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Ich hab keine Worte mehr, die meinen Frust, meine Abscheu und meine Verzweiflung akkurat wieder geben könnten.

Ein Mann in einer Bar, sichtlich betrunken. Neben ihm sitzt eine Frau. Er starrt ihr auf den Busen und spricht die Größe ihrer Brüste an. Greift ihre Hand, überschreitet die körperliche Distanz und presst seine Lippen auf ihre Haut. Fordert sie eindeutig auf, mit ihm zu tanzen. Sie weicht immer weiter zurück. Er kommt auf sie zu, das Gesicht nah an ihrem, zu nah. Er greift nach ihr.

Eine Geschichte, wie sie tagtäglich in Deutschland zehntausendfach passiert. Grenzen werden überschritten, Frauen bedrängt. Körperliche Nähe wird gesucht, wo keine erwünscht ist. Manchmal wird die unsichtbare Barriere überschritten, und Frauen werden gegen ihren Willen angefasst – ein Griff um die Hüfte, die Hand leicht tiefer am Rücken als es professionell wäre, ein lockerer Po-Klatscher, und in den schlimmsten Fällen rücksichtsloses Anfassen bis hin zu erzwungenem Geschlechtsverkehr. Aber auch mit Worten lassen sich Grenzen überwinden: ungefragte Kommentare über Geschlechtsmerkmale wie Busen und Po, wiederholte Aufforderungen, bis hin zu eindeutigen Kommentaren, die an sexuelle Belästigung grenzen.

Als Annett Meiritz vor mehreren Tagen über den erlebten Sexismus in der Piratenpartei berichtete, waren viele schnell damit, die Geschehnisse zu verurteilen. Unerhört, unglaublich, aber auch leider nicht schockierend, schließlich sei mit der Piratenpartei ja Sexismus ohnehin verknüpft. Nun werden Vorwürfe gegen FDP Spitzenmann Brüderle laut. Die Reaktionen hier?

1. Das Opfer beschuldigen (Victim-blaming)

Ich wundere mich, dass die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten. (Wolfgang Kubicki)

2. Ablenkung (Derailing)

Ich war bei den angeblichen Vorgängen nicht dabei. Es kommt mir aber so vor, als versuche der ‚Stern‘ eine große Schippe Dreck auf den liberalen Spitzenkandidaten zu werfen, und hofft dabei, dass schon irgendwas hängen bleibt. (Philipp Rösler)

3. Der Täter als Opfer

Wenn diese Art von Journalismus darauf abzielt, einen Menschen und seine Familie mit einem rücksichtslosen Schlag unter die Gürtellinie zu beschädigen, hat er eine Wegmarke überschritten. (Elke Hoff)

Das ist Deutschland in 2013: eine Geschichte, die fast jede Frau persönlich schon erleben musste, in unterschiedlicher Ausprägung, wird klein geredet, als Kampagne verteufelt, unglaubwürdig gebrandmarkt und als Angriff statt Tatsachenbericht verkauft. Sexismus als Alltag. Mehr noch: muckt gefälligst als Frauen nicht auf, haltet die Schnauze, und habt euch nicht so. Das sind doch Komplimente!

Aber der Fall Brüderle im krassen Kontrast zur Piratenpartei zeigt noch etwas auf: es geht um Machtstrukturen. Hätte die oben geschilderte Situation Frau Meiritz mit einem männlichen Mitglied des Piratenvorstands geschildert, hätte es doch keine Frage gegeben – eindeutiger Sexismus in dieser wirren, verufenen Partei. Es hätte Rücktrittsforderungen gegeben und er hätte sich entschuldigen müssen. Und bei Brüderle? Als Spitzenkandidat wäre er bei einer Neu-Auflage der schwarz-gelben Regierung stellvertretender Kanzler. Es kann nicht sein, was nicht sein darf – etwas bedroht seine Position, sein Ansehen. Zum Glück für die FDP ist es bloß eine Frau, eine Journalistin noch dazu (wobei es hier auch interessant ist, dass den Artikel eine Frau und ein Mann gemeinsam schrieben, aber nur die Frau angegriffen wird) – und damit wird es ganz leicht sich dem Thema zu verweigern.

Natürlich kann man bei so einem Thema als Beschuldigter kaum gewinnen – aber souverän wäre doch gewesen, hätte Brüderle gesagt: Ja, ich hab zu viel getrunken, ich bin aufdringlich geworden, das tut mir sehr leid, ich wollte die Frau nicht bedrängen, das wird nie wieder vorkommen und ich schäme mich dafür.

Warum das nicht passiert ist? Weil Sexismus in Deutschland immer noch salonfähig ist, weil offensichtlich in der Meinung einiger FDP Spitzenkräfte die Tatsache, dass eine junge Frau von ihren Erfahrungen berichtet schlimmer ist, als die Erfahrungen selbst. Weil Geschlechterungleichheiten stark mit Macht verknüpft sind – denn sind wir mal realistisch: die Geschichte wird umso schlimmer, weil die Frau in einem beruflichen Abhängigkeitsverhältnis zu Brüderle stand. Weil die Mächtigen einen Teufel tun werden, um solche Machtstrukturen aufzubrechen. Weil die deutsche Gesellschaft die längst überfällige Sexismus Debatte, die in den USA beispielsweise Anfang der 90er Jahre durch den Fall Anita Hill statt fand, immer weiter vor sich her schiebt.

Wir brauchen eine Debatte über Sexismus. Wir müssen das Tabu endlich loswerden.

Nach dem Artikel von Frau Meiritz schrieb ich auf Twitter: jede Frau wird spontan fünf solcher Erfahrungen mitteilen können. Denn das ist unser Alltag. Die Szene oben? Unzählige Male erlebt. Gestern las ich dann in meiner Timeline, dass einer Frau eine Beförderung gegen Sex angeboten wurde. Das ist in Deutschland wohl nicht mal strafbar. Wo lebe ich denn? Es kotzt mich so an. Es ist zum verrückt werden. Beschämend, dieses Land, schockierend, seine Politiker_innen.

Ach, und zu dieser kläglichen Partei von Sexismus-relativierenden Vollidioten: sie sollten sich vielleicht mal ein paar Minuten in Ruhe mit ihren Töchtern, Enkelinnen, Nichten, Freundinnen, … zusammen setzen und sie zu ihren Erfahrungen befragen. Und danach sollten sie sich ganz lange ganz intensiv schämen.