Das erste Jahr als MMO-Neuling.

Nikki Darkwood 08/07/2014 18:24:11

Seit etwas über einem Jahr spiele ich das MMORPG Final Fantasy XIV. Vorher gänzlich neu in dem Genre (und auch etwas verängstigt wegen des schlechten Rufs vieler MMO Communitys) hab ich mich sehr schnell in das Spiel verliebt und spiele es inzwischen recht regelmäßig und viel. In der Zeit seit Beginn habe ich viel über meinen Spielstil, Hardcore und Casual Gaming, Communitys und MMOs gelernt – Zeit, das einmal aufzuschreiben und mit einigen Vorurteilen aufzuräumen.

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Die Automatische Google-Such-Vervollständigung beim Begriff MMO Spieler_innen.

 

1. Mit Fremden zusammen zu spielen ist genauso wie du es dir vorstellst – und ganz anders

 

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Das passiert, wenn alle den selben NM gejagt haben.

Zu Beginn hatte ich wahnsinnige Angst, als Frau online zu spielen. Alle können sich in FFXIV gegenseitig anschreiben, und als mir das erste Mal eine fremde Person eine Freundschaftsanfrage schickte war ich so verwirrt, dass ich Minuten brauchte bis ich sie annahm. In Dungeons oder Raids fühlte ich mich anfangs vollkommen sichtbar, trotz frei gewähltem Pseudonym und amerikanischem Server.

Mein Charakter war zu Beginn eine weibliche Miqo’te – eine Art Katzenmensch. Ich hatte kurz überlegt, die letztes Jahr neu eingeführte männliche Variante zu spielen, aber aus anderen Spielen empfand ich es stets als Luxus, eine Frau spielen zu können, und so entschied ich mich für ein Katzenmädchen. Ich nahm an, dass Männer* eher männliche Charaktere wählen würden, und war umso verwirrter, als ich Dungeons so oft von weiblichen Miqo’tes, Hyurs oder anderen Rassen umgeben war.
Meine Freunde rollten die Augen: ja klar würden sie Frauen spielen. Es wäre eben schöner, die ganze Zeit beim Spielen jemandem zuzusehen, den man selbst attraktiv fände, als einem Mann. Okay.

Die Community war überraschend nett und positiv. Es gibt in Runs immer wieder Hilfestellungen, Ratschläge für neue Spieler_innen, und da bei FFXIV ein Charakter alle Jobs – von Tanks über melee/ranged Damage Dealer (DD) bis zu verschiedenen Healerklassen – leveln kann, kam das gut an. Aber auch die Gespräche waren oft angenehm – über Serien, andere Spiele, Wahlen und die Oscars habe ich so ziemlich über alles mit Fremden geredet. Die Leute aus meiner Gilde – und andere befreundete Spieler_innen – sind mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen, und wir reden eigentlich meistens über private Dinge und kaum über das Spiel.

Natürlich gibt es auch Schattenseiten: Trolle, Beleidigungen, Mobbing, Rassismus und Sexismus. Fremde, die meinem Charakter im Dungeon immer wieder Küsschen zu pusten und dann aggressiv werden, wenn du nicht reagierst (bis zu dem Punkt, dass ich die Rasse wechselte um weniger oft angemacht zu werden). Die typischen rassistischen und homophoben Beleidigungen. Aussagen, man würde den Boss gleich vergewaltigen („I’m gonna rape this bitch so hard“) als Motivationsversuch. Zwar sind diese Fälle relativ selten, aber sie kommen vor, und hinterlassen bei mir jedes Mal einen schalen Beigeschmack. Wenn ich anderen Aussagen vertraue, dann ist die Community bei FFXIV noch eine durchaus positive und kann nicht verallgemeinert werden – da ich allerdings keine anderen MMOs spiele, kann ich das nicht vergleichen (ihr könnt eure Erfahrungen gerne unten kommentieren). Öfter – viel öfter – dagegen sieht man Rage Quits – doch dazu später mehr.

2. Der Server macht den Unterschied

 

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Nom nom nom.

Als ich bei Re-Release von FFXIV 2.0 neu dazu kam, landete ich auf einem amerikanischem Legacy-Server (für die, die bereits FFXIV 1.0 gespielt hatten), da meine Freunde, die bereits spielten, schon lange dabei waren. Dies bedeutete, das viele Spieler_innen bereits die meisten verfügbaren Jobs bis zum max. Level gebracht hatten, und als bei 2.0 zwei neue Jobs verfügbar wurden, stürzten sich alle darauf, hungrig auf neues. Es bedeutete allerdings auch, dass es schon viele gut vernetzte Gemeinschaften gab, und nicht alle fremd waren.

Im Laufe der Zeit lernt man immer mehr über die Server – nicht nur macht es einen großen Unterschied in welcher Zeitzone man spielt, sondern es gibt auch von Server zu Server große Unterschiede. Es gibt Role-Playing Server, Server bei dem verschiedene Sprachen überwiegen und Server, auf denen der Spielfokus jeweils anders liegt. Je nach Server gibt es unterschiedliche Gilden (bei FFXIV: Free Companies oder Freie Gesellschaften), für die man sich als Spieler_in erst mal bewerben muss und die miteinander in Wettkampf treten, bestimmte Raids als erste zu vervollständigen. Den neu hinzugefügten End Game Content des letzten Patches 2.4 (wie eine Mini-Erweiterung) schaffte eine Free Company nur wenige Stunden, nachdem der Patch live gegangen war – und bekam dafür viele Glückwünsche.

Auf der anderen Seite haben manche Server einen sehr guten Ruf, andere einen schlechten – und wieder andere sind wenig bevölkert und selbst in Stoßzeiten leerer. Dann gibt es natürlich noch unoffizielle Reddit-Server und vieles mehr – es ist also nicht nur von MMO zu MMO unterschiedlich, sondern auch von Server zu Server. Für mich persönlich ist es wichtig, einen Server zu haben, auf dem viel los ist und auf dem die Grundstimmung sympathisch ist – aber da kann jede_r eine andere Präferenz haben.

3. Viele Spielmechaniken sind anspruchsvoller als man meint

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Einfach mal Screenshots machen, die Anderen regeln das schon.

„Maximales Level, gute Ausrüstung, und dann passt das schon“ ist so ein schönes Vorurteil über MMOs, das man oft hört – leider auch noch im Spiel selbst. Wie oft ich schon in zufällig zusammen gewürfelten Teams in Raids oder selbst Runs gescheitert bin, weil jemand zwar overgeared war aber die Mechaniken nicht verstanden hat – ich hab aufgehört zu zählen. Und auch wenn sie manche Strategien ändern, sobald die meisten Spieler_innen overgeared sind, so ist das noch kein Garant dafür, dass dann alles klappt.

Aber selbst wenn alle die Mechaniken kennen („guck dir vorher das Youtube Video mit der Strategie dazu an!“) ist es in einem guten Spiel noch kein sicherer Clear. Und das ist schön. In der FFXIV Community gibt es Menschen, die sich seit Monaten damit beschäftigen, welche frei wählbare secondary Stats in Waffen (z.B. Genauigkeit, Spell Speed usw.) am besten sind und welche Aktionskombinationen den meisten Schaden machen. Als dieses Jahr die Farbe der Spieleigenen Reittiere durch das Füttern verschiedener Früchte veränderbar wurde, machten sich viele daran, das System dahinter zu entschlüsseln. Es gibt Exceltabellen mit der genauen Kombination für jede Farbe zu jeder anderen Farbe. Es gibt Guides um Guides, Threads um Threads mit Diskussionen zu so ziemlich allem an Mechanik, was das Spiel zu bieten hat. Mit einem Heiler oder zwei Heilern reingehen? Besser Melee oder Ranged DD mitnehmen? MMOs sind durchaus strategisch, taktisch und definitiv herausfordernder, als ich vorher dachte.

Jobs wirklich zu lernen und sich zu eigen zu machen erfordert viel Zeit und Übung. Heilen hab ich erst richtig beherrschen gelernt, als ich die ersten schwierigen Speed Runs durchheilen musste, und Tanking kann man nur übers Zusammenspielen wirklich lernen. Erst dann begreift man auch, wie viel Verantwortung die einzelnen Rollen im Team wirklich tragen – und von Damage-Checks (wenn das Team nicht genügend Schaden macht, kann man noch so gut sein, man kann es nicht schaffen) bis schwierigen Tank-Mechaniken ist im End Game Content so ziemlich alles dabei. Je nach Laune heile ich lieber oder mache Schaden, nehme einen Job wo ich Kombinantionen können muss oder helfe anderen bei Einsteigerdungeons. Ich hab gelernt auf meine Laune zu hören und das zu machen, was mir Spaß macht.

4. Elitäres Denken und „Früher war alles besser“-MMO-Hipster gibt es überall

 

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Time-Out.

Irgendwann fing es an – die Beschwerden über FFXIV und wie früher, zu Zeiten vom Square Enix MMO Vorgänger FFXI, alles besser war, nahmen zu. Nostalgisch wird von vielen auf diese Zeit zurück geguckt, als man teilweise noch tagelang für einzelne Mobs campen musste, die man auf jeden Fall für weiteren Fortschritt brauchte. Natürlich haben sich MMOs gewandelt – sie sind offener für Neueinsteiger_innen geworden und passen sich auch den Lebensrealitäten an, dass eben viele auch Berufen nachgehen und nicht mehr ganze Tage am Stück Zeit zum Spielen haben. Trotzdem, immer wieder stoße ich auf diese Personen, denen FFXIV zu weich, zu langweilig oder generell zu doof ist. So schade das für diese Spieler_innen ist – so nervig ist es, das eigene geliebte Spiel immer wieder aufs Neue schlecht gemacht zu bekommen.

Aber auch Elitendenken ist MMOs nicht fremd. So wird immer mal wieder auf verschiedene Jobs geschimpft („Dragoons sind alle so dumm“ „Summoner können nichts“) oder einfach mal wenige Tage nach einem Patch mit Stunden an neuem Content vorausgesetzt, dass man alles schon gespielt und vor allem gemeistert hat. In machen Gilden brauch man sich als Konsolenspieler_in gar nicht erst bewerben, weil nur der PC das wahre sei. Cutscenes dürfen nicht angeguckt werden, das machen ja nur Noobs, und das, obwohl FFXIV so eine schöne Story hat. Wenn im Dungeon-Roulette ein ungeliebter Run kommt, kann es sein, dass man plötzlich ohne Tank dasteht – denn diese haben die geringsten Wartezeiten und kommen eigentlich sofort überall neu rein. Irgendwann nahm das so überhand, dass Square Enix selbst dem einen Riegel vorschob – und Spieler_innen jetzt für eine gewisse Zeit gesperrt sind, wenn sie den Dungeon einfach verlassen.

Bei schwierigen Kämpfen gibt es teilweise keine Erklärungen, keine Geduld, alle sollen alles schon können, Absprachen werden als nervig empfunden, ein sich aufeinander einstellen  gibt es kaum. An einem Punkt war ich mal so weit, dass ich fast aufgehört hätte zu spielen – immer wieder Rage Quitteten fremde Tanks oder Healer in zufällig zusammengestellten Teams (ein Grund, warum ich schwierige Kämpfe kaum noch per nicht-vorher geformten Teams mache). Eine befreundete Gilde nahm sich schließlich Zeit und half mir beim Clear – und zeigte mir eigentlich mehr durch die Hilfsbereitschaft als dem Erfolg an sich, was ich an dem Spiel so mochte.

5. To Raid or not to Raid ist nicht die wichtigste Frage

 

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Team „Markierungen sind zum Tanzen da“

Die große Frage in FFXIV ist eigentlich: Raids machen oder keine Raids machen. Der Endgame Content ist zwar vielfältig, aber die richtige Herausforderung gibt es dann tatsächlich in Raidgruppen. Es gibt Gruppen, die sich zu fest vereinbarten Terminen treffen, andere organisieren das lockerer, aber das ist selten. Doch sich zu Raids zu verpflichten bedeutet auch, feste Spielzeiten zu haben, täglich oder mehrmals wöchentlich. Ein Zeitaufwand, der nicht zu unterschätzen ist – und auch den Freiraum nimmt dann zu spielen, wann man Lust hat. Raids sind eine höhere Stufe, sie sind eine Verpflichtung ans Spiel und Andere. Der eigene Job muss beherrscht werden, es gibt Anforderungen an Gear, das muss teils auch erst mal Stundenlang erarbeitet werden, und dann muss man noch die Mechaniken lernen.

Und trotzdem, zu sagen dass sich hier die Spreu vom Weizen trennt, wäre definitiv zu kurz gegriffen. Ich kenne herausragende Spieler_innen, die nicht mal ansatzweise alles gecleart haben und trotzdem ein Verständnis und ein Beherrschen ihres Jobs haben, das mich neidisch macht. Gleichzeitig war ich auch schon in Runs mit Leuten in Gear aus End Game Raids, die einfachere Mechaniken nicht mehr kannten, und, schlimmer, auch nicht mehr lernen wollten.

In einem gut gemachten MMO findet sich jedoch was für jede_n – man kann seine Zeit damit verbringen alle Jobs zu meistern, Crafting und Gathering Klassen zu leveln, einfach nur online mit anderen quatschen, langsam aber stetig an eigenen Fortschrittszielen arbeiten oder die nächste Stufe nehmen und sich mit einigem Zeitaufwand dem Spiel verpflichten. Ob Casual oder Hardcore ist dabei nicht mal mehr so sehr die Frage als ob man sich im Spiel freundlich, hilfsbereit und lernbereit gibt. Die Community verbindet vor allem eins – die Liebe zum Spiel selbst.

Und das ist wohl das, was meine wichtigste Lektion war: finde den Spielstil, der dir liegt, und finde Leute, die deine Vorlieben teilen. Dann kann fast nichts mehr schiefgehen.

 

Spielt ihr MMOs? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Was könnt ihr teilen? Schreibt es in die Kommentare!

 

Titelbild und Screenshots: © Final Fantasy XIV, Square Enix