Jammerlappen.

Immer wieder, wenn Frauen* Opfer von (sexueller) Gewalt im Internet werden – durch Drohungen, Beleidigungen, sexuelle Belästigung uvm – steht irgendwo ein mutiger weißer Mann auf und bietet prompt „Hilfe“ an: er würde ja gerne einmal diese schlimmen Nachrichten sehen, damit er sich tatsächlich davon überzeugen könne, dass Frauen online wesentlich mehr Scheiße ertragen müssen als Männer*. Aber! Gute Nachrichten: hier ein Link zu einem Text der lauter Studien erklärt, auf die Frauen dann verweisen können, damit ihnen ein Mann ihre Erlebnisse glaubt. Und manche Studien wurden sogar von Männern durchgeführt, das heißt sie sind objektiv und sachlich korrekt. Because, duh.

Nein, aber im Ernst: es gibt  Zahlen zu den traurigen Fakten, die viele schon am eigenen Leib erfahren mussten: Generell sind über 72% der Personen, die online Belästigungen berichten, weiblich. Schön auch ist die Studie der Uni Maryland, in der zwei Forscher Bots mit weiblichen und männlichen Namen programmierten. Diese ließen sie in IRC los. Das traurige Ergebnis: die weiblich anmutenden Bots („Cathy“, „Irene“, „Stephanie“) bekamen täglich im Schnitt 100 belästigende/bedrohende Nachrichten – die männlich anmutenden Bots („Andy“, „Gregg“, „Kevin“) stolze 3,7. Ja, ihr habt das korrekt gelesen: täglich.

Aber es wird noch besser: gerne wird das Klischee der jammernden Frauen verbreitet, die durch Hinweise auf online stattfindende Gewalt ja „nur Aufmerksamkeit“ wollen. Doch das Gegenteil ist der Fall: verschiedene Studien bestätigen außerdem, dass Frauen sogar weniger Fälle berichten als tatsächlich passieren, aus Scham. Kein Wunder, bedenkt man den Rattenschwanz an Kommentaren, den Frauen bekommen, sobald sie auf sexuell belästigende Kommentare hinweisen: aufmerksamkeitsgeil, dramatisierend, paranoid, generell scheiße und noch ein paar schöne Wörter die ich hier nicht reproduzieren mag. Manchmal bekommen sie sogar ihre eigenen Artikel auf Gadgetseiten.

Es ist also höchste Zeit, dass etwas passiert. In der Gesetzgebung, aber auch in unserer(tm) gemütlichen Netzblase. Es ist doch lächerlich, dass wir uns jedes Jahr hinstellen und darüber schwadronieren wie wenig Freiheit im Netz wir haben weil die NSA unsere Instagrambilder speichert während gleichzeitig täglich Frauen – aber auch andere Gruppen die nicht dem weißen männlichen Standard entsprechen – bedroht und belästigt werden. Natürlich ist ein Überwachungsstaat eine Gefahr, und eine, gegen die ich selbst lange Zeit gekämpft habe (wenn ich mal dezent daran erinnern darf, bevor hier wieder ein „du relativierst das aber“ Bullshit kommt. Küsschen!). Aber in den letzten zwei Jahren sind gerade auch in Deutschland einige Präzedenzfälle an misogynen Attacken passiert, die weitestgehend unkommentiert blieben.

Ich erinnere mal dezent an ochdomino, wo ein Mann monatelang vorgab eine Frau zu sein um als diese anti-feministische Parolen zu verbreiten und auf Seiten zu verlinken, die schwule Männer als sexuell gestörte Eunuchen betitelte. Der Account brüstete sich auch gerne damit, bei Arbeitgebern und Vermietern von Feministinnen anzurufen um sie dort vermeintlich zu verleumden. Dann die Aufdeckung dieses Skandals und der künstlich fabrizierte Shitstorm frustrierter Männer, die nicht fassen konnten dass es mal nicht um ihre abstrakt bedrohten Privilegien des verschlüsselten Mailings ging sondern um konkret bedrohte Privilegien wie dem, dass sie so eine Scheiße eher nicht erleben müssen. Er richtete sich gegen Jasna Strick, die sich wagte, das einmal zusammenfassend zu analysieren. (Künstlich fabrizierte Shitstorms gegen Frauen, die sich laut äußern ist so ein neues Ding, ne? Nee eigentlich nicht. Das gab es auch schon bei den Suffragetten. Und guckt wie dumm und arschlochhaftig die damaligen Männer jetzt dastehen. Geschichte wird’s schon richten, I guess)

Die Freiheit statt Angst Demo, bei deren Titel ich dieses Jahr Gesichtszuckungen bekam, ist ja auch so ein schönes Beispiel. Denn, wofür wird denn in der Szene gekämpft? Geld gesammelt mit der Referenz auf Stockenten? Für ein „freies“ Internet. Frei bedeutet dabei den Status von 1995, als Jungs noch Jungs sein konnten, ganz erisguterJunge mäßig, Dateien tauschen konnten, ohne staatliche Spyware und nervige Regelungen. Aber duh, diese Freiheit schloss schon damals nicht marginalisierte Gruppen mit ein, und auch jetzt mutet das Vorhaben oft antiquitierter an als mir lieb ist. Ja, ich hätte gerne eine starke, solidarische (!) Netzszene, aber Solidarität reicht meist nur eine Penislänge weit.

Man stelle sich nur mal vor, was „wir“ alles so erreichen könnten, wenn die Hälfte von uns nicht täglich mit online Belästigung und Bedrohungen hantieren müsste während die andere Hälfte schwer damit beschäftigt ist entweder wegzusehen, das zu relativieren oder munter mitzumachen.

Ihr könnt lange und immer wieder, auf jeder neuen Konferenz lamentieren wie böse diese abstrakte Gefahr von außen ist: so lange ihr die Gewalt innerhalb eurer Szene selbst duldet – und das tut ihr!, ist jeglicher Schritt nach vorne einer, der den Graben zwischen euch und anderen Gruppen vertieft, die digitale Spaltung weiter aufreißt. Es ist eine bittere Pille, das zu realisieren, und wahrscheinlich eine, die euch zum Kotzen bringt, täglich aufs Neue. Die Frage ist, ob die deutsche Netzszene den Mumm hat sie zu schlucken, oder lieber weiter in der Matrix Parallelwelt ihrer Privilegienfestung verharrt. Your Choice.

Aber bitte jammert nicht jedes Mal wieder aufs Neue, dass sich nichts bewegt, wenn ihr durch euer Schweigen und euer Dulden von Gewalt im Netz selbst mit die größten Blockierer seid. Die alte Leier ist langsam ausgelutscht.

 

Edit: Jasna wies mich darauf hin, dass der Text sehr cis-lastig ist und das stimmt. Das tut mir leid. Und vielen Dank für den Hinweis an dieser Stelle. Ich überlege noch mal, wie ich das in Zukunft besser ausdrücken kann und wenn ihr Ideen habt, freu ich mich.

Titelbild: von der FSA Demo 2014, via Tugendfurie