The Affair – Nähe als Überlebenskampf

The Affair steht schon ewig auf meiner „muss ich unbedingt noch gucken“-Liste. Lange hab ich es vor mir hergeschoben, vor allem, weil die gängigen Beschreibungen der Serie mich anödeten. Verheirateter Mann und verheiratete Frau beginnen Affäre – meh. Klingt wie so etwa jede dritte Nebenstory in jeder zweiten Serie. Doch nachdem The Affair jetzt auch bei den Golden Globes vor House of Cards als beste Serie prämiert wurde und Hauptdarstellerin Ruth Wilson ebenfalls abräumte, beschloss ich, der Serie eine Chance zu geben.

Und die Chance sollte man ihr in der ersten Folge durchaus geben. Unwissend begann ich die Folge und war relativ schnell gelangweilt – wir lernen Noah Solloway kennen, halb-gescheiterter Autor dessen Familie durch die reichen Schwiegereltern durchgefüttert wird, und vierfacher Vater. Was ich da noch nicht wusste – jede Folge ist zweigeteilt. In der ersten Hälfte lernen wir meist Noahs Sicht kennen, in der zweiten dann Allisons. Allison ist ebenfalls verheiratet, kommt aus einem verschlafenen Touristenort an der Küste (in dem die Schwiegereltern Noahs wohnen und die sie dort jeden Sommer besuchen fahren) – und verlor vor zwei Jahren ihren vierjährigen Sohn. Ihr Leben ist geprägt von Trauer, Schuld, und dem immerwährenden Kampf gegen den Alltag. Doch ohne zu weit vorzugreifen – ihr merkt bereits an meiner Einführung, in der Serie geht es vorrangig um diese beiden Personen und ihre verschiedenen, sich teils überlagernden Leben. Richtig interessant wurde es für mich jedoch, als in der ersten Folge enthüllt wurde, dass sowohl Noah als auch Allison ihre Affäre rückblickend erzählen – auf der Polizeistation in Verhören.

Das dazugehörige Verbrechen wird erst im Verlauf der Staffel 1 klarer, und das besondere an The Affair ist, dass sowohl Noah als auch Allison unzuverlässige Erzähler_innen sind. In unzähligen Details offenbart sich das – so trägt Allison in ihrer Erinnerung auf der Arbeit z.B. meist zusammengebundene Haare, während Noah sie stets mit offenen Haaren schildert. Auch wer wann wie Initiative ergriff unterscheidet sich immens. Die Charakterstudie ist sicherlich so intensiv und fantastisch gemacht, dass sie im Vergleich zu anderen Serien derzeit heraussteht.

Wie man merkt – ja, die Serie hat mich zum Fan gemacht. Das ganze Konzept geht unglaublich gut auf, und auch der Fakt, dass The Affair eine Co-Kreation von Sarah Treem und Hagai Levi ist, tat sicher sein übriges. Fiona Apple schrieb eigens für The Affair den Titelsong, und auch das Intro ist meiner Meinung nach eins der besten der letzten Jahre – schon allein durch die Details, die Lyrics, die Komposition – etwas, dass sich mancher wohl erst nach einigen Folgen offenbart. Sarah Treem kündigte bereits an, dass The Affair in die zweite Staffel geht, diese „noch besser als die erste“ sein würde und sich die Storyline erst zur dritten Staffel hin auszahlen wird. Klingt alles vielversprechend.

Generell ist die Serie sehr dunkel, düster und schwer. Das liegt an der vagen Hoffnungslosigkeit des kleinen Küstenorts, der bei Wegbleiben der Tourist_innen hauptsächlich mit Überleben beschäftigt ist, der Melancholie von Noah, der im Schatten der erfolgreichen Bücher seines Schwiegervaters steht und verzweifelt versucht ein zweites Buch zu schreiben, und natürlich an Allisons tief trauriger Geschichte. An dieser Stelle möchte ich für die Serie auch eine Triggerwarnung aussprechen: (Spoiler) für selbst-verletzendes Verhalten, Suizidalität, Tod eines Kleinkinds und Depressionen.
Alles ganz schön harter Tobak.

The Affair lebt von der Dynamik von Allison und Noah, aber richtig spannend wird es eigentlich noch mehr, wenn wir sie getrennt von einander erleben. Immer wieder fragt man sich, was diese zwei Personen zueinander führte, und beieinander bleiben ließ, und immer wieder ist die Antwort schmerzhaft offensichtlich und befreiend vage. Klingt kryptisch? Gut. Denn nur so kann man The Affair angemessen beschreiben. In den USA lief sie sonntags parallel zu Homeland auf Showtime. Ich für meinen Teil bin sehr sehr gespannt auf die zweite Staffel und hoffe, dass wir The Affair bald auch im deutschen Fernsehen sehen dürfen.

Wer neugierig geworden ist oder noch nicht überzeugt, kann sich jetzt diesen Trailer hier ansehen:

 

Titelbild: © Steven Lippman/SHOWTIME