Wer schreibt, der bleibt.

Momentan wird seit dem Vortrag von Glenn Greenwald auf dem #30c3 über die Rolle von Journalist_innen und Aktivismus diskutiert. Den Aufschlag machte Zeit Online, als Biermann und Beuth feststellten, Greenwald würde sich mit „Aktivisten gemein“ machen. Als Journalist_in müsse man objektiv sein, neutral, sich nicht für eine Sache einsetzen, so äußerten sich manche – sondern sich stets als Teil des Journalismus sehen, der irgendwie auf einer Meta-Ebene jenseits der Gesellschaft schwebend alles berichtet und Fakten liefert. Es entspann sich auf Twitter und verschiedenen Blogs eine Diskussion darüber, was Journalismus – bzw. im Journalismus tätige Personen – dürfen sollen, und was nicht.

Meine initiale Reaktion war folgende:

(Ergänzend dazu könnte ich noch hinzufügen, auch die Berichterstattung über LSR, VDS, NSA Affäre oder Wahlkampf und Parteienprogramm wären der erneuten Lektüre unter diesem Gesichtspunkt wert.)

Was mir dabei natürlich direkt einfiel, waren die vielen, endlosen und in großen Teilen auch selbst-referenziellen Feuilletonstücke aus diesem Jahr. Egal ob Sexismus oder Rassismus, egal ob Pinot Grigio oder Veggieday – irgendwo gibt es irgendeine Person, die bereits irgendeine Wertung vorgenommen hat und darüber nun in irgendeinem Medium schreiben darf. Besonders die Sexismus und die Rassismus Kinderbuch-Debatten waren ab einem bestimmten Punkt nur noch Meinungstennis der verschiedenen Kommentarspalten. Wie die dressierten Zirkushunde sprangen wir* schließlich alle durch die uns von den Fleischhauern und Bönts dieser Welt hingehaltenen Empörreifen. Und genau da liegt das Problem.

Journalismus ist weder objektiv noch neutral, denn Journalismus wird von Personen, Menschen, gemacht. Menschen sind nicht neutral. Oder objektiv. Oder unvoreingenommen. Sie sitzen in Redaktionen und bestimmen die Aufmacher. Sie wählen aus, über was berichtet, und was kommentiert wird. Berichten und Kommentieren, das sind zwei unterschiedliche Mittel, die verschiedene mediale Angebote ausmachen. Ein Unterschied, den wir oft vergessen – und den wir schnell wieder deutlich(er) machen müssen. Ein Kommentar setzt schon ein gewisses Maß an Vorwissen über ein Thema voraus, er kann nicht aufklären und verschiedenen Seiten ausgewogen Platz bieten – logisch, er kommentiert ja, bewertet, pointiert, spitzt zu, macht damit gegebenenfalls Unzulänglichkeiten in Argumentationen oder Debatten deutlich. Berichterstattung im berichtenden Sinne dagegen kann zwar auch durchaus durch Wortwahl (be)werten, umfasst aber vielmehr verschiedene Standpunkte, lässt Befürworter_innen und Kritiker_innen gleichermaßen zu Wort kommen und versucht sich an einer Neutralität, die vielleicht nie am Ideal liegen kann, dem aber deutlich näher kommt als jedes gemeine Meinungsstück.

Das ist zumindest das, was ich als Leserin von Journalist_innen, Zeitungen, Verlagen erwarte.

Doch wenn ich 2013 Revue passieren lasse – und gerade nach #aufschrei war das alles wirklich ein großes kompaktes Stück „what“ – dann fällt mir schon auf, wie unterschiedlich bestimmte Dinge medial verhandelt wurden. Während bei #aufschrei noch in Teilen eine Berichterstattung statt fand (wohl auch weil es Deutschlands erste große Twitterkampagne war und hier Aufklärung Not tat), so fehlte sie bei Themen wie Rassismus oder der NSA Affäre oftmals, oder erklärende Texte landeten in den Kultur und Netz Sparten, weit hinter Politik, Wirtschaft oder Sport. Und wer genau an dieser Stelle meint, dass dies keine politische Entscheidung sei, eine z.B. über das N-Wort in Kinderbüchern angestoßene Rassismus Debatte im Kulturteil zu führen, und nicht im Politikteil, der scheint noch naiver zu sein als ich vor der Bundestagswahl. Im Gegensatz dazu ist es natürlich auch relevant, dass Gedankenspiele um einen Veggieday der Grünen im Politikteil landen, und nicht in der Gourmetsektion. Auch hier wird selektiert, bewertet, und zwar nach vermeintlicher Relevanz für das tagespolitische und gesamtgesellschaftliche Zusammenspiel.

Was bedeutet das nun für Journalismus und Aktivismus?

Egal ob LSR, VDS, Sexismus oder Rassismus: immer wieder gibt es auf Twitter und Blogs kurze Phasen kollektiven Aufstöhnens, weil sich Debatten gefühlt im Kreis drehen und vor allem viele Fakten in diesen Debatten vergessen oder auch ausgelassen werden. Dann wird entweder die eigene Bedeutungslosigkeit heraufbeschworen oder sich gegenseitig versprochen, ab jetzt aber wirklich Ernst zu machen und jetzt wirklich was zu verändern. Aber! Die Gesellschaft ist meist noch nicht so weit. Meinungsbildung findet in vielen Bereichen nicht faktenbasiert statt (was normal und menschlich ist, in der ersten Reaktion), und durch das Abdrängen von Themen in Randsparten und Debattenteile für die ohnehin schon informierten Intellektuellen findet dort auch nichts statt, was Fakten nahe käme. In einer Zeit, in der die BILD so erfolgreich ist, egal ob auf Papier oder online, dass sie alle Haushalte umsonst mit ihrer Zeitung bestücken kann (mehrmals), kann man zwei Schlüsse ziehen: Zuspitzen und Meinung ist erfolgreich und daher nachahmenswert. Oder: mehr Fakten tun Not, um ein Ausgleichsangebot zu haben.

Wir, als Aktivist_innen, Blogger_innen, Interessierte oder einfach nur Menschen, können uns auf den Kopf stellen: so lange in den Redaktionen Politik gemacht wird durch eine Vorselektion und Vorbewertung politischer und gesellschaftlicher Themen, wird sich nichts ändern. Wer schreibt, der bleibt. Und deswegen muss genau dort angesetzt werden: durch Fortbildungen, durch mehr Vielfalt in Form von Mitarbeiter_innen und Themen, durch mehr links und rechts gucken abseits der altbewährten Medien, seien es Blogs oder Tweets. Bei vielen jungen Journalist_innen mache ich mir da gar keine Gedanken, es gibt viele, die ich gerne lese und denen ich all das zutraue und bereits bei ihnen sehe. Leider sitzen sie (noch) nicht in den Positionen, die über Diskurse (und damit Politik!) bestimmen.

Vielleicht braucht das alles auch einfach seine Zeit, und wächst sich von alleine raus. Demographischer Wandel und so. Ich trinke bis dahin weiter meinen Kaffee und sehe gespannt dabei zu, ob Blogs den bewährten Medien künftig nicht nur bei den Meinungen die Leserschaft abknuspern, oder auch bei der Berichterstattung.

We’ll see.
*Wir: wer immer sich eingeschlossen fühlt.
Hier noch der Vortrag von Greenwald zum Nachgucken: