Was tun gegen die digitalen Breitmachmacker?

Heute ging ein Tweet durch meine Timeline auf Twitter, in dem ein Mann den Papst belehrt. „Warum fragen Sie nicht Muslime, zum Christentum zu konvertieren?“ entgegnet er auf des Papstes Aussage, Muslime und Christen seien Geschwister und sollten sich entsprechend verhalten, und fügt dann hinzu: „Bitte lesen Sie John 14:6.“ Mit dieser Belehrung des Papstes hat das weit verbreitete Mansplaining (aus „man“ und „explaining“ – wenn Männer offensichtliche Fakten (meist Frauen) belehrend erklären) einen vorläufig neuen Höhepunkt erreicht. Männer scheinen zu allem eine Meinung zu haben – egal wie sehr oder wenig sie das Thema persönlich betrifft. Die Äußerung einer britischen Journalistin, als Frau keine Kinder bekommen zu wollen, führt letzte Woche prompt dazu, dass die BBC ihr einen Sicherheitsdienst an die Seite stellen musste – zu groß wurden die Anfeindungen im Netz. [TW Gewalt bis Absatzende] Ein Mann schrieb ihr beispielsweise, er wolle eine Aktion crowdfunden, um sie operativ für immer zum Schweigen zu bringen. [/TW]

Gleichzeitig sind die Reaktionen von Männern, die nicht gehört werden oder nicht gehört werden wollen – und deswegen beispielsweise gemutet, geblockt oder anders ausgeblendet werden – geprägt von Wut und Unverständnis. Die Australierin Clementine Ford, die kürzlich die missbräuchlichen Kommentare eines Mannes an dessen Arbeitgeber meldete – eine Aktion, die durchaus auch in feministischen Kreisen umstritten ist – fasste es so zusammen:

Die dünnhäutigsten, empfindlichsten und rachsüchtigsten Menschen online sind weiße Männer zwischen 15 und 35. [Quelle]

Auch in Deutschland berichten Aktivist_innen und Feminist_innen seit Jahren nicht nur von Online Gewalt und Hatespeech, sondern von einem Klima, das geprägt ist von den männlichen Anspruchshaltungen, jederzeit gehört, wahrgenommen, bedient, bespaßt und bewundert zu werden. Je weniger dieses „male entitlement“ erfüllt wird, desto aggressiver wird die Stimmung. In Foren stacheln sich Männer gegenseitig an, Amokläufe und Gewalttaten werden dort vor sich hin fantasiert – oft genug einfach nur, weil eine Frau ihnen eine Abfuhr erteilte. Eine Abfuhr einer Frau – online oder offline – ist immer noch für viele Männer undenkbar, wird ihnen doch von Geburt an vermittelt, dass sie diejenigen mit Macht in Wort und Tat sind. Wo auf der Straße Männer Frauen hinterher pfeifen und das als Kompliment statt Machtdemonstration verstanden haben wollen, da schreiben sie online fremden Frauen Nachrichten oder schicken gleich das Penisfoto mit. Wo sich in Bahnen Männer breit machen und zwei oder mehr Plätze blockieren, da machen sich im digitalen die Männer verbal breit und markieren ihren Platz mit aggressivem Verhalten.

Wäre dies ein Text in einem konservativen Feuilleton, beispielsweise der FAZ oder Welt, dann käme hier eine Passage dazu, dass Männer sich in ihren Rollenbildern unsicher fühlen und missverstanden sind. Dann würde der Text enden und damit implizieren, dass ein Rückschritt zu der alten heilen Welt, in der Männer Chefs und Frauen Mütter sind, das beste für diese Gesellschaft wäre. Aber das ist es nicht. Dies ist ein Text von einer bald promovierten Netzwerksoziologin, die es gar nicht einsieht, es bei so halbgaren Dingen zu belassen. Es steht außer Frage, dass das gesellschaftlich verordnete steife Männer- (und Frauen-)Bild toxisch auf uns alle wirkt – und somit selbstverständlich auch auf Männer. Die damit verbundene Angst, die sich oft in Wut und spontanen Hassauslassungen äußert, kann dabei jedoch nur eine Erklärung und niemals eine Entschuldigung sein. Den aktuellen Stand der Dinge, in dem all diejenigen, die keine weißen, hetero cis-Männer sind auf ihren Platz weitab des digitalen Raums verwiesen werden, weiter zu tolerieren, kann und darf nicht die Lösung sein.

Was also tun?

Zuallererst müssen wir uns alle in die Verantwortung nehmen, dieses Klima der digitalen Breitmachmacker, in dem sich die Männer durch lautes und aggressives Kläffen im digitalen Raum so breit machen, dass viele Frauen_ keinen Platz mehr neben ihnen finden (wollen), zu beenden. Vor allem Männer müssen viel konsequenter ihre Kollegen, Kumpel und Bekannten darauf hinweisen, wenn diese ihren Frust an der falschen Stelle ablassen. Ein Block auf Twitter oder Facebook ist zum Beispiel keine persönliche Beleidigung, sondern eine Grenzziehung einer Person, die keinen Kontakt wünscht. Dies ist zu respektieren und nicht mit Post um Post zu kommentieren. Wer nun meint, dass Hunde die bellen, nicht beißen, der möge sich einfach vorstellen, tagelang von einem Rudel laut und aggressiv bellender Hunde durch die Stadt verfolgt zu werden. Manchmal kann auch Bellen einfach schon unzumutbar genug sein, ohne dass gleich Verletzungen erfolgen. (Zum Thema hier ein Text zur Hatespeech-Rezeption in Deutschland mit einer Linkliste: Denkt euch selbst nen Titel aus)

Doch zur Übernahme von Verantwortung gehört ebenfalls dringend, dass Social Media Anbieter in Deutschland aufhören, unentschieden auf der schmalen Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Hatespeech zu balancieren und sich entsprechend posisitonieren. Unternehmen wie Twitter, Facebook und Co. sollten offenlegen, wie viele Mitarbeiter_innen deutschsprachige Meldungen von problematischen Posts prüfen und sich gegebenenfalls professionelle Beratung von außen holen, um den dahinterliegenden Prozess zu optimieren. (Aus dem letzten Jahr: Drei Dinge, die Twitter sicherer machen können)

Zuguterletzt müssen rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, um mit Hatespeech und Online Gewalt – die neben anti-feministischer und sexistischer Natur häufig auch rassistisch und/oder anti-semitisch ist, ein Effekt der sich überschneidenden Hate Groups – vernünftig umgehen zu können. Zu oft greifen Straftatsbestände nicht. Zu häufig stoßen Anzeigen auf Unverständnis – hier müssen auch die zuständigen Behörden geschult werden. Auch wenn Anzeigen und Strafverfolgung keinesfalls die Standardlösung sein können, so ist es wichtig, dass sich Politik und Rechtssystem mit dem Thema befassen – und zwar über ein „Hey Mark, macht ihr schon was bei Facebook?“ hinaus.

Bleibt nur noch eins: setzt euch gefälligst ordentlich hin, Jungs – und macht doch bitte auch online die Beine zusammen.

 

 

Titelbild: freies Stockphoto von Unfinished Business