Die Mär vom #Hoodiejournalismus

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Letztes Wochenende ging ein kleines Meme durch die Filterblase: #Hoodiejournalismus. (Ich spare mir an dieser Stelle die Zusammenfassung und verweise stattdessen auf diese Artikel: 1 und 2.) Knackpunkt in den Ausgangstexten der ZEIT und FAS waren natürlich die argumentativen Vermischungen von Tätigkeitsgebiet (online) mit Kompetenz (Internetexperte) und von Habitus (Kapuzenträger) mit Expertise (richtige Journalisten). Durch solche Prozesse grenzt man das eigene Terrain ab, spricht Legitimation ab (Stichwort Stallgeruch) und indirekt auch Leistung, denn das ist ja das schöne in Deutschland, durch diese feine Leistungsgesellschaft werden all die Menschen in ihren guten Positionen schon da sitzen, weil sie was geleistet haben, und nicht etwa weil sie bei Geburt im Privilegienlotto gewannen. Soll heißen: wer es einmal geschafft hat, ist tunlichst darauf bedacht, den Eindruck beizubehalten, dass er es mit Befähigung und Leistung geschafft hat. Jeder Neuzugang in die eigenen Reihen, welcher der Homogenität der eigenen Reihen abweicht provoziert die Frage: wie hat er es dann geschafft? Ist er etwa besser (muss ja, sonst könnte er das anders sein nicht ausgleichen)? Schon allein dieser Denkprozess rüttelt an der Legitimität der eigenen Position. So weit so gut der Beißreflex in a nutshell.

Vorhang auf: Twittermeme. Es gab eine Gegenbewegung dazu, Backlash, wie man so schön sagt. Durch Selfies in Kapuzenpullis solidarisierten sich viele Journalist_innen, und solche die es gerne wären, aber „nur“ Social Media machen oder bloggen. Jep, und genau das ist jetzt der Punkt dieses Artikels: die Wahrnehmung der eigenen Zugehörigkeit. Denn seien wir mal ehrlich, abgesehen von der Elitenblase des Journalismus selbst würde niemand auf die Idee kommen, abfällig auf Journalist_innen zu gucken, nur, weil sie online tätig sind. Journalismus ist natürlich ein Berufsfeld, dass sich tatsächlich zu einem Großteil aus den immerselben gesellschaftlichen Milieus rekrutiert und sozial undurchlässig ist. Theoretisch ist der Berufszugang frei, wer jedoch in die journalistische Elite aufsteigen will, sollte eine Journalistenschule besucht haben. Andere Wege wie sich über Volontariate hochzuarbeiten oder als freie Journos zu fungieren sind finanziell höchst volatil und anstrengend, und schließen nicht zuletzt dadurch ganze Milieus vom Berufsbild aus. Auf Journalistenschulen sind die Absolvent_innen mit Beamteneltern überrepräsentiert, Kinder von Arbeitern jedoch unterrepräsentiert (mehr dazu in diesem Papier der FES).
So überrascht es dann auch nicht, dass im Journalismus viel über Zuschreibung geschieht – es ist wichtiger, ob dich andere für ein_e Journalist_in halten, als ob du wirklich eine bist. Anders rum funktioniert es natürlich auch: bloggende Menschen können schnell als Blogger_in betitelt werden, selbst wenn sie gelernte Journalist_innen sind, um die Relevanz und Legitimität ihrer Texte zu schmälern. Damit im Hinterkopf ist die (selbstgewählte) stattfindende Abgrenzung unter #Hoodiejournalismus noch mal interessanter, insbesondere in der Hinsicht, welche sich selbst vorrangig als Blogger_innen verstehenden (und nicht journalistisch tätigen) Personen solidarisierten. Denn natürlich ging es bei dem „Stallgeruch“ nicht um online vs. offline, das wäre zu kurz gedacht, es ging vielmehr um ganz klassische Machtverteilung und Leistungseliten – und wo die Elite ist, da sind die Privilegien nicht fern.

Im selben Atemzug könnte man nämlich sagen: Blogger_in, das kann ja jede_r werden, die sich einen Blog aufmacht! Wo doch genau das gleichzeitig auch auf Jouranlist_innen – theoretisch – zutrifft, praktisch aber von den Zuschreibungen ausgebremst wird. Und so lässt sich dann auch viel leichter nachvollziehen, warum für manche „Blogger“ ein legitimes Berufsbild ist, für andere jedoch eine Bezeichnung, die an die Stelle ihrer Berufsbezeichnung, ihres akademischen Titels oder ihres Expertenstatus tritt: wer nicht in zumindest einigen Faktoren ähnlich ist, also Stallgeruch besitzt, gefährdet die Legitimation der homogenen Masse, die in Positionen sitzt, die heiß begehrt sind (Stichwort Deutungshoheit). Diese Faktoren sind in Deutschland: weiß sein, keinen Migrationshintergrund haben, einen deutschen Namen haben, Mann sein, und mindestens Mittelschichtsangehörigkeit als soziale Herkunft.

Was bleibt, ist der Außenblick auf Grabenkämpfe innerhalb einer sogenannten Leistungselite, die zwar viele Texte über Kapuzenpullis, Onlinetarifverträge und die Zukunft von gedruckten Zeitungen schreibt, vor dem harten Stoff – wie z.B. der fehlenden Diversität im Journalismus und den hier angerissenen Gründen dafür – jedoch zurück schreckt. Verständlich, denn wer schreibt schon gerne Analysen dazu, wie das eigene Privileg komplette Menschengruppen aus dem eigenen Berufsbild abdrängt (niemand; deswegen titelt die ZEIT heute am Girlsday auch zu Männern). Was schade ist, denn im Endeffekt verläuft die Frontlinie eben nur insofern zwischen Online und Offline, dass neben der journalistischen Masse habitueller Homogenität nun Stallgeruch-vermissende Außenseiter_innen Chancen auf Reichweite haben, die durch das Internet multipliziert wird. Das ist der Kulturkampf, das ist der Streitpunkt. Kapuzenpullis sind dabei nur nette Accessoires.