Sexismus? Was für Sexismus?

Triggerwarnung: in dem Artikel kommen Sätze und Anekdoten zu sexueller Belästigung und Vergewaltigung vor, die triggern können.

Vor Weihnachten gab es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eine Diskussion über Sexismus in Videospielen, ausgelöst von verschiedenen Artikeln zu dem Thema. Es ging so weit, dass eigentlich nette, sympathische Männer sich in Facebook entrüsteten, ob “wir” keine größeren Probleme in der Welt hätten. Zudem wurde angezweifelt, dass Sexismus in Spielen gesellschaftliche Relevanz hätte, und folglich ja “nicht so schlimm” wäre. Das alles überschnitt sich grob mit der schlimmen Vergewaltigung der indischen Studentin von sechs Männern, die zu Massenprotesten führte und an Folge dessen die junge Frau leider starb. Ich war einige Tage fassungslos, wachte morgens mit Wut im Bauch auf, war gefrustet, enttäuscht, erschrocken. Ein paar Tausend Kilometer weiter wird eine Frau so schlimm vergewaltigt, dass sie daran stirbt, weil sie als Objekt gesehen wird, an dem man sich nach Belieben bedienen kann, und in meinem direkten Umfeld gibt es null Sensibilisierung für sexistische Scheiße, und, weiterführend, es gibt null, absolut null Bewusstsein über die gesellschaftlichen Strukturen, die dem ganzen zu Grunde liegen? Der Blogpost hier ist ein bisschen meine Aufarbeitung dieser Dinge – die systematische “es gibt keinen Sexismus und wenn ist er nicht so schlimm und sowieso gibt es dringendere Themen in der Welt” Taktik von Menschen, die ich eigentlich für recht intelligent und empathisch hielt. Ich werde mit einem aktuellen Beispiel anfangen, und dann auf die gesellschaftliche Relevanz kommen.

Vorab: ich beschäftige mich viel, eben auch beruflich, mit Ungleichheitsforschung, habe aber auf dem Gebiet der Gender Studies nur rudimentäres Wissen. Ergänzungen, Erklärungen, Dinge, die ich hier außer Acht ließ, dürfen gerne ergänzt, korrigiert und angeregt werden. Merci :3

Über die Feiertage stieß ich durch meinen Freund auf Smite, ein MOBA (Multiplayer Online Battle Arena), in welchem mit Göttern und Göttinnen aus verschiedenen Mythologien und Kulturen gekämpft werden kann.  Es befindet sich noch in der Beta-Phase, aber das kurze Antesten am Account meines Freunds fixte mich an. Es macht einfach Bock, ist gut gemacht, und abwechslungsreich. Auf den ersten Blick freute ich mich sehr, dass es nicht nur die typischen Götter der “klassischen”, sprich bekannteren Kulturkreise gab, sondern auch der westlichen Welt teils eher unbekanntere Kulturen eingebunden waren, und, ja, dass es eben auch Göttinnen gab, und nicht nur männliche Gottheiten. Für viele wäre hier das Thema Sexismus schon erledigt: das Spiel kann gar nicht sexistisch sein, was willst du überhaupt, du kannst doch auch Frauen wählen!

Mit Freude wählte ich Kali, spielte sie gerne und war recht angetan. Die halbnackte Darstellung kümmerte mich erstmal wenig – auch in überlieferten Bildern ist Kali oft mit bloßen Brüsten dargestellt. Als ich nach den ersten Runs andere Göttinnen spielen wollte, wurde ich dann doch etwas stutzig. Die Darstellungen der Göttinnen entspricht immer demselben Schema: schmale Hüfte, großer Busen, halbnackte Bekleidung. Während die Götter recht abwechslungsreich dargestellt sind (teils groß, teils klein, teils moppelig bis richtig dick, teils athletisch oder kräftig, teils alt, teils jung) sind ihre weiblichen Kolleginnen anscheinend nach demselben Raster entworfen wurden. Körperliche Vielfalt? Fehlanzeige.

Zu Demonstrationszwecken hier ein paar Gottheiten, mit originärer Darstellung, sowie der Smite Interpretation:

Männliche Gottheiten
anubisbotharesbothodinbothcupidbothhadesloki

Für Hades gibt es sehr wenige überlieferte Darstellungen, die Interpretation ist daher frei. Auffällig sind die unterschiedlichen körperlichen Merkmale: Odin ist groß und breit, während Ares eher dem athletisch muskulösen Ideal entspricht. Loki ist schlank und drahtig dargestellt, Amor (Cupid) wiederum als pummeliger Junge. Es scheint also verschiedene Raster zu geben, je nach Körperform, und nicht nur den übertrieben athletischen Kämpfer. Es gibt sogar einen Gott, Baccus, der als richtig dick und ständig betrunken porträtiert wird.

Weibliche Gottheiten
artemisbothbastetbothfreyabothkalibotharachnehel

Während Artemis noch eine glorreiche Ausnahme darstellt (sie trägt Kleidung und das Gewicht ihrer Brüste würde sie nicht vornüber fallen lassen) sind alle anderen Göttinnen stupide gleich. Große Brüste, halbnackt. Nun, die Programmierer hatten offensichtlich keine Probleme, den Göttern Kleidung zu entwerfen, wo ist das Problem bei den Göttinnen? Arachne, mythologisch kaum porträtriert, hat immerhin Spinnenbeine, aber das ist auch schon die größte Variation. Ich habe viel gesucht, aber dass Göttinnen alle bauchfrei, mit kleinen Fetzen, die ihre Brustwarzen bedeckten, herrschten, wäre mir neu.

Die Entwickler von Smite bedienen offensichtlich – in einem sonst sehr detaillreichen und gut gemachtem Spiel – einen Körperkult der typisch ist. Große Brüste, Wespentaille, keine nennenswerte Bekleidung. Was das bedeutet: Frauen werden objektifiziert. Es wird ein männliches Idealbild bedient, welches mit der Realität kaum etwas zu tun hat. Die Darstellungen ähneln der Bebilderung aus Männerzeitschriften, was noch aus einem anderen Grund bedenklich ist: eigentlich ist es ein No-Brainer, dass die objektifizierte Darstellung von Frauen in Männerzeitschriften problematisch ist. 2011 schockte dann die Universität Surrey mit einer Studie die zeigte, dass Männer Sätze von Vergewaltigern, die ihre Tat rechtfertigten, munter mit Sätzen aus Männerheftchen (z.B. FHM) verwechselten. Schlimmer noch: die Männer identifizierten sich eher mit den Sätzen der Vergewaltiger, als mit denen der Männerheftchen (!) und stuften letztere als erniedrigender ein.

Und genau da ist er, der Grund, warum Sexismus in Videospielen, in der gemütlichen Männerrunde, in Heftchen und in Werbung ein Problem ist: Sexismus erniedrigt Frauen strukturiert zu sexualisierten Objekten. Objekten, an denen es in Ordnung ist, sich zu bedienen. Objekte, die es selbst Schuld sind, wenn sie begrapscht werden, oder schlimmer noch, vergewaltigt werden. So wie die mutige 15 Jährige, die ihren Vergewaltiger in Essen anzeigte, sich aber “nicht genügend wehrte” damit er verurteilt werden konnte. Oder wie die unzähligen Frauen, deren Ermittlungsverfahren eingestellt wurden, mit den absurdesten Begründungen – falles es überhaupt zur Anzeige kommt, denn Nicht-Anzuzeigen ist in Deutschland ebenso kultureller Bestandteil wie in anderen Ländern.

Als Frauen sollen wir uns nicht so anstellen, das ist doch nur Spaß, nur ein Spiel, nur eine Werbung, ja, sehr lustig, bis dir dann ein Arschloch im Club wie selbstverständlich an den Hintern fasst oder deine Freundin auf offener Straße an vier Männern vorbei muss, die ihr alle einmal an die Brüste fassen, als Wegzoll. Und dann kommen sie damit, dass sie eine, zwei, dreißig Frauen kennen, die sich aber nicht sexistisch belästigt fühlen durch Videospiele – und vermischen dabei gefährlich subjektives Empfinden mit strukturellen Problemen. Es geht eben nicht darum, ob jemand durch ein Videospiel in ihren Gefühlen verletzt wird – ich fühle mich durch Smite beispielsweise weder persönlich verletzt noch erniedrigt – aber das Problem, dass Frauen objektifiziert werden, das ist offensichtlich und ganz losgelöst von persönlichen Gefühlen.

Sexismus, egal wo, egal in welcher Form, öffnet Tür und Tor für eine gefährliche Geisteshaltung: Frauen als Objekte. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter, wenn ich lese, dass bei einer Werbung, wo gefragt wurde ob Männer lieber die obere Hälfte oder die untere Hälfte einer Frau hätten, Kommentare wie “die untere, da sind mehr Löcher” kommen. Löcher, zum reinstecken, – ob die sechs Männer in Indien ähnliche Konversationen hatten, als sie die junge Frau vergewaltigten und mit einer Eisenstange so misshandelten, dass ihre inneren Organe zerstört wurden?

Weit hergeholt? Nun, leider gibt es Studien, die auch schon ganz objektiv gezeigt haben, dass Männer, die sexistischen Witzen ausgesetzt wurden, anfingen, Frauen zu diskriminieren und annahmen, dass dies in ihrer Gruppe gesellschaftlich akzeptiert würde – schließlich lachten alle über dieselben Witze. Kurzum: Sexismus führt zu Diskriminierung, also einer konsequenten Übersetzung von Einstellung in Tat. Sie sehen Frauen also nicht nur als Objekte, sie behandeln sie auch so. Ob bewusst oder unbewusst ist dabei erst einmal irrelevant – es passiert, und das ist traurig genug.

Das ist mein Problem mit Sexismus, egal wo. Das sollte auch euer Problem mit Sexismus sein.

Falls ihr euch immer noch unsicher seid: macht doch mal den Test, ob ihr die Aussagen von Vergewaltigern und Herrenmagazinen auseinander halten könnt. Oder lest in den unzähligen Links, die ich hier eingefügt habe, und informiert euch. Aber bitte, bitte, von Erwachsener zu Erwachsenen, bitte redet Sexismus nicht mehr klein. Stellt euch den Realitäten. Das ist unangenehm, weil es das Überdenken des eingenen Handelns voraussetzt, aber Steuererklärung und Klo putzen ist auch unangenehm. Und selbstverständlich.

8 Kommentare

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  3. Jonas M

    Also der Männer Magazin / Vergewaltiger Test sagt mir nur, dass bei Männer Magazinen anscheinend (potentielle) Vergewaltiger arbeiten… Da gehörte die Aussage, dass manche Frauen Fesselspiele mögen ja noch zu den harmlosesten…
    Was Smite angeht, schreib doch mal an Hi-Rez Studios. Für mich sieht das (wenn auch nicht zwingend) danach aus, als wäre denen die Kreativität was die Oberteile angeht ausgegangen… Da arbeiten definitiv auch Frauen (z.B. Kate) und zumindest bei Tribes sind sie relativ gut auf Fan Feedback eingegangen. (Habe noch keine Beta erlebt die so interaktiv war). Bei einem Free-2-Play sind Klamotten für Frauen doch die reinste Goldgrube ;)

    Off-Topic: Good read, deinen Blog habe ich bisher gar nicht gelesen :)

    • Mina

      Die fehlenden Oberteile haben dennoch nichts mit dem Busenfetischismus zu tun. Und es gibt pro Charakter verschiedene Kostüme, auch für die Frauen, die sind allerdings ähnlich… spärlich ;)
      Und danke!

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