Debatten. Und wenn ich mich nicht dazu äußere, dann aus tiefstem Respekt vor dem Thema und der Unsicherheit darüber, etwas falsches zu sagen. Sich selbst immer wieder zu reflektieren, die eigenen, alten Standpunkte zu überdenken, ist manchmal schwer, aber oft unglaublich befreiend. So bin ich dankbar über die “alten” und “neuen” Feminist_innen, Menschen die bei Emma und der Mädchenmannschaft seit Jahren die Stellung halten. Ein kleines bisschen dankbar bin ich auch Femen – und es tut mir in der Seele weh, wenn ich ihre kruden Äußerungen lese, von denen ich mich einfach distanzieren muss.

Was allerdings schmerzhafter für mich ist, ist der Umgang untereinander. Diskussionen mit Maskulisten und Anfeindungen durch Berufshater zermürben, die oberflächliche Darstellung durch Journalist_innen mit ihren eigenen Agenden und/oder Vorurteilen nimmt Kraft. Niemand hat Lust, immer wieder alles zu erklären. Niemand hat Kraft, auf jede Kritik charmant und verständnisvoll zu reagieren. Das hat nichts mit Feminismus zu tun. Das ist menschlich. So kann ich auch Sticheleien verstehen. Sie sind Ventil für Frust, Wut, Enttäuschungen. Ich kann es verstehen, sich über Menschen aufzuregen, die eigene Positionen nicht teilen – vor allem, wenn sie Teil derselben Bewegung sind. Ich kenne das aus der Parteiarbeit sehr gut. Jemand, der in der SPD die VDS befürwortet, tut mir sehr viel mehr weh, als jemand aus der CDU. Dem liegt ein höherer Anspruch an uns alle zu Grunde. Damit verbunden ist jedoch ebenfalls ein Zutrauen, sich auf die andere Position einzulassen – und geschieht das nicht, sind wir enttäuscht.

Dies soll kein Text werden, der Strömung X gegen Gruppe Y abwägt. Ich weiß nicht mal, ob ich mich irgendeinem Teil davon zugehörig fühle – ich bin in den Feminismus reingestolpert, und versuche immer noch mich zu orientieren. Ich möchte einfach meine Solidarität aussprechen. Am Ende haben wir alle dasselbe Ziel: eine gleiche, besser Welt. Mehr, gleiche Chancen für Frauen. Ob durch Online-Aktionen, intersektionale Debatten, ob durch Demos oder Diskussionsrunden im Fernsehen – alles führt letztendlich dazu, das Thema in der Gesellschaft präsent zu halten – denn das ist nötiger denn je, in einer Zeit, in der meine Generation mit der Überzeugung aufwuchs, Feminismus wäre ja eigentlich nicht mehr nötig. Die Gesellschaft ist vielschichtig, Menschen sind unterschiedlich – unterschiedliche Personen erreicht man durch unterschiedliche Wege. Manche reagieren auf persönlichen Erfahrungsaustausch. Manche auf Humor. Andere auf Wissenschaft. Alle Wege und Mittel sind gleichermaßen wichtig, so wie alle Menschen, die wir erreichen wollen, gleichermaßen wichtig sind. Wir sollten uns alle dabei unterstützen – und kritisieren. Und die Kritik als das verstehen, was sie ist: konstruktive Anregungen unter Verbündeten. Dazu sollten wir alle darauf achten, sie entsprechend zu formulieren und anzunehmen. We’re in this together.

Ich habe noch niemanden getroffen in dieser unglaublich großen Menge an tollen feministischen Menschen, die sich nicht immer wieder hinterfragt. Wir sollten uns selbst gegenüber versöhnlicher sein. Wir machen Fehler. Wir lernen daraus. Die Gesellschaft ist nicht gerade für uns – und so bleiben nur wir untereinander als Kompliz_innen. Wir haben viele, viele Unterstützer_innen, die stumm beobachten und uns von den Seitenlinien anfeuern, ohne Blog oder Twitteraccount. Das dürfen wir nicht vergessen. Auf jede “sichtbare” Feministin kommen dutzende unsichtbare. Auch hier sollte es Bestrebung sein, die Vielfalt der Bewegung sichtbar zu machen. Dies braucht manchmal Zeit und Vertrauen. Wie viele weiter geleitete Interviewanfragen ich aus Angst oder Zeitmangel bereits abgelehnt habe, weiß ich nicht mehr. Das sich-Bewegen im Medienzirkus ist schwierig und mit Nutzen abzuwägen. Doch wir sollten uns auch daran erinnern, dass es nur eine Person in Deutschland gibt, die mit dem Thema Feminismus derzeit einen Blumentopf gewinnen kann: Alice Schwarzer. Für jede andere Frau ist das Thema eher Stempel statt Auszeichnung. Wenn sich eine von uns freiwillig ins Rampenlicht begibt, dann mit der tiefsten Hoffnung, dadurch etwas zu verbessern. Vielleicht ist das manchmal naiv. Andererseits würden das manche auch über den feministischen Glauben an eine Möglichkeit der völligen Gleichberechtigung von Mann und Frau sagen. Hoffnungslose Naivität und unerbitterlicher Idealismus sind unsere Waffen. Wir sollten sie uns nicht gegenseitig aus den Händen nehmen.

Bascha Mika endet ihre Einleitung mit einem Zitat von Alice Schwarzer (S.20f):

…einen Menschen, den ich ernst nehme, messe ich an seinen Möglichkeiten, ihm gebe ich die Chance einer (offenen!) sachlichen Kritik, statt ihn der Demontage einer (heimlichen) unsachlichen Häme auszuliefern.

Auch wenn Alice Schwarzer sich nicht mehr an ihren Leitsatz erinnern zu scheint, so sollten wir ihn uns zu Herzen nehmen und uns immer wieder daran erinnern: we’re in this together.

<3

 

Xbox One & Call of Duty. One Xbox, one gender

Gestern wurde die Xbox One vorgestellt. Ich spare mir den Rant darüber, wie es eigentlich nur um TV und Sport Games ging, wie die Xbox One jetzt dem Entertain System der Telekom Konkurrenz machen will, und wie Microsoft die Präsentation lieber nur für die Shareholder gemacht hätte, wie sie explizit keine Spielkonsole machen wollten. Zur generellen Enttäuschung sag ich nichts. Und nein, zu dem Typ mit den zwei Uhren sag ich auch nix. Dafür gibt es genug gut analysierte Artikel.

Als Spielerin fielen mir gestern in der Präsentation zwei Dinge unangenehm auf: die Fokussierung auf männliche Spieler und das komplette Fehlen eines weiblichen Charakters in den vorgestellten Spielen. Mit Sportgames und Rennspielen legte Microsoft einen Schwerpunkt auf Genres, die traditionell meist von Männern* gespielt werden. Und ja, es gab einen Moment, wo vorgestellt wurde, dass Kinect meine Herzfrequenz meines Workouts messen könnte und dabei eine Frau gezeigt wurde. Das geht aber wieder in die Richtung Entertainment/Wii Fit, und nicht Richtung Games. Spielegott bewahre, dass man Hockey oder Volleyball auf einer Konsole spielen kann. Oder Fußball mit Frauen. Wo kämen wir denn da hin!

Was aber wirklich den Vogel abschoss war Call of Duty. Wie man minutenlang darüber schwärmen kann, dass man jetzt realistische Armhaare visualisieren kann, dass Fische unter Wasser wegschwimmen wenn man eintaucht (CoD: Atlantis?), und wie ein Hund für emotionale Tiefe sorgt (Charakterentwicklung? Story? lol, laaaame, komm, wir stecken lieber nen Schäferhund in einen Motionanzug!), wird mir wohl auf ewig verschlossen bleiben. Alles ist individualisierbar – außer dem Geschlecht. Denn Frauen, diese komischen Wesen, die liegen mit Sicherheit außerhalb des Möglichen. Fische, Hunde, Regenwälder, kein Problem. Eine Frau animieren? Dafür… müsste man… sich ja… mit… Frauen…….. beschäftigen?!

So geil CoD Ghost aussieht, von mir bekommt es ein großes Fuck Off und ByeBye. Klar, ich muss nicht zwingend im MP ne Frau spielen. Wenn ich sie im SP wählen kann, oder zumindest, irgendwo. in. diesem. verdammten. Spiel. auch. nur. eine. Frau. vorkäme – wäre ich ja schon zufrieden. Aber die Präsentation gestern – nein. Sprechen wir lieber von Hunden. Der beste Freund des Mannes. Höhö.

Klar, Microsoft hat seine Marktforschung betrieben. Mit welcher Qualität bleibt abzuwarten. CoD verschließt sich weiterhin einer großen Zielgruppe, aus Angst, sein cooles Image durch Frauen aufzuweichen. Paging Don Draper. Es ist 2013. Nur so zur Info. Aber kay.

So schön die Entertainment Gimmicks sind, so wenig mich die vorgestellten Genres aus verschiedenen Gründen reizen, so deutlich ist das Signal von Microsoft: dies ist ein System von Männern, für Männer. Da ändern auch die zwei Frauen (immerhin!), die es auf die Bühne schafften, nichts. Denn, seien wir mal ehrlich: ihre Redezeit zusammen war kürzer als die Screentime des CoD Hunds.

Sony macht es in der Hinsicht – gewollt oder ungewollt – schlauer: ihr System strahlt mehr Freude an Spielen aus, ist aber gleichzeitig Einsteiger_innen-freundlicher, ohne das Image der Konsole für “Core-Gamer” (what is this even I don’t know). Langfristig werden sie so mehr Spieler_innen an sich binden, während Microsoft versucht, die Bindung über ein-Wort-Befehle und Entertainment-Gimmicks herzustellen. Und natürlich: bei der Xbox bleibt man unter sich. Denn das ist es ja, was eigentlich gesagt wird. Und jetzt Xbox One: mach mir ein Sandwich.

Jetzt zieh dir doch mal was an, du kriegst noch ne Blasenentzündung!

Ra

Quelle Smite

Ich spiele gerne. Ab und zu schreibe ich ja auch hier was dazu. Und heute ist wieder so ein seltener Tag. Lobet den Spielegott!

Vor ein paar Monaten schrieb ich einen langen Artikel zu Sexismus und Spielen ganz allgemein. Als Beispiel dafür brachte ich Smite an, ein Spiel, für dass ich anfangs Feuer und Flamme war, mir richtig Spaß machte, aber es jetzt schaffte sich schon in der Beta-Phase ins Aus zu schießen. Durch was? Nun. Durch die sogar noch zunehmende Sexualisierung der weiblichen Göttinnen. Mit jeder Charaktervorstellung wurden die Outfits knapper. Mit jeder neuen Göttin die Busen größer. Mit jedem Bild mehrten sich die Kommentare der Spieler_innen: meh, wollen wir nicht, was soll das. Aber auch: geil, sexy, heiß, mehr davon. Smite wurde ein Spiel, das lange nicht mehr allein zum Ziel hat gute Kämpfe in Teams anzubieten, sondern vielmehr im Rundumpaket “was fürs Auge” zu bieten. So sind dann auch die Outfits, die man für erspielte Credits kaufen kann, immer abstruser geworden: von der Krankenschwester zur Domina, alles dabei. Die männlichen Götter dagegen cool und lässig: ihre erspielbaren und käuflichen Outfits sind lustig, schräg, stark. Sie heben Charakterzüge hervor, während das einzige, was die Outfits der Göttinnen hervorheben, äußere Geschlechtsmerkmale sind.

Okay, ein Spiel, offensichtlich gemacht von Männern, die nie im Leben dachten, dass potenziell eine Frau ihr Spiel spielen könnte. Oder so. Denn, hey, mal ehrlich. Dieses Tittengewackel, die nackten Beine, die übergroßen Ärsche, allgemein, all diese omnipräsenten Geschlechtsteile von Frauen in Spielen, die ihnen eigentlich schon beim Laufen im Weg sein müssten – es nervt. Zieht den Frauen doch mal was an! Bei Männern klappt das doch auch. Selbst die von mir geliebt Mass Effect Reihe trägt ihren Teil dazu bei: Miranda, einer der Hauptcharaktere im zweiten Teil, trägt einen hautengen Latexanzug, der jede Kontur abbildet. Jede. Und selbst in simplen Gesprächen haben die Macher_innen sichergestellt, dass wir auch ja nichts verpassen.

Yeah, keine Ahnung wie Miranda in dem Outfit kämpfen kann, mich würde ja die Hose in der Ritze zu sehr zwicken und mich um jede Konzentration bringen. Aber kay. Solche Dinge sind manchmal lächerlich, so dass ich nur lache und die Schultern zucke, und manchmal so überladen und wiederkehrend, dass sie mich regelrecht von einem Spiel abstoßen (siehe Smite). Was so, so, schade ist. Wie soll ich mich in einem RPG mit einem halbnackten Püppchen-Charakter identifizieren, wenn ich ihr nichts anziehen kann? Ich mein, okay, klar, es gibt Leute, die möchten ihre Frauen so spielen…

Skyrim

Gefunden in einem Skyrim-Forum Quelle

…aber ich würde doch zumindest gerne die Wahl haben. Denn, sorry, wenn ich sehe, wie männliche Charaktere dagegen ausgerüstet werden, erfasst mich schon ein bisschen der Neid. Das scheint wenigstens realistisch! Bis obenhin zugepanzert, coole schwere Rüstung aus Drachenknochen oder weiß der Henker, Panzerung statt Rüschen, Ausrüstung statt Schleifen. Wenn meine Heldin nur einen Schlüpper und nen Gürtel plus BH trägt, müsste sie schon allein auf dem Weg nach Winterfeste erfrieren. Von den Verbrennungen 18. Grades beim Kampf gegen einen Drachen mal ganz zu schweigen. Was soll das also?

Es geht mir nicht darum, jemanden sexy Outfits wegzunehmen (wozu gibt es schließlich auch noch entsprechende Mods). Wenn für euch das zum Spielerlebnis dazu gehört, kein Ding. Cool. Haut rein. Es geht einfach darum, eine Wahl haben zu können. Bei NPCs auch etwas Realismus und Abwechslung zu haben. Und vor allem darum, Frauen nicht durch eine übertriebene Sexualisierung wieder klein zu machen und sie auf Äußerlichkeiten zu reduzieren, anstatt sie als die badass Heldinnen/langweilige Randompersonen/gute Freundinnen/Informationsgeberinnen zu sehen, die sie sind. Mich würde es wohl genauso stören, wenn alle männlichen NPCs in Spielen mit nacktem Oberkörper und engen Ledershorts, in denen der Schritt Footballgröße hat, rumlaufen würden. Die Frage ist ja – denken Spielemacher_innen, dass dies von der Community gewünscht wird, und wird es wirklich gewünscht? Und wer gehört dieser Community überhaupt an? Aber dazu ein anderes Mal mehr…

Denn es geht ja auch anders. Mittlerweile gibt es zumindest die Möglichkeit, schwere Rüstungen auch an weibliche Charaktere anzulegen. Sieht zumindest schon etwas besser aus:

Aber auch hier scheint es nur Rüstungen zu geben, die Weiblichkeit betonen. Alle haben sie die obligatorische Brustplatte, die Brüste akzentuiert. Hier könnt ihr super nachlesen, warum jede Heldin in solch einer Rüstung beim ersten Kampf wohl tot wäre – der resultierende Druck auf das Brustbein würde sie umbringen. So viel dann zum Realismus… Tja, dann wäre der Ganzkörperlatexanzug von Miranda wahrscheinlich noch die bessere Wahl. Doch es geht auch anders. Es gibt immer wieder Concept Arts mit schönen, weiblichen Rüstungen, zum Beispiel diese hier von Thor. Ich würde mir mehr davon wünschen. Viel mehr. Nicht nur in den spielbaren Charakteren, sondern überall.

Damit Frauen in Spielen eben mehr als Tropes sind, mehr als billige Plotlines oder Deko. Damit sie, selbst wenn sie denn dann eine inhaltliche Funktion bekommen, nicht trotzdem zum Anguck-Objekt degradiert werden. Damit Mädchen und junge Frauen, die mit Spielen aufwachsen wenigstens in dieser Welt eine Zuflucht haben, in der sie nicht der ständigen Sexualisierung unterworfen werden. So wie die sogenannte große Spielerszene aus selbsterklärten Gamern, die sich von den falschen “Fake-Gamer-Girls” abgrenzen wollen, einst Zuflucht bei Counter Strike, FinalFantasy, Starcraft usw. fanden, um für ein paar Stunden Held sein zu können, ohne an die schmerzhafte Realität erinnert zu werden.

Denn Spiele sind nicht nur Spiele. Spiele sind Teil einer Kultur, unserer Kultur, und somit Teil der Gesellschaft. Sie prägen uns mehr als uns lieb ist. Eine Studie zu weiblichen Spielecharakteren und ihren Einfluss auf (Selbst-)Wahrnehmung von Frauen schrieb dazu folgendes:

On the one hand, such female characters are strong, bold, intelligent, and independent, but on the other hand they are made-up (with makeup and clothing), sexualized, and objectified. These latter characteristics are what maintain females vulnerable and non-threatening status. Thus, the powerful role of the female heroine is diminished by the emphasis on her physical feminine appearance. In particular, it is the sexualization of female characters in video games that seems likely to negatively influence video game players perceptions of self and women in society. Based on the assumptions of social cognitive theory of gender development and differentiation, exposure to sexually objectified women and girls in video games would be expected to influence social perceptions about gender and women.

[...]

Specifically, these data cautiously indicate that gender  portrayals in video games can, in fact, affect people’s beliefs about women in the real world, and women’s self-efficacy’s gendered self-concept.

Die ganze Studie könnt ihr hier nachlesen. Das Aussehen weiblicher Heldinnen und NPCs ist also nicht nur Geschmackssache, sondern hat handfeste Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung von Frauen im Alltag. Auch wenn große Publisher sich dem vielleicht sogar schon bewusst sind, über kurz oder lang hilft es wohl nur, positive Beispiele heraus zu stellen und sonstigen Quatsch wie Zombie-Bikini-Büsten nicht zu kaufen. Und die dazugehörigen Spiele gleich nicht mit.

Und damit der Post hier nicht auf so einer ernsten Note endet, hier mein All Time Favorite Spiele Mod.

Sex, Tugend, und die Pille danach.

Was haben Deutschland, Italien und Polen gemeinsam? Sie sind die einzigen drei Länder in Europa, in denen Notfallverhütung (die “Pille danach”) nicht rezeptfrei ist. Sie sind außerdem Länder, die eine ausgeprägte christliche Lobby haben – in Deutschland regiert sie sogar.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt seit einem Jahrzehnt, die Rezeptpflicht der Pille danach abzuschaffen. Bei der Notfall(!)Verhütung geht es schließlich um Stunden – sie muss möglichst schnell eingenommen werden, um wirksam zu sein. Deutschland widersetzt sich dieser Empfehlung hartnäckig, und die Regierung lehnte zwei Anträge der SPD und Linken, dies zu ändern, diese Woche ab. Wie schlimm die Situation für Frauen in Deutschland wirklich ist, wenn sie in die Lage kommen, die Pille danach zu benötigen, könnt ihr hier im Text und den Kommentaren nachlesen. Oder einfach mal mit Frauen sprechen, die schon mal darauf angewiesen waren.

Scham.

Das ist das Wort, dass es wohl am besten trifft. Fast alle Frauen berichten von beschämenden Erfahrungen. Selbst Frauen, die vergewaltigt worden sind, denen ein Kondom riss (das mag tatsächlich vorkommen, no kidding) oder sonst wie nach den deutschen Moralvorstellungen “unschuldig” die Pille danach benötigen, werden in Blicken, Worten und Taten beschämt. Wo rührt das her? Woher kommt dieser Hang zur Tugend, diese Wahrnehmung, Frauen, die eine Pille danach bräuchten, wären unverantwortlich? Und, selbst wenn sie das alle wären – woher kommt die Annahme, auch nur irgendein_e Politiker_in, Ärzt_in, Apotheker_in hätte das Recht, darüber zu urteilen?

Frauen und Sex, ja, okay. Aber bitte verhüten. Und ohne Folgen. Schon gar keine ungewollten. Schön leise. Und bitte liebe Frauen, habt ja keinen Spaß. Sex dürft ihr nicht häufig haben, nur mit einem wiederkehrenden Partner und nur dann mit einer Frau, wenn mindestens ein Mann zu seiner Unterhaltung zuguckt. Frauen, die ihren Körper und Sex genießen, ja wo kämen wir denn da hin! Frauen, ihr müsst dabei stets alle Folgen im Blick haben, habt ihr die Pille auch schön genommen und dem Mann das Kondom gekauft? Ihr dürft euch nicht gehen lassen. Perfekte Tugend, Engel und Hure, aber nur so lange die Hure hinter geschlossenen Türen bleibt und sich ja nicht erdreistet, eine Notfallleistung einzufordern.

Ich habe die Schnauze voll, dass mir eine Gesellschaft meinen Körper, meine Sexualität bestimmen will. Denn neben all den fadenscheinigen Argumenten um Nebenwirkungen (nicht schlimmer als die Regelschmerzen und -begleitungen die viele Frauen monatlich haben), Missbrauch (#wiesmarties), und inkompetente Apotheker_innen die nicht beraten können (ernsthaft?!), ist es das, worum es geht: sexuelle Selbstbestimmung.

Ich schlafe mit wem ich will.

Wie ich will.

Wann ich will.

Wo ich will.

Und sollte ich tatsächlich in die beschissene Lage kommen, Notfallverhütung zu benötigen, hat niemand, absolut niemand, das Recht, über mich zu urteilen.

Ihr seid nicht besser als ich. Ihr arbeitet, ihr lebt, ihr fickt, ihr habt Spaß. Ihr seid genauso sehr und genauso wenig eine Hure, Schlampe, Fotze, Frau, Mensch wie ich.

Ihr macht mir keine Angst. Und ihr werdet mich nie wieder beschämen.

Mein Körper, mein Herz, mein Verstand, meine Seele.

Meine Meinung gehört mir.

Meine Lust, über etwas zu sprechen oder schreiben oder gar zu diskutieren genauso.

In letzter Zeit passiert immer öfter etwas merkwürdiges: Menschen denken, ich wäre verpflichtet, mit ihnen über Themen zu diskutieren. Dinge wie Frauenquote oder das Gender_Gap zu rechtfertigen. Zu argumentieren. Menschen, die erwarten, dass ich ihnen meine Zeit widme. Meine Zeit, meine Aufmerksamkeit. Einen Teil meines Lebens. Menschen, denen ihr Tonfall egal ist, für die ich ein Abbild eines Vorurteils bin, frei verfügbar, beschimpfbar, benutzbar. Erklär mir das. Rechtfertige jenes. Keine Lust? Das ist so typisch!

Sie wollen, dass ich ihnen gehöre.

Mit Sinn, Verstand, Gefühl.

Es ist das alte Muster: du stehst da mit deiner Meinung, die zufällig anders ist als die meine. Doch ich hab die Macht, also erklär sie mir gefälligst, bück dich, schluck all die Vorwürfe und Belehrungen die ich halbgar ausspucke, und lächel nett. Bleib höflich, nicht aufmucken. Sei still. Brav. Schön. Und jetzt mach mir ein Sandwich.

Ich gehöre euch nicht. Ich bin zu nichts verpflichtet.

Genauso wenig ist Anne verpflichtet, auf der re:publica in ihrer Präsentation die bahnbrechenden Weltverändernden Schritte zur gerechten Welt nach #Aufschrei aufzuzeigen. Genauso wenig ist Kathy verpflichtet, nach der Maischberger Sendung jeder Person Feminismus zu erklären. Genauso wenig ist Jasna verpflichtet, nett und höflich zu Pick Up Artists zu sein, die sie vorher beleidigten.

Feminismus ist keine Selbstaufgabe.

Feminismus ist Stärke, Mut und Inspiration.

Nur weil manche Menschen zufällig in der privilegierten Position sitzen, von feministischen Themen nicht berührt zu werden, gibt es ihnen nicht das Recht an meiner Meinung. Meiner Zeit. Meiner Leidenschaft.

Die Verfügbarmachung von Frauen ist weltweites Muster – körperlich, seelisch, emotional. Immerzu müssen Frauen verfügbar sein. Schön sein. Nett sein. Adrett sein. Intelligent argumentieren. Ihr Meinung begründen. Männer (und Frauen) überzeugen.

Respekt wird an Argumente gebunden: Wenn du mich nicht überzeugen kannst, dann respektiere ich dich auch nicht. Wenn du mir keine Zeit widmest, darf ich dich beschimpfen.

Es wird Zeit, aus diesem Muster auszubrechen.

Meine Meinung gehört mir. Mein Mut gehört mir. Mein Herz gehört mir.
Meine Tränen, mein Schweiß, meine Verzweiflung, meine Freude, meine Träume gehören mir.

Wer das nicht respektieren kann, ist Gefangene_r eines längst überholten Gesellschaftmusters.

Quo vadis, Deutschland?

Plötzlich wird sie sichtbar, die Bruchstelle, die durch unsere Gesellschaft geht. In Diskussionen über Steuerhinterziehung von geliebten Fußballtrainern, in Analysen von Steuerkonzepten und wer wie viel mehr zahlen müsste, in der Themenstrecke “Arbeit für Alle” der FAZ und in rechtspopulistischen Parteigründungen wie der AfD. Es ist genau diese Bruchstelle, die so lange Jahre von Merkel und ihrer schwarz-gelben Regierung verschlafen, ausgesessen wurde. Stets in der Hoffnung, der gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische Wandel, der von außen auf uns alle einwirkt, würde doch bitte noch ein paar Jahre alles so belassen, wie es früher einmal war.

Die Bruchstelle – oder auch Spaltung – unserer Gesellschaft verläuft noch unauffällig, wohl auch, weil in den Großstädten bislang die Autos nur zum 1. Mai brennen und die Jugendlichen zwischen Abi und Studium so eingelullt sind, dass sie nie im Traum auf die Idee kämen, auf die Straße zu ziehen. Aber gerade das macht sie so gefährlich: da hilft es auch nichts, den Armutsbericht zu schönigen und unliebsame Passagen zu streichen. Die Kluft zwischen “arm” und “reich” wird immer größer, die allseits so umworbene Mittelschicht gibt es in ihrer Stärke so schon lange nicht mehr. Reallöhne sinken seit Jahr(zehnt)en. Bürger_innen haben immer weniger Geld in der Tasche, während geringfügig Beschäftigte (was letztlich nur ein Codewort für: ausgebeutete Arbeiter_innen ist) stabil ihren Anteil am Arbeitsmarkt behalten, Auslastung der Wirtschaft hoch oder nicht. Und so hebt sich bei mir nicht nur eine Augenbraue, wenn die FAZ in ihrer Parallelwelt Blogger_innen bittet, zum Thema Vollbeschäftigung zu schreiben.

Denn ja, das ist die andere Seite der Spaltung: die sogenannte Leistungselite (was letztlich nur ein Codewort für: privilegierte Angestellte ist) beißt und kratzt um ihre letzte Bastion. Die FAZ schreibt fürsorglich schon mal den Untergang des Abendlands herbei (“SPD Kindergeldpläne belasten jede dritte Familie”), verschweigt aber, dass eben 2 von 3 Familiien unbelastet bleiben, wenn nicht profitieren. Ein Gottschalk, für dessen Outfit seine Kassiererin ein Vierteljahr arbeiten muss, regt sich über zu hohe Steuersätze auf, obwohl er sein Geld schon lange in Kalifornien in Sicherheit gebracht hat. Umverteilung, Teilen, nein, das Geld ist unseres, der Lohn unserer, und eine Allgemeinschule für alle? Gott bewahre! Dann müssten unsere Kinder ja in Kontakt mit dem Hartz IV Abschaum kommen, da können sie ja nur dumm werden, so, als ob alle Student_innen die momentan an den Unis hocken, naturgemäß klüger wären als Kevin und Musaf aus den ungeliebten Randgebieten.

Dabei ist das alles ein lange bekanntes Phänomen: jede Schicht versucht für sich eine Absicherung herzustellen, und das bedeutet eben, nicht nach unten zu sacken. Und so tritt und kämpft die Mittelschicht um ihre letzte Bastion bürgerlichen Seins, den Zaunpfahl des Schrebergartens in der Hand. Dann geht die alleinerziehende Kassiererin eben zwei Jobs arbeiten, warum soll nur ihr das Geld aufgestockt werden? Warum soll ich jetzt mit meinem 65.000€ Job mehr Steuern zahlen, habe ich doch so hart dafür gearbeitet, abends und am Wochenende! Dann hätte die Kassiererin eben was anständiges lernen müssen! Ihre Eltern sie unterstützen müssen! Mit ihr lernen müssen! Tja, da können wir jetzt auch nichts für, dass sie abends keine Kraft mehr hat das mit ihren eigenen Kindern zu tun, weil sie nach 12 Stunden schuften zu kaputt ist. Müssen die sich halt anstrengen. Haben wir ja auch gemacht. Sprach’s, und nahm eins der zwei oder drei Autos der Familie, um ein paar Steaks zum Gartengrillen zu kaufen.

Quo vadis, Deutschland? Wie solidarisch bist du? Wie gut weißt du, dass das Wort “teilen” im Wort “umverteilen” steckt, und wie viel Angst hast du eigentlich, selbst hinten über zu fallen, in einer Welt, in der eine Schreckensnachricht die nächste jagt?

Ob ihr es wahrhaben wollt oder nicht: dieses Wahljahr ist wirklich richtungsweisend geworden, entscheidend, lange über die nächsten vier Jahre hinaus. In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Entscheidet das Wir oder das Ihr? Gibt es überhaupt noch eine Chance auf ein “Wir” – oder stehen wir uns alle schon längst gegenüber, die Bruchstelle nicht mehr frisch und unkittbar?

Quo vadis, Deutschland?

Genosse, alt, männlich, im Ortsverein, sucht:

Vor ein paar Wochen erhielt ich eine Email von einem Mann, der mich fragte, was konkret in Ortsvereinen getan werden könnte, um mehr (junge) Frauen für Politik zu begeistern. Ich hab in der Vergangenheit ja schon ein paar Mal über meine Wahrnehmung der SPD geschrieben. Gleichzeitig beendete ich gestern “Lean In” von Sheryl Sandberg, ein wirklich gut geschriebenes – und überhaupt nicht so “vorschreibendes” wie von anderen angekündigtes – Buch für Leadership und Management. Man mag es ja nicht glauben, aber in meinem Dreiviertel-Jahrzehnte langen Schlenker in Unternehmen habe ich mich viel mit Strategie, Controlling, Kommunikation und – ja – Organisationstheorie befasst. Umso spannender war es für mich, die Frage zu beantworten zu versuchen. Denn klar, dass sich was ändern muss ist schnell gesagt, aber was denn ganz konkret?

Hier also ein paar Ideen und Vorschläge.

1.) Ein angenehmes Klima schaffen.
Das heißt darauf achten, dass Frauen nicht direkt unterbrochen werden – generell eine gute Diskussionskultur etablieren, sie sich wohl fühlen. Nicht immer so sprechen, als wäre die eigene Aussage die in Stein gemeißelte Weisheit und einzig wahre Wahrheit (auch auf Twitter beliebt). Auch wenn es in der kleinen Männerrunde lustig ist und die Frauen brav mit lachen: anzügliche Witze unterbinden. In einem Umfeld, in dem eben noch über Frauen gelacht wurde, ist die Hemmschwelle dann doch größer, etwas zu sagen – und die Frauen, denen es nichts (mehr) ausmacht haben Sexismus meist schon so verinnerlicht, dass sie sich eher mit den anderen Männern solidarisieren, als mit den (neuen) Frauen. Also: ein bisschen filtern. Frauen ohne Druck mal nach Feedback oder Meinung fragen. Und sie, wenn man mit den Genossen oder Kollegen (beides: sic!) noch einen trinken geht, nicht ausschließen (und vielleicht nicht immer die schäbbige Kneipe wählen, wo die Frau schon beim Gedanken an den Nach-Hause-Weg schaudert).

2. Flexible aber planbare Zeiten etablieren.
Gerade berufstätige Frauen oder auch einfach Frauen mit Kindern sind auf planbare Termine angewiesen. Wenige Tage – oder Stunden – vorher einen Termin zu vereinbaren, ist kontraproduktiv. Wenn möglich, könnte in den Ortsvereinen – oder auch auf der Arbeit – darauf geachtet werden, Zeiten zu finden, an denen sowohl Berufstätige und/oder Eltern teilnehmen können, und zu denen sich zur Not Kinderbetreuung finden lässt. Oder Kinderbetreuung anbieten: was spricht dagegen, die Genossin zu ermuntern, ihr(e) Kind(er) einfach mal mitzubringen, ein paar Spielzeuge in der Geschäftsstelle zur Verfügung zu stellen, und ähnliches?

3. Relevante Themen behandeln.
Natürlich hat jede_r viel mehr Lust, sich an irgendwas zu beteiligen, wenn sie/er auch die persönliche Relevanz herstellen kann. Umso mehr natürlich betrifft das auch Vernetzungen, die nicht in der Sitzung per se stattfinden, sondern über Smalltalk. Es klingt vielleicht blöd, aber wie oft habe ich mir schon gewünscht, mich für Autos zu interessieren oder die Tabelle der Bundesliga zu lernen, um wenigstens kurze Einwürfe machen zu können. Ein bisschen Reflektion schadet da niemanden. Und: das Programm der SPD bietet genug Luft, um Themen zu finden, die Frauen und Männer gleichermaßen interessieren.

4. Fragen hilft.
Ich fand es total faszinierend, das im Buch von Sandberg zu lesen, was ich vor kurzem erst mit einer Freundin besprach: Frauen wollen gefragt werden. (Gnah. Generalisierungen, ich hasse das ja bei Geschlechtern. Bitte alle Generalisierungen so lesen: in meiner persönlichen Erfahrung passiert dies Frauen öfter oder eher als Männern, ist aber sonst keine Regel, die ich hier aufstellen will oder sonstiges). In meiner Email formulierte ich das so: Frauen auch mal ansprechen, ob sie Lust haben, ein Amt zu übernehmen. Oft ist es so, dass Frauen gefragt werden wollen, darauf warten, dass ihnen das jemand anvertraut, während Männer ganz offensiv da ran gehen. Weiterhin kommen Frauen auch schnell in einen Modus, dass, wenn sie das Gefühl haben unerwünscht zu sein, sie umso mehr ausstrahlen, dass sie gar nicht in der Partei mitarbeiten wollen. Das heißt, wenn da eine junge, gute, halbwegs interessierte Frau ist, die dann aber plötzlich ausstrahlt, dass sie gar nicht will, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie nicht das Gefühl hat erwünscht zu sein oder sich nicht richtig in der Organisation wohl fühlt.

Vielleicht habt ihr noch Ideen oder Anmerkungen, und bei der Gelegenheit – weil, f-yeah Genderthema – empfehle ich euch auch noch mal meinen brandneuen Kommentarguide.

Anti-Feministen in freier Wildbahn, das Versagen der ÖR, und Ratlosigkeit.

Wir waren kurz vor die Tür gegangen, um frische Luft zu schnappen. Die Maischberger Sendung sollte gleich los gehen. Keine Minute draußen, da folgte uns ein junger Mann, dann noch einer, dann noch einer, dann noch fünf. Die Gruppe war uns schon zu Beginn aufgefallen, da sie uns beim Ankommen von oben bis unten musterten. Kritisch. Wertend. Einschätzend. Ausdauernd.

“Na ihr!” dreht sich einer zu uns, die Zigarette unbeholfen in der Hand. “Ihr seid doch bestimmt Feministinnen!”
Elli, Jasna und ich wechseln einen kurzen Blick. Okay, das könnte lustig werden, denke ich und frage zurück: “Wieso das denn?”
“Na, ihr seht halt so aus. Wie Feministinnen.”
Jasna und Elli wollen es nicht gelten lassen. “Erklär doch mal” sagt Jasna, “woran erkennt man denn eine Feministin?”
“Frauen, die einfach so selbstbewusst da stehen… na ihr müsst Feministinnen sein!”
“Frauen.. die selbstbewusst… da stehen…” wir wiederholen die Aussage langsam, das muss man erst mal verstehen. Wir lassen die Frage, ob wir Feministinnen seien unbeantwortet. “Für wen bist du denn da?” frage ich. Meine Neugier ist geweckt. Er weicht aus.
“Also ich hab ja nichts gegen Frauen” fährt er fort, “aber der Feminismus will alle Männer unterdrücken. Das finde ich total unfair.” Er scheint das wirklich ernst zu meinen. Wirkt unsicher.
“Inwiefern unterdrücken Feministinnen denn Männer?” fragt Elli oder Jasna oder ich, ich weiß es nicht mehr.
Er redet weiter, fahrig, nicht richtig antwortend, eher zu sich selbst sprechend. “Ich hab da so einen Kumpel, der wird von seiner Freundin total unterdrückt. Der kann gar nichts mehr.”
“Und was hat Feminismus damit zu tun?”
“Seit er mit der zusammen ist hat er nie Zeit für mich. Nur immer sie. Nie geht er raus.” Oh, ich ahne worum es geht. Vielleicht hilft es ja, jetzt mal von dieser Meta-Ebene runter zu kommen.
“Das ist doch normal, wenn man frisch verliebt ist. Das geht auch vielen Frauen mit ihren Freundinnen so” setze ich an.
“Das ist es ja! Die sind schon lange zusammen. Und sie unterdrückt ihn! Der Feminismus!”
“Ich denke, das ist eher eine Frauen-Männer Sache, als eine Feminismus-Sache” versucht es Elli.
“Guck mal, wie würde es dir denn gehen, wenn deine Freundin nicht für dich da ist wenn es dir schlecht geht, weil der fünfte Cousin ihres Freundes Geburtstag hat?” Ich gucke ihn an. “Ja, das kenne ich. Ist scheiße. Aber Freundschaften entwickeln sich eben.” Dann, kurze Pause: “Hast du ihn mal darauf angesprochen?”
“Ja. Sie unterdrückt ihn. Der Feminismus!”
“Du, das hat mit Feministinnen nichts zu tun.”
“Ich wusste doch, dass ihr Feministinnen seid!” Plötzlich ist er wieder groß, stark, nicht mehr verletzlich. Er ist gekränkt. “Auch wenn ihr das verneint habt!” Er guckt uns böse an.
“Niemand hat irgendwas  verneint” sagt Jasna.
“Doch, gerade du!” sagt er ihr. Und dann: “Wo kommst du her?”
“Deutschland. Ich bin Deutsche.”
“Nein. Ich meine: woher kommst du? Du bist doch Türkin! Oder so! Guck mal wie du aussiehst! Du bist keine Deutsche!”
Mein Toleranzlevel ist voll. Ich bin dabei zu gehen. Nach etwas Hin und Her gehen wir rein.

Wir erfahren kurz darauf, dass die Gruppe Jungs – Männer wäre wirklich zu viel des Guten – reihum alle Frauen unter 30 vor der Sendung ansprachen. Wie in einer Übung. Einer der verantwortlichen Redakteure läuft vorbei, ich halte ihn auf. “Ich war darauf gefasst, anti-feministische Kommentare zu bekommen, das kenne ich, das war zu erwarten. Aber dass wir uns rassistisch angehen lassen müssen, ist wirklich unakzeptabel.” Wir erklären die Situation. Stellt sich raus: die Gruppe Jungs – etwa 12 – waren Gäste des Pick Up Artists, der seinen geistigen Sondermüll schon bei ZDF Neo abließ und über krautchan eine für ihn günstige Abstimmung organisierte – ohne, dass die ÖR etwas bemerkten. Der verantwortliche Redakteur entschuldigt sich sofort bei Jasna, bietet an, den Typen zu konfrontieren, mit ihm zu reden. “Ich stelle mich jetzt nicht in die Gruppe und diskutiere das. Wir sind drei Frauen, entweder Sie glauben uns, oder nicht” sage ich. Schnauze mittlerweile voll. Jasna ist eh nervös, vor der Sendung, wir litten doch alle mit Kathy mit. Sagt, sie hat keine Lust das Rudel draußen durch einen Ausschluss eines der ihren zu provozieren. Ich stimme zu. Je länger wir eben diskutierten desto näher schienen die anderen Männer zu rücken. Gruselige Vorstellung. Der Redakteur verspricht, nach der Sendung mit dem Gast zu sprechen. Heute erfährt Jasna, dass der Mann einfach auflegte, als der Redakteur anrief.

Ich will ja nichts sagen…. aber….

Das kommt davon, liebe ÖR, wenn man sich nicht informiert.

Wenn man solchen Leuten Plattformen bietet – sei es als Talkshow-Gast (der “Artist” sollte erst bei Maischberger reden, durfte zum Trost dann seine Fußballmannschaft ins Publikum mitbringen) oder im Publikum. Eine Sendung zu Sexismus, und alle jüngeren Frauen müssen sich im Vorfeld der Sendung systematisch auf unangenehmste objektifizierende Weise mustern lassen. Einige sich beschimpfen lassen.

Und ich bleibe ratlos zurück: das sind diese Anti-Feministen? Diese Trolle, die mir hier die Kommentare vollkotzen oder auf Ask.fm fragen, ob ich “für Reizwäsche zu frivol” bin? Kleine, verunsicherte Männer, die traurig sind, dass ihr bester Freund keine Zeit mehr für sie hat?

upset

Ja, das sind sie. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie einfach Opfer von Leuten wie dem Pick Up Artist (Menschen, die Frauen beim ersten Ansprechen subtil runter machen, damit diese sich so schlecht fühlen, dass sie für die Anmache als Selbstbestätigung empfänglicher sind, ganz kranker Scheiß) sind, der locker zehn, fünfzehn Jahre älter war als seine “Bekannten”, die sich so eine kleine Armee zusammenstellen, um für ihre Ziele zu arbeiten. Die natürlich nen Scheiß damit zu tun haben, was der beste Freund des Typen denkt. Oder dessen Freundin. Das passt im Übrigen auch zu den Studien und Untersuchungen, die es zu dem Thema gibt. Das jedoch live mitzubekommen ist – unschön. Und sehr, sehr traurig.

Ich frage mich, wie man dem entgegen wirken kann? Geht das überhaupt als Frau? Oder müssen wir hier in unsere männlichen Mitstreiter vertrauen? Sollte man da von unten, der Wurzel aus ran? Oder einfach diesen “Artist” als das entlarven, was er ist – ein kranker Mensch dem es nur um sich geht?
Der Typ der uns ansprach könnte so ein sympathischer Mann sein. Man merkte sofort, dass er in dieser “ich mache Frauen jetzt runter um zu sehen ob ich sie rumkriege”-Rolle nicht natürlich war, wie es bei manchen Menschen (sic) leider der Fall ist, und generell so sensibel, in allem was er schilderte. Wie ein kleiner Bruder, den man trösten sollte. Und nicht zum Anti-Feministen anstacheln sollte. Nach der Sendung machte er ein Foto mit Alice Schwarzer. Und der Pick Up Artist sprach sie an. Er fände es gut, dass sie Männer nicht mehr so sehr hassen würde.

“Schatz” sagte Schwarzer, “ich habe Männer nie gehasst.”