Perlen und Bären

Es ist viel zu warm. In die angestaute Hitze mischt sich Staub und der Geruch von neuem Parkett. Ich hab Heimweh. Wohin, weiß ich nicht, das war schon immer so. Einfach dieses Gefühl, nach Hause zu wollen, ohne genau zu wissen, wo das ist. Andere haben Fernweh und entdecken die Welt. Ich habe Weltschmerz und will nach Hause. Kann das wirklich Heimweh sein?

Damals, vor fünf Jahren, der Sommer war glaub ich ganz gut, war ich mal zu Besuch in Hamburg. Ich hatte mehrere Trennungen hinter mir und schwebte so vor mich hin in meiner neu gewonnen Freiheit. Menschen besuchen? Na klar!

So war ich also in Hamburg, und, verglichen mit meinen rheinländischen Städtchen Köln, oder schlimmer noch: Leverkusen, war diese Stadt ein Traum. So groß, so schön gebaut. Im Rheinland vermisste ich bei aller Liebe Madrid, alles wirkte im Vergleich meiner Erinnerungen an die spanische Hauptstadt ständig zu klein. Nicht so Hamburg. Die Stadt schien groß, und sauber, und schön, und so viele Schwäne wie an der Alster hatte ich zuvor noch nie auf einmal gesehen. Ich saß also mit M. am Ufer, und wie wir da so sitzen, M. in ihrer Herzensgüte und ich in meiner unfreiwilligen Unabhängigkeit, da denk ich mir: Ach, in so einer schönen Stadt würde es sich sicher gut leben lassen.
Zieh doch her, sagt M.
Warum nicht, denke ich, fahre nach Hause, und kündige meine Wohnung.

Ein paar Monate später ziehe ich nach Hamburg. Meine erste Wohnung liegt fast in Schleswig-Holstein. Im Erdgeschoss wohne ich neben einem Kindergarten. Die ersten Wochen decke ich das Fenster meines Schlafzimmers mit Pappkartons ab, damit die Menschen im Kindergarten nicht in meine Wohnung gucken können. Um M. zu besuchen brauche ich fast eine Stunde mit Bus und Bahn. Ich gehe kaum raus. Die Stadt ist groß und fremd; es gibt keine Rosinenweckchen und keinen Karneval. Die Menschen sagen ständig Moin, und die Frau beim Einwohnermeldeamt fragt mich so lange wo ich denn „wirklich“ geboren sei, bis ich ihr erst Bensberg, dann Köln, dann NRW sage.
Nein, in welchem Land.
Im Rheinland.

Ich fühle mich fremd auf mehr Arten, als mir Fremdheit bewusst war.

Später fange ich bei der Kaffeekette mit der Meerjungfrau an. Ich komme jetzt aus dem Haus, manchmal um 5 Uhr morgens. Über dem Laden sitzt irgendeine Zweigstelle von Facebook, ein Mitarbeiter hat ab und zu einen kleinen Hund dabei. Meine Kolleginnen sind stark, klug, ambitioniert. Trotzdem werden sie von vielen belächelt – die Autodidaktin genauso wie die Studentin der Neurochirurgie. Ich lerne mehr Dinge über Kaffee und Kaffee kochen als Berliner Kaffeehipster den Menschen in den grünen Schürzen wohl zugestehen würden, und ich mache den Job meistens gerne. Eine Kollegin nimmt jeden Abend als kleinen Akt der Rebellion das übrig gebliebene Essen mit und verteilt es an Obdachlose, obwohl es eigentlich in die Mülltonne müsste. Ihr Handeln erscheint mir als das einzig Richtige.

Wie läuft Ihre Jobsuche, fragt die Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit.
Ich suche keinen Job, sondern eine Promotionsstelle.
Wir haben hier ein paar Angebote für Sie. Aktienhandel.
Aktienhandel?
Sie waren doch Kauffrau?

Die Wirtschaftskrise erscheint mir plötzlich schlüssiger. Ein halbes Jahr später fange ich an der Uni an. Ich finde eine Promotionsstelle, meine Kolleginnen und Kollegen sind nett, die Fahrtzeiten anstrengend. Irgendwie liegt „da oben im Norden“ doch nicht alles gefühlt nebeneinander wie in NRW, wo sich Stadt an Stadt an Stadt reiht, verbunden durch endlos viele Autobahnen, die irgendwie alle immer Bauarbeiten unterzogen sind. Ich muss pendeln, ich bin oft müde. Meine neue Wohnung ist schön, aber mein Nachbar hört nachts um 1 Uhr so laut Fernsehen, dass ich nicht schlafen kann. Ich wünsche mir den Kindergarten zurück. Für meine geliebten Katzen ist die Wohnung zu klein. Ich gebe sie im Tierheim ab und kann nicht aufhören zu weinen. Kein Foto werde ich mir mehr von ihnen ansehen, zu sehr schmerzt die Erinnerung an tapsige Pfoten und schnurrendes Fell auf dem Bauch.
Irgendwann finde ich ein Spinnennest auf der Türwand des Balkons. Als ich es mit Insektenspray besprühe krabbeln mindestens dreihunderttausend kleine Spinnen auseinander. Ich werde nie wieder durch die Tür auf den Balkon gehen.

Etwas später ziehe ich wieder um, dieses Mal aus Liebe. Meine neue Wohnung hat gesprächige Nachbarn aber keinen Boden. Wir streichen so lange die Wände, bis wir Krämpfe bekommen. Am 6. Dezember stehen vor der Tür Schokonikoläuse. Es ist schön. Ein Gefühl des Angekommenseins stellt sich ein. Mein Stipendium wird bewilligt und ich kann mich voll auf die Diss konzentrieren. Theoretisch. Praktisch verbringe ich viel Zeit mit mir selbst, zu viel, und die größte Herausforderung der Doktorarbeit wird sein, sich mit mir selbst zu versöhnen. Als ich endlich lerne, mir Fehler zu verzeihen, bin ich so erleichtert, dass ich die verlorene Zeit im Handumdrehen aufhole. Irgendwie schaffe ich es, die Dissertation zu schreiben.

Und jetzt – jetzt bin ich in Berlin. Rückblickend war Hamburg so groß wie ich es erwartet hatte. Ich konnte an der Stadt wachsen. Die schmerzhafte Zeit verblasst im Rückspiegel zu harmlosen Wachstumsschmerzen, und mit hoffendem Auge blicke ich in die Zukunft, auf dass Berlin sich auch so anfühlen möge.
Die Menschen der Stadt, die Wärme gaben und Schutz boten, würden ihren eigenen Artikel verdienen. Doch vermag ich es momentan nicht in Worte zu fassen, was sie mir bedeutet haben und immer noch bedeuten. So bleibt es denn bei diesem Text über eine Stadt und drei Wohnungen, über Hoffnung und Leben, über Alltag und Traum. Etwas ganz normales, womöglich.

 

Vielleicht ist doch einfach nur Heimweh.