Jessica Jones – die feministische Serie, die wir verdient haben

Seit letzter Woche kann man Jessica Jones auf Netflix gucken. Nach Daredevil ist es bereits die zweite Marvel-Heldin, die eine eigene Serie dort erhielt. Doch anders als bei Daredevil, der einigen wohl noch durch die damalige Verfilmung mit Ben Affleck etwas sagen dürfte, gab es zu Jessica Jones bislang wenig Mainstream-Vorwissen. Doch das schadet der Serie nicht, im Gegenteil: Jessica Jones kann man wunderbar ohne jegliches Wissen über das Marvel Universum gucken.

Der Inhalt der ersten Staffel ist schnell umrissen: Jessica muss sich ihrem früheren Stalker und Abuser stellen, der Menschen mit der Kraft seiner Gedanken kontrollieren und manipulieren kann. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht so sehr auf die Geschichte per se eingehen, sondern lieber über die Bedeutung einer Serie wie Jessica Jones im größeren popkulturellen Kontext sprechen (nur so viel: dramaturgisch top erzählt lohnt sich die Serie auch einfach als gute Unterhaltung, wenn man sich nicht für die nachfolgend ausgeführte Analyse interessiert). Jessica Jones ist die Art von feministischer Serie, auf die wir im Marvel-Universum lange gewartet haben. Im Folgenden ein paar Gedanken dazu (mit leichten Spoilern für die erste Folge, sonst jedoch weitestgehend spoilerfrei).

 


 

Jessica Jones hat überlebt. Emotionalen Missbrauch, Vergewaltigung, Stalking und nicht zuletzt ihre posttraumatische Belastungsstörung. Sie hat Fehler, ist sarkastisch und trinkt viel zu viel – und schlittert dabei gefährlich nah an so manchen Tropes vorbei. Oberflächlich. Doch was die Serie so stark macht, ist, dass Jessica eben nicht Opfer bleibt, ihre Fehler sie eben nicht ausschließlich bestimmen, ihr Trauma ihre Handlungen nicht definiert: Jessica wächst immer und immer wieder, gibt nicht auf und entwickelt sich weiter. Nicht nur wird emotionaler Missbrauch deutlich in all seinen Formen gezeigt (emotionale Manipulation, Erpressung, Gaslighting, Verlust des eigenen Urteilsvermögens), auch gibt es eine starke Szene, in der Jessica sehr laut und deutlich definiert, warum fehlender Consent eine Vergewaltigung ist. Es steht nie in Frage wie schädigend Kilgrave (ihr Abuser/Stalker) sich verhalten hat. Es steht nie in Frage, ob es ihre Schuld war.

Gleichzeitig schafft es die Serie sehr gut, auch die schwierigen Situationen eines Traumas darzustellen. Ob es das Wiedererleben des Geschehenen ist oder das anfängliche Unverständnis von Angehörigen, die eigenen Zweifel oder die lähmende Angst – alles findet sich in der Serie wieder. So gut bzw. echt, dass die Serie teils sehr anstrengend wird (an dieser Stelle auch eine CW/TW für die oben genannten Themen). So gibt es eine Szene mit Jessica und Trish, ihrer besten Freundin, in der ersten Folge, in der sich Jessica ihr anvertraut und ihr erzählt, dass Kilgrave zurück ist:

„It’s your PTSD.“
„It’s not my goddamn PTSD.“

Innerhalb dieser Szene schafft es Jessica, ihrer besten Freundin, mit der sie sechs Monate keinen Kontakt hatte, zu vermitteln, dass ihr Abuser – den alle für tot hielten – zurück ist. Nein, es ist nicht ihr Trauma. Ja, sie kann es einschätzen. Diese Szene ist so wichtig, so bedeutend: Dem eigenen Gefühl vertrauen und sich gegenüber anderen durchsetzen ist für Menschen, die unter emotionalem Missbrauch litten, eine kleine Revolution per se. Jessica dreht das Gespräch nicht nur innerhalb weniger Minuten, nein, es finden sich auch solche Perlen:

„You need to go back to that therapist-“
„-that quack that had me reciting street names from back home?“
„-a proven method for managing PTSD-„

Auf den ersten Blick lehnt sie die Therapie ab. Auf den zweiten Blick zeigt sich durch die Serie hindurch jedoch ganz deutlich, dass Jessica die dort gelernten Praktiken kennt, beherrscht, anwendet und sogar weitergibt. Was hier an dieser Stelle passiert ist vielmehr, dass Jessica es ablehnt, über ihre Therapie zu sprechen, wenn es gerade um eine akute Bedrohungssituation geht; und die Therapie nur erwähnt wurde, weil ihre beste Freundin Jessicas Ängste für eben dies hält: nur Ängste. Stattdessen bleibt Jessica hier und immer wieder bei sich und vertraut ihren eigenen Instinkten. Und, noch so viel schöner – ihre Freundinnen und Angehörigen vertrauen ihr ebenfalls. Das tut gut und ist so, so wichtig zu sehen. Diese und andere Formen der Selbstbestimmtheit sind typisch für Jessica Jones und nur einer der Gründe, warum diese Serie so empowernd ist.

via elanormcinerney.tumblr.com

Ein bisschen funktioniert die Konstellation von Kilgrave, der die Gedanken von Menschen kontrollieren kann, und Jessica Jones, als unfreiwillige Heldin, auch als Allegorie für Hatespeech und emotionaler Gewalt. Das Überleben von einschneidenden Erlebnissen, die diffuse Angst, dass es immer wieder passieren könnte, die nicht näher definierten potenziellen Täter_innen die ebenso anonym wie präsent sind: Dinge, die bei vielen Frauen und Aktivist_innen ein unbestimmtes Dejá Vu hervorrufen. Generell geht es viel um männliche Macht: Über Frauen, über Körper, über ihr Leben. Über ihre Entscheidungen und die männliche Anspruchshaltung, eben jene beeinflussen zu können.

In diesem Kontext ist Jessica Jones so gut, wie wenige Charaktere vor ihr. Sie ist sie selbst, ohne Entschuldigungen für ihr Leben, aber durchaus mit Reue für einige ihrer Handlungen bzw. die Folgen ihrer Handlungen. Diese Differenzierung findet sich leider nicht oft – entweder sind Heldinnen „stark“ in dem Sinne, dass sie aufhören zu reflektieren, zu bereuen oder zu wachsen (eine recht männliche Definition vom Heldin sein) oder sie brechen unter der Last ihrer Fehler fast zusammen, alle Aktionen werden zu Reaktionen auf ihren eigenen Schmerz. Jessica Jones dagegen ist komplex.

Was die Serie weiterhin toll schafft: Selbst die Nebencharaktere haben ausgefeilte Hintergründe, alle haben eigene Motivationen. Es gibt eine lesbische Dreiecksbeziehung mit Frauen jenseits der 35/40 und verschiedene POC, deren Welt sich eben nicht nur um die weißen Charaktere dreht. Es gibt heißen Sex, bei dem man auch mal das Gesicht des Mannes in Nahaufnahme sieht. Es gibt Frauenfreundschaften und Frauen, die Karriere machen. Es entwickeln sich Freundschaften, gehen Beziehungen auseinander, und trotzdem schafft es die Serie, den Fokus weiterhin auf Jessica zu halten.

Jessica Jones ist rauh, stark, emotional und einfach gute Unterhaltung.

Die Folgen könnt ihr auf Netflix auf Deutsch und Englisch gucken.