Denkt euch selbst nen Titel aus

bb

Geschenkt, ich hab eigentlich weder Zeit noch Lust, mich in die Debatte einzuklinken. Aber ich merke gerade, dass ich – passiv, aber nun ja – bereits Teil der Debatte bin. Ich bin es müde, dass andere meine Absichten framen, und deswegen werde ich das hier wohl doch schreiben.

*seufzt drei Tage lang*
anigif_enhanced-buzz-15761-1427114888-14(Anstatt im Text zu verlinken würde ich gerne eine Linkliste unten einfügen. Falls ihr mir etwas Arbeit abnehmen wollt, freu ich mich wenn ihr mir Links auf Twitter zuschickt. Ansonsten pfleg ich das nach und nach ein)

Okay. Entgegen dem, was ihr vielleicht denkt, geht es nicht um den Text des Nerdcore Blogs. Also, klar, es geht darum, dass dieser Text in dieser Form geschrieben und, vielleicht wichtiger, in dieser Dimension rezipiert und geteilt wurde. Es geht jedoch nicht konkret um inhaltliche Stellen des Textes. Ain’t nobody got time for that. Es ist ein Beispiel von vielen, ein Aufhänger, wenn auch in dieser Art und Weise ein ziemlich konkreter. Ich kenne den Autoren nicht, ich habe keine Ahnung was er mit dem Text bezweckt, ich weiß nicht, wie er inhaltlich zu Themen wie Feminismus und Gamergate steht, außer natürlich dem, was er selber vorgibt.

Und da sind wir eigentlich bereits beim Knackpunkt.

Nachdem viele Expertinnen* in den letzten Jahren wiederholt über Hate Speech und Freiheit im Netz sprachen, sich politisch und aktivistisch engagierten, verschiedene Interessensgruppen aus Wirtschaft, Politik, öffentlicher Verwaltung, Bildung und Medien zusammen brachten, überzeugten und mit ihnen diskutierten – alles ohne nenneswerte Unterstützung, Empathie oder überhaupt Interesse von weiten Teilen der männlichen Netzgemeinde – kommt das Thema Hate Speech so langsam auch in Blogs eurer Nähe an. Das ist erst mal erfreulich, würde man meinen. In einer Szene, die Wertigkeit viel zu häufig nur noch in Aufmerksamkeit, Reichweite und Durchdringung misst, muss eine Sichtbarkeit des Themas doch gut sein, oder?

Das Problem ist, dass es oft nicht strukturell um die Wirkungsweisen und vor allem den unterliegenden Strukturen von Hate Speech geht. Das merkt man auch am Nerdcore Text sehr schön, der sich nicht verkneifen kann, immer wieder in „beide Seiten“ Rhetorik zu verfallen, und somit organisierten Hass von Hate Groups wie Gamergate mit den individuellen Kompensationshandlungen Betroffener gleichsetzt. Das tut er, in dem er „differenziert“ – so ein schönes Wort, damit kann man so viel abwehren – also sich „beide Seiten“ vorknöpft. Doch er differenziert nicht. Er bedient sich rhetorischer Gleichsetzung, vergraben unter fünf Tonnen Text, die anscheinend nur wenige komplett und verstehend gelesen haben. Es ist eine besonders perfide Art der Gleichmacherei, denen Feministinnen immer wieder ausgesetzt sind. (Andere Beispiele: Das Blocken von Menschen, die sie online belästigen, wird mit den Belästigungen gleichgesetzt. Der Versuch, sich gegen Diffamierungen zu wehren, wird als Hetze bezeichnet. Und so weiter. Und so fort.) Er, selbst erklärter Feminist, könnte das wissen, würde er den Diskurs verfolgen.

Er könnte auch wissen, dass Hass im Netz, gegen wen auch immer, ein Mittel zum Zweck ist – und das dieser Zweck sehr vielfältig ist. Rechts-konservative Gruppen, deren Überschneidung mit Anti-Feministischen Strömungen auch in Deutschland spätestens seit der viel besprochenen Böll-Studie bekannt ist, nutzen Social Media um ihre Agenda zu verfolgen, unliebsame Gegner_innen zum Schweigen zu bringen, und sich zu positionieren. Dann gibt es natürlich noch die Leute, die in dem Ganzen einfach eine Möglichkeit sehen, um Geld zu verdienen – Empörungsstories über „Radikalfeministinnen“ oder das blöde Internet, das sich ständig empört klicken sich gut. Zehn Zentimeter daneben liegen dann die Leute, die einfach Bock haben, Verschwörungstheorien zu basteln – um zu Trollen (eine besonders schöne Art und Weise Verantwortung für sein eigenes Handeln von sich zu weisen), weil sie es tatsächlich glauben, oder um gezielt anderen Menschen zu schaden. Dabei ist Hate Speech und sind Hate Groups nicht nur blöd rumgrölende Dudes im Netz. Nein, da sind häufig Personen dabei, die vermeintlich objektiv Dinge beleuchten. Oft fängt der Text mit: „ich finde feministische Positionen sehr wichtig, aber das was die Radikalfeministinnen machen, geht zu weit/ist der falsche Weg/schließt Menschen aus/…“ an. Die eigene Zuordnung zu einer Strömung wird als Schild benutzt, um Kritik am darauf Folgenden abzuwehren – schließlich geht es ja um das hehre Ziel und eigentlich sind ja diese Feministinnen das Problem. Sounds familiar?

Niemand, der wirklich feministische Positionen vertritt, muss einem Text vorweg schicken, dass er Feminist ist. Diese Rhetorik, sich selbst zum Feministen zu erklären, ist also in der „Szene“ – man könnte auch Gesellschaft sagen, sollte man sich bewusst sein, dass es links und rechts noch was gibt – sehr bekannt und ein häufiges Stilmittel von Anti-Feministen, um die Arbeit von Expertinnen zu diskreditieren. Ganz klar an dieser Stelle: ich möchte dem Autoren des Textes nicht unterstellen, dass er Anti-Feminist ist. Auf keinen Fall. Ich möchte gerne darauf hinweisen, dass sein Framing unglücklich gewählt ist und Gruppen in die Hände spielt, mit denen feministisch aktive Personen täglich zu tun haben.

Aber da liegt eben noch ein größeres Problem hinter.

Strukturell sind wir momentan in folgender Situation: ein Großteil der männlichen Blogger, politisch Aktiven oder einfach der Netzaktivisten haben jahrelang die Arbeit von Expertinnen zu Hate Speech ignoriert. Unsere Texte werden von ihnen euch nicht geteilt. Unsere Stimmen werden nicht zu Podcasts oder Veranstaltungen eingeladen. Mit einer Ausnahme: wenn es darum geht, zu begaffen, wie schlecht es den armen Frauen im Internet geht. So werden Artikel groß mit „Verreck du Schlampe“ überschrieben, um dann über Hate Speech zu sprechen. Medien fragen bei uns nicht an, um unser Fachwissen zum Thema abzugreifen, sondern um medial wirksame „edgy“ Themen wie „hey du triffst deinen Hater, mal sehen was passiert“** zu pushen, das Opfer-Narrativ immer im Blick. Aufmerksamkeit mit Sensationen. Wie bei einem Autounfall stehen dann alle da und gaffen. Bis der nächste passiert. Mit Fachleuten über verbesserte Sicherheit zu sprechen? War lange Zeit zu langweilig, weil alle diese Fachleute Frauen waren. Jetzt, wo sich langsam Männer zum Thema äußern, dürfen sie zum Beispiel auf Podien mit Politikerinnen sitzen, auch wenn sie noch Monate zuvor starkes Victim Blaming betrieben, sich wiederholt nicht als Ally sehen möchten und eigentlich mit diesem ganzen „feministischen Gedöns“ nichts zu tun haben wollen. Die Perlen rauspicken, ohne die blöde Arbeit drum rum.

In einem der Dutzend Artikel (s.u.), die ich zu dem Thema schrieb, versuchte ich das wie folgt zusammen zu fassen:

There are far more benefits to being a man who occasionally supports feminist ideas than risks. Yeah, some idiots might come into your replies from time to time and some people might think you’re a jerk. What won’t happen is that people automatically assume that you’re on a personal quest for power, send you death threats, rape threats, harass you sexually online and offline, write defamatory articles on you that get mentioned in job interviews, and so on. Sure, some of this might happen, but it will never undermine your perceived competency, professionalism and expertise. What will happen instead is that people believe you’re one of the good ones. That you are right. This happens because — not only but to a certain percentage — you are a man.

Male privilege comes in many different ways, and one of them is that men will always have more credibility attached to them than women. Even I can’t always quite shake that, not even when it’s about something I do or say.
Last year, the fact that some men told me I was (partly) to blame for all the abuse, nightmares, panic attacks and harassment I endured was equally bad as the abuse itself. I was so, so disappointed. Not because I thought they were allies (what even is that supposed to be?), but because I thought they were some of the good ones.

Für Männer ist, sich als „feministisch aware“ zu labeln, etwas Positives. Einige haben das erkannt, und nutzen das – bewusst oder unbewusst sei mal dahingestellt – zu ihrem Vorteil. Sie schmücken sich mit ihrem Quest für Diversität, für vielleicht den einen oder anderen Retweet einer Frau, mit dem Teilen feministischer Texte von außerhalb Deutschlands, mit der Aufmerksamkeit, der sie auf die Opfer von Hasskampagnen lenken (obwohl das letzte, was diese Personen oft brauchen, Aufmerksamkeit ist, aber das ist ein anderes Thema) um zu zeigen, wie sehr sie sich all den schlimmen Dingen bewusst sind, die Frauen(tm) passieren. Sie fühlen sich gut dabei, denken, sie tun doch was. Vor allem aber kratzen sie nicht an Macht, Positionen oder Privilegien. Sie werden automatisch auf der nächsten Konferenz sprechen, auch wenn es zwei Dutzend besser qualifizierte Frauen zum Thema gibt. Sie werden keine Reichweite abgeben und sich in die zweite Reihe verziehen. Sie werden Konferenzen organisieren, die sich mit Diverstität schmücken, aber nur 10% nicht-weiße-Männer sprechen lassen. Sie werden auf feministischen Veranstaltungen die Speakerinnen belästigen und online beschimpfen und danach weiter steif und fest behaupten, dass sie Feministen sind. Sie werden sich von Frauen das alles erklären lassen, mit den Schultern zucken und dann ehrfürchtig staunen wenn ein Mann das alles wiederholt. Und ihr lasst sie. Ihr lasst sie gewähren. Ihr applaudiert ihnen. Ihr feiert sie für ihre Reflektiertheit, teilt ihre Texte, dankt ihnen. Und silenct damit all die Expertinnen, verbannt sie in den Schatten eurer Helden, wo sie wieder, ohne dass es jemanden kümmert, sich mit all dem Abuse und Hass alleine auseinandersetzen müssen.

Das Ding ist: niemand will euer Mitleid. Gestern, nachdem ich all das hier in wenigen Tweets anriss, wurde mir geantwortet, dass wir uns ja alle wünschen würden, dass der Hate aufhöre. Wie auch dort geantwortet sage ich das hier noch mal (andere Frauen werden das ggf. anders sehen, was genauso legitim ist!): das sind Wünsche für den Ponyhof. Natürlich möchten alle, dass Hass aufhört. Alles andere wäre auch soziopathisch. Aber wenn ich mir hier ne Stunde nehme, um das alles – mal wieder – runter zu reißen, in dem Bewusstsein, dass die meisten Männer das ohnehin ignorieren werden, dann geht es mir nicht um einen kindlichen Wunsch dass ein Held aufm weißen Pferd kommt und mich magisch beschützt. Werdet erwachsen. Es geht schlicht und einfach um Respekt gegenüber der Arbeit, die so viele seit so langer Zeit leisten, und die immer und immer wieder ignoriert und durch Texte und Verbreitung von Texten wie der Nerdcores boykottiert werden. Das muss nicht absichtlich geschehen, das glaube ich nicht – und deswegen auch dieser lange Text – aber jetzt könnt ihr nicht mehr sagen, ihr hättet es nicht besser gewusst.

Ihr schadet uns. Ihr macht uns müde, zeigt uns, dass egal wie sehr wir uns anstrengend und arbeiten, es reicht ein zusammen gepappter Text in Palast der Winde Länge, um all das unsichtbar zu machen. Ihr zeigt uns, dass wir das nicht mal kritisieren können, weil der Autor selbsterklärter Feminist ist und drölfzig Links verbastelt hat, und dann wird er es schon wissen („Male privilege comes in many different ways, and one of them is that men will always have more credibility attached to them than women“). Ihr zeigt uns, dass unsere Mühen umsonst sind, und wir nur als Projektionsflächen für die weibliche Unterlegenheit dienen können, als eure Vorzeigeopfer. Ihr sprecht uns damit unsere Expertise ab, und zwängt uns in genau nur diese eine Rolle: die armen Feministinnen, oder, falls dem Thema gegenüber kritischer eingestellt: die kalkulierenden Radikalfeministinnen.

Und so schließt sich der Kreis. 

Was nun?

Wenn ihr lange und hart über diesen Text und die Implikationen nachdenkt, würde das schon was bringen. Die verlinkten Texte lest, die verlinkten Videos guckt. Andere Stimmen featured, hört und darüber nachdenkt. Entschuldigungen an alle Frauen und Betroffenen, die ihr durch euer Handeln in die beschriebenen Strukturen gepresst habt, sind auch immer ein guter Schritt, auch wenn das schon ziemlich viel Reflektion erfordert.

cndcnd

 

LINKLISTE (no particular order)

Ergänzende Links

 

 

* und alle die sich dem Wort nicht wohlfühlen <3
**wirklich. Hört auf damit. Habt ihr psychologische Betreuung zur Verfügung für die Betroffenen? Für wie lange? Könnt ihr anwaltliche Beratung stellen? Seit ihr auf alle – körperlichen, seelischen, rechtlichen – Folgen für die Betroffenen eingestellt und könnt dort unterstützen? Nein? Dann lasst es einfach. Wir sind nicht eure Story.

  • Vielen Dank für den Artikel. Ich versuche im Moment, so viel zu lesen, wie ich kann. Ich habe auch den Artikel bei Nerdcore gelesen, dann erst Deinen. Auf jeden Fall habe ich viel nachzudenken und dafür vielen Dank.

  • HumanMind

    Es ist nicht sehr hilfreich, wesentliche Zitate nur in Englisch zu bringen – andere würden sagen: klassistische Arroganz!
    Dass man sich selbst positioniert vor einem Text finde ich dagegen gut, wenns nicht grad sehr bekannte Autor/innen sind.

  • Joël

    Danke für deinen Artikel — alleine schon, weil ich so was habe, zu was ich linken kann, wenn wer den nc-Text verlinkt (und ich bin mir sicher, dass das bald auf FB & Co. passieren wird)
    Da du nach Links gefragt hast, mach ich ein bisschen Eigenwerbung für’s progress: Wir hatten letzten Oktober ein Dossier über Games und da gab es einen Artikel, der Gamergate aufgriff, aber auch allgemeiner Sexismus in Videospielen behandelte:
    http://www.progress-online.at/artikel/magie-und-misogynie

  • Mehr Beispiele und bisschen Sachlichkeit würden dem Thema gut tun. Erst ist die Reichweite für das Thema nicht groß genug, dann ist es einem nicht recht, weil es ein anderen Blog war und man selbst ist doch viel besser qualifiziert, haut dann aber Vorurteile und Verallgemeinerungen raus, ohne Quellen, ohne Zitate, ohne Substanz.

    • Lieber Alex,

      in den Links solltest du für alles angesprochene Quellen finden. Viel Erfolg!
      Mina

  • Tugendfurie
  • Hallo Frau Dingens, nur kurz: Ich denke schon seit gestern recht gründlich über den Text hier und die Kritik nach und nehme auch das meiste an, zu manchem kann man was anmerken, da kommt nochmal was. Gib mir mal bitte noch das WE um das alles zu sortieren.

    • Bin gespannt!
      Mina

  • j____l

    Danke für den wie immer sehr guten Text.

    Hat Frau Dingens eigentlich einen RSS-Feed?

    • Den RSS Feed solltest du über http://frau-dingens.de/?feed=rss2 finden (der Blog ist momentan aber bis auf diesen Artikel im Hiatus!)
      Mina

      • j____l

        Supercool, danke! RSS-Feeds sind ja grade für Seiten auf denen nicht jeden Tag 100 Artikel erscheinen perfekt (zumindest für mich).