Schlagwort: sexismus

Leseprobe „Ich bin kein Sexist, aber… – Sexismus erlebt, erklärt, und wie wir ihn beenden.“

Der Orlanda Verlag hat Nicole von Horst, Mithu M. Sanyal, Jasna Strick und mir die Chance gegeben, in einem Buch über Sexismus zu schreiben. Heraus gekommen sind vier Kapitel u.a. über #aufschrei, Machtstrukturen, Abwehrmechanismen als Reaktion sowie Alternativen und Lösungsansätze.

Freundlicherweise darf ich euch eine Leseprobe zur Verfügung stellen. Die folgenden Absätze sind aus meinem Kapitel zu Sexismus und Macht: „Kaffeeschubsen und Machtspiele – wo fängt Sexismus an?“ und geben euch einen kleinen Eindruck. Wirklich kleinen Eindruck, denn so unterschiedlich wie die Autorinnen, so unterschiedlich sind auch die Texte. Vor allem die Texte von Nicole, Mithu und Jasna kann ich nur loben – es macht mich gerade stolz, mit Frauen wie ihnen in einem Buch gelandet zu sein.

—–

Es ist April 2013, in einer Talkshow sitzen verschiedene Menschen zusammen, um über Sexismus zu sprechen. Es vergehen keine fünf Minuten, da stellt eine der Frauen in der Runde klar: Sexismus hängt eng mit Machtstrukturen zusammen! Super, denke ich. Vielleicht wird heute endlich mal substanziell über das Thema gesprochen, über Macht, Kontexte und Strukturen. Als ein Kolumnist eine Stunde später von »amerikanischen Verhältnissen« spricht und erzählt, wie von ihm dort bei einem dritten Date erwartet werde, mit der Frau zu schlafen, sollte sie so wollen, gebe ich die Hoffnung auf. Zu viele ablenkende Kommentare über Flirts, zu viele rhetorische und zumeist unbeantwortete Fragen, was denn noch erlaubt sei.

Doch wo genau kommt dieser Drang her, Sexismus reflexartig mit Flirtversuchen, Erotik und misslungenen Witzen gleichzusetzen? Was genau ist überhaupt Sexismus? Es wird und wurde viel über Sexismus, sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe gesprochen. Eine oftmals wiederkehrende Reaktion ist die Verunsicherung in Bezug darauf, welches Verhalten »noch in Ordnung« ist und welches Verhalten schon als sexistisch gewertet werden kann. Was unterscheidet einen Flirt von Sexismus? Die Grenze verläuft unstetig, ist schmal und unsichtbar. Sie liegt dort, wo sich Menschen nicht mehr auf Augenhöhe, sondern in einem Machtverhältnis begegnen. Die gute Nachricht vorab: Studien belegen immer wieder, dass sowohl Frauen als auch Männer klar erkennen können, wann etwas sexistisch – also objektifizierend, abwertend – und wann etwas ein Kompliment oder ein Flirt ist. Eine Ende der 1990er Jahre durchgeführte Untersuchung zeigte sogar, dass Männer anzügliche Witze, Bemerkungen und pornographische Bilder am Arbeitsplatz eher als Belästigung einstuften als Frauen. Das Bewusstsein darüber, was »noch erlaubt« ist und was die feine Grenze überschreitet, scheint also durchaus vorhanden. Wie kommt es dann aber, dass laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) jede zweite Frau schon einmal Sexismus erlebt hat? Wie kommt es zu den vielen Berichten im Rahmen von #aufschrei und alltagssexismus.de, die aus dem Berufsleben erzählen? Dieser Beitrag versucht, hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Ein Beispiel: Das Vorstellungsgespräch war bisher gut gelaufen. Die junge Frau brachte hervorragende Zeugnisse mit, Elan, Kompetenz und schien auch gut ins Team zu passen. Sie hatte ein gutes Gefühl, sie wollte diesen Job, und vielleicht war es ihr ja auch gelungen, das auszustrahlen. Das Gespräch näherte sich dem Ende, und der ihr gegenübersitzende Personalverantwortliche musterte sie noch einmal eindringlich. »Ich habe noch eine Frage, die ich speziell Ihnen als junge Frau stellen möchte. Angenommen, Sie sind mit einem Kunden bei einem Geschäftsessen. Er will mehr von Ihnen und lässt nicht locker. Was tun Sie?«

—–

„Ich bin kein Sexist, aber“ erhaltet ihr in allen gut sortierten Buchhandlungen, über den Orlanda Verlag und natürlich bei Amazon.

 

Schnauze voll. Rant zu Anti-Feministen und den Medien als Enablern.

TW: Sprache/Beleidigungen/Hetze

Es ist doch zum Verzweifeln. Vor ein paar Wochen geht eine Sexismus-Debatte durch das Land. Wie auf Befehl sprießen die Anti-Feministen wie Unkraut in die Foren, auf Twitter, auf die Blogs. Sie werden temporär niedergeschrieen, nein, das ziemt sich nicht, du kannst doch nicht die Frau kritisieren die sich gerade getraut hat, von ihrer Vergewaltigung zu schreiben.

Ein paar Wochen später spricht Gauck von Tugendfuror und plötzlich geht alles. Nein, es überrascht mich nicht, nicht im Geringsten – aber es macht mich traurig und wütend. Ein kleine, nicht repräsentative Analyse aus 30 News-Artikeln zum offenen Brief an Gauck zeigt, dass trotz unserer anders formulierten PM, die meisten Medien negativ konnotierte Begriffe und Adjektive benutzen, um uns zu beschreiben (Feministinnen, aufgebracht, verärgert), gefolgt von weiteren diskreditierenden Wörtern (junge Frauen, junge *, Aktvistinnen, Netz-*). Nur wenige Artikel sprechen von neutralen Begriffen wie „Frauen“ oder „Unterzeichnerinnen“. 68%, mehr als 2 von 3 Artikeln, diskreditieren uns schon in der Überschrift.
Bildschirmfoto 2013-03-10 um 22.08.06 Bildschirmfoto 2013-03-10 um 22.10.12 Bildschirmfoto 2013-03-10 um 22.09.01 Bildschirmfoto 2013-03-10 um 22.10.26 Bildschirmfoto 2013-03-10 um 22.10.54

Was folgt, ist so absehbar, wie das Amen in der Kirche: der Shitstorm der Anti-Feministen in den Foren von Spiegel Online und dergleichen (ein Phänomen, das selbst schon in Studien belegt wurde), gerne auch vermischt mit islamophoben und ausländerfeindlichen Essenzen. Wir als Initiatorinnen des Briefs werden persönlich angegangen, beleidigt, in den Dreck gezogen. Moderation? Fehlanzeige. Nein. Was dann passiert, ist an Zynismus kaum zu überbieten: die Online-Seiten nutzen dieses abartige Feedback um künstliche Artikel draus zu basteln, die zeigen sollen, dass wir als Feministinnen, uns bei Gauck und seinen Aussagen bloß anstellen. Über 2.000 Unterschriften mit fast immer Klarnamen und unzählige Support-Kommentare unter dem Brief? Scheiß was drauf! Glückwunsch an die Trolle, ihr habt die Redaktionen wohl intellektuell überboten, und das will schon was heißen, als Gruppe, deren empathisches und intellektuelles Verständnis… naja. Sprechen wir nicht drüber.

Bildschirmfoto 2013-03-10 um 22.15.17

Bildschirmfoto 2013-03-10 um 22.16.18

Deutschland 2013: Twitter die Signifikanz absprechen, aber Foren-Kommentare zu Artikeln umbauen. Seximus leugnen, und gleichzeitig ein paar Frauen zur Projektionsfläche machen für armselige Würstchen, deren Leben daraus besteht, verzweifelt ihre Privilegien als weiße, heterosexuelle Männer zu sichern. Gott bewahre, dass sich noch einmal eine Frau, erst recht keine mit Migrationshintergrund, traut, dem höchsten weißen, heterosexuellen alten Mann Deutschlands zu widersprechen! Und die Redaktionen und Medien machen sich schulterzuckend zu Komplizen einer ganzen Bewegung, deren Ziel es ist, die Gleichberechtigung auf den Stand von 1958 zurück zu versetzen.

Bildschirmfoto 2013-03-10 um 22.15.29 Bildschirmfoto 2013-03-10 um 22.11.06

Ach, und dann kommen sie wieder alle, und schreien, wir wären mediengeil, und möchten einen persönlichen Vorteil. Sagt mir doch mal, welchen persönlichen Vorteil? Dass ich täglich Hasskommentare löschen musste? Dass ich täglich Menschen blocke, die mich beleidigen? Dass ich in Foren, in Leserbriefen, überall, zum Abschuss freigegeben bin, mit meinem Klarnamen, während diese feigen Menschen anonym rumtrollen? Und das nicht erst seit Gauck, nein, das ging so seit dem ersten Tag von #Aufschrei. Mit dem Wissen, trotz dessen, gerade deswegen, haben wir diesen Brief geschrieben. Aber nein, es wird trotzdem immer Leute geben, die das nicht checken. Die denken, es macht uns Spaß, als Schlampen, Fotzen, Huren bezeichnet zu werden, bedroht zu werden, die denken, es ist schön zu wissen, dass Menschen online, öffentlich lesbar, uns als dumm, mediengeil, bescheuert, beschämend, etc. pp. bezeichnen, wahrscheinlich während die Redaktionen sich die „lustigsten“ Posts gegenseitig zeigen.

Nein, ihr Arschlöcher. Es macht keinen Spaß. Ich könnte gut drauf verzichten.

Aber offensichtlich ist es nötiger denn je.

Gaucks Tugendfuror oder: Sprache schafft Realität, Teil II.

Vor etwa zwei Monaten schrieb ich mit Kathy Meßmer einen Artikel über Peer Steinbrück und seine Äußerungen, und wie diese allein durch die gewählte Wortwahl Realitäten schaffen. Heute ist es an der Zeit, diesen noch einmal zu reflektieren: zusammen mit sechs weiteren tollen, klugen und engagierten Frauen habe ich einen offenen Brief an den Bundespräsidenten geschrieben, in Bezug auf seine Äußerungen zur Sexismus-Debatte.

Gauck wählte dabei ein Wort, welches mir die Fingernägel aufrollt: Tugendfuror (sprich: ihr seid rasende Moralapostel). Mehr noch: er unterstellt der Debatte einen Hype (sprich: eigentlich total überzogen was ihr da gemacht habt). Weiterhin sagt er, dass er kein flächendeckendes Fehlverhalten erkennen kann (sprich: es gibt kein Problem). Kurzum: er nimmt die Debatte nicht ernst, und mit seinen gewählten Worten schafft er eine ganz bestimmte Form von Realität: er redet das Problem weg, er lenkt ab, er diskreditiert die Debatte. Dies ist insofern problematisch, da er unser Staatsoberhaupt ist. Einer der Mächtigen, einer der Elite, spricht das aus, was sich viele in Politik-Kreisen (und zwar nicht nur bei der FDP), Wirtschaftszirkel und News-Redaktionen insgeheim gedacht haben: übertriebene Hysterie von einer paar Frauen, was wollt ihr überhaupt. Zu amerikanische Verhältnisse, feminazische Weltverschwörung, einself! ist es da nicht weit.

Aber auch etwas anderes war interessant zu beobachten: in unserer versandten PM sprachen wir von „Frauen wenden sich an Gauck“ – doch in den Artikeln kann man nur von „Feministinnen“ „jungen Frauen“ oder „jungen Feministinnen“ lesen. Was passiert da? Ganz einfach: man drückt uns ein Label auf. Nein, nicht Frauen wenden sich an Gauck. Junge Frauen. Na, Assoziationskette? An was denkt ihr? Studentinnen? Schülerinnen? Germany’s Next Top Model? Noch nicht ausgereifte Erwachsene? Feministinnen ist dabei aber auch schön – wir sind keine Frauen, nein, wir sind Feministinnen. In einem Land, wo dieses Wort weiterhin ein Schimpfwort ist, wo Feminstin unweigerlich mit Kurzhaar tragenden Mannsweiber-kalibriegen Schwarzers assoziiert wird, hat das eine besondere Bedeutung. Feministinnen wenden sich an Gauck. Nicht Frauen. Nicht Doktorandinnen, Selbstständige, Beraterinnen und Studentinnen. Nein. Feministinnen.

Sprache schafft Realität, und in einer Gesellschaft, in der die meisten Chef-Redakteure Männer sind und Machtzirkel männlich geprägt, schafft ihre Realität eben die Sprache.

Immerhin sind wir nun an einem Punkt, an dem sich die Mächtigen ihre Realitäten selbst schreiben wollen – wir werden sehen, wie gut das gelingt. Es heißt jetzt nicht aufgeben, dran bleiben, und weiter den Finger in die Wunde legen, und #Aufschrei hat tiefe Wunden gerissen. Die Mächtigen mögen die Fäden in der Hand halten, aber sie können die Fäden nicht ziehen, wenn die Wunde noch nicht verheilt ist.

Ihr könnt hier den Brief lesen und unterschreiben.

„Wir brauchen ein Umdenken.“

Gestern war ich bei der SPD Bundestagsfraktion zur Diskussionsrunde eingeladen. Thema: Konsequenzen aus der Sexisumsdebatte. Die Runde war gut besetzt, wir konnten konstruktiv diskutieren, es gab keine Hardliner, und auch das reflexartige „what about teh menz“ musste ich nicht einmal hören.

Während der Debatte wurden viele Themen angesprochen und angerissen. Einig waren wir uns relativ schnell darin, dass Sexismus ein gesellschaftliches und strukturelles Problem ist, welches sich nur durch eine Mischung aus institutionellen und individuellen Maßnahmen lösen lässt. Sprich: jede_r fängt bei sich selbst an, nimmt andere in die Verantwortung, und der Staat muss Lösungen entwickeln, wo Graswurzelbewegungen und kultureller Wandel zu langsam von statten gehen. Wichtig war meiner Meinung nach auch zu betonen, dass wir ohne die Einbindung von Menschen in Machtpositionen – meist Männer – nicht weit kommen werden. Wir brauchen Signale und Multiplikatoren, die dieses Thema jetzt dorthin tragen, wo es gerne ignoriert wird: in die Chefetagen (sic) und Parteizentralen, in die Hochschulen und Verwaltungen.

Ein paar konkrete Vorschläge gab es dann doch, im Folgenden hier ein Versuch der Aufarbeitung:

1. Die Quote
Ein gutes Instrument, wie ich finde, um institutionell das zu verankern, was Unternehmen freiwillig nicht schaffen (wollen): einen ausgeglicherenen Anteil von Frauen und Männern in Aufsichtsräten. Die oft monierten „aber in Branche XYZ gibt es so wenige Frauen“ Argumente ziehen dahingehend ja auch nicht: denn gerade in Aufsichtsräten sitzen oft Branchenfremde Personen, sprich, Frauen können leicht aus anderen Feldern rekrutiert werden. Nachteil bei einer Quote nur für Aufsichtsräte: sie betrifft nicht unmittelbar das operative, mittlere Management. Dennoch wird eine Quote genug Bewegung anstoßen können. Zur Quote habe ich hier und hier schon mal was geschrieben.

2. Mehr Verantwortung
Bei einer vollkommen unrepräsentativen Umfrage auf Twitter fragte ich, wer Konsequenzen aus der Debatte gezogen hat, und wenn ja, was für welche. Viele entgegneten mir, dass sie sensibler als Männer auf ihre Worte und Taten achten, viele Frauen lassen sich weniger gefallen. Das freut mich so unglaublich. Denn genauso müssen wir weiter machen: nichts durchgehen lassen, weiter standhaft bleiben, uns und andere ermahnen. Kurz: die Graswurzelbewegung nicht einschlafen lassen, und weiter alle mitnehmen, die mit kommen wollen (das darf gerne als Einladung „des Feminismus (TM)“ an „die Männer (TM)“ verstanden werden, mit auf die Reise zu kommen). Über kurz oder lang werden wir dennoch „handfestere“ Maßnahmen brauchen, um die alten, verkrusteten Machtstrukturen aufzubrechen.

3. Chancengleichheit Pflicht-Ausbildung für Lehrkräfte und Pädagog_innen
Dies würde nicht nur Geschlechterverhältnisse umfassen, sondern auch Chancengleichheit in Bezug auf Migrationshintergrund, sozialer Herkunft, Aussehen (Stichwort Lookism), sexueller Orientierung, etc. Warum angehende Lehrer_innen und Professor_innen das nicht pflichtgemäß längst machen müssen, wenn sie doch die Stellschrauben für so viele Lebensläufe setzen, ist mir unklar. In Zeiten, wo Ärztinnen-Kinder aufs Gymnasium durchgewunken werden und Kinder von Hilfsarbeitern selbst bei besseren Noten nur einen Hauptschulempfehlung bekommen, muss ein Seminar in Chancengleichheit Pflicht sein. Wir müssen mehr sensibilisieren und alle Lehrenden zur Reflektion befähigen. Nicht seit gestern ist bekannt, dass Geschlechterverhältnisse und entsprechende Sozialisierungen im Kindes- und Schulalter beginnen und geprägt werden und etwas mehr Bewusstsein von Seiten der Pädagog_innen kann sicher nicht schaden.

4. Werbung eingrenzen
Wem das Ausmaß von Werbung an Kinder auf deren Entwicklung fürs Leben nicht ganz klar ist, dem sei dieses Video hier empfohlen:

Aber da hört es ja nicht auf – Werbung wird immer wieder dazu benutzt, um Geschlechterrollen klar zu stellen – und Frauen ganz nebenbei als Beilagen und Objekte zu degradieren. Ansätze wären hier: Werbung an unter 12jährige Kinder zu verbieten, wie es bspw. in Schweden und Norwegen schon üblich ist (Länder, die immer gerne für ihre Chancengleichheit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelobt werden) und den Werberat bei sexistischen Werbebeiträge stärker in die Pflicht zu nehmen.

5. Umdenken sowie „Naming & Shaming“
Ein systematisches Umdenken von Schlüsselfiguren, bspw. durch Seminare, Workshops, Coaching, hin zu mehr Verständnis und Bewusstsein. Fände ich super. Außerdem wurde vorgeschlagen von Sattelberger: Täter sollen offensiver zur Schau gestellt und verurteilt werden (Naming & Shaming). Sprich: bei einem Kubicki, der keine Einzeltermine mehr mit Journalistinnen wahrnehmen möchte, müssen lautstark Chefredakteure und Parteivorsitzende die Maßnahme als das verurteilen, was sie ist: Bullshit. Ziel des von Sattelberger vorgeschlagene „Naming & Shaming“ soll sein, eine Null-Toleranz-Politik gegenüber sexistischen Auswüchsen zu fahren, und gegenläufige Handelnde zu bestrafen – eben durch moralische Verurteilung. Wer nicht mehr mit seinen Maschen durchkommt, muss umdenken – so der Grundgedanke. Von allen Ideen glaube ich, dass diese die am schwersten umzusetzende ist, denn dafür brauchen wir mutige männliche Early Adopter aus der wirtschaftlichen und politischen Elite, und die sind für mich momentan kaum in Sicht.

Zuletzt bleibt: die Ansätze sind alle nicht neu, sie sind schnell ausfasernd und komplex, genauso wie das Problem, das sie bekämpfen sollen. Was bleibt ist die Hoffnung, mit einigem Schwung jetzt ein paar Probleme gezielter anzugehen. Die Politik ist nun in der Verantwortung – und es ist unser aller Pflicht, sie immer wieder darauf hinzuweisen.

Edit: Einige von euch haben mich auf die Problematik der Wörter Reedukation und Umerziehung hingewiesen. Nachdem ich noch mal drüber geschlafen hab, finde ich, dass ich die Wörter selbst im Zitat ja nicht so unreflektiert übernehmen muss. Ich ändere sie also in „Umdenken“ – das passt immer noch zur originären Intention, so wie ich das Gespräch verstanden habe, und ist unbefangener. Bitte verzeiht die originäre Wortwahl.

#Aufschrei, Sexismus, und ein paar Antworten zu oft gestellten Fragen.

Als ich im letzten Beitrag am Donnerstag schrieb, ich wünschte mir eine Sexismus-Debatte, war mir nicht klar, dass diese schon Stunden später los gehen würde – durch die wunderbare aber auch belastende, emotionale und teils schockierende Aktion #Aufschrei auf Twitter. Mittlerweile gibt es etwa 60.000 Tweets von betroffenen Männern und Frauen, die sexistisch behandelt wurden, belästigt wurden, bis hin zu den ganz schlimmen Übergriffen. Die Erfahrungen ziehen sich quer durch alle Altersklassen, durch alle Schichten und durch alle Lebensphären: Beruf, Privatleben, Freundeskreise, Familie, Uni, Schule, … – und genau das zeigt eben, dass Sexismus ein strukturelles Problem ist, dass sich quer durch die Gesellschaft zieht. Weiterhin teilen so wohl Frauen als auch Männer ihre Erfahrungen, jedoch ist der überwältigende Teil der Betroffenen weiblich. Auch das ist kein Zufall: Sexismus ist eine Form der Machtausübung, und die Machtpositionen sind in Deutschland zu großen Teilen männlich besetzt, kein Wunder, es ist eben eine männlich geprägte Gesellschaft.

Ich möchte hier jetzt ein paar Dinge adressieren, die ich in den letzten Tagen immer wieder gehört habe. Nun, erstmal vorweg: 60.000 Tweets würde jede_r Wissenschaftler_in mit Kusshand als Evidenz nehmen, in Studien kommt man kaum an eine so große Datenbasis. Die Aktion auf Twitter deswegen als „unseriös“ zu verunglimpfen ist also Quatsch – das Problem lässt sich nicht weg argumentieren, nur weil man das Medium, auf dem es stattfindet, eventuell nicht so gut kennt oder mag. Tendenziell ließe sich lediglich sagen, dass auf Twitter eine eher priveligiertere Masse schreib(en)t (kann), welche in der Gesellschaft einen geringen Anteil ausmacht, und die Dunkelziffer – das ist jetzt von mir persönlich geschätzt – noch viel höher liegen müsste.

So weit so gut. Die Reaktionen waren hier im Blog und in den Diskussionen die ich so mitbekommen habe oft ähnlich, deswegen werde ich sie hier gruppieren und nacheinander abarbeiten.

1. „Ich finde es doof, dass Männer jetzt unter Generalverdacht gestellt werden. Was soll das?!“
Ja, das finde ich auch doof. Das bringt nämlich niemandem etwas. Warum fühlst du dich trotzdem so? Nun, ich schätze, das liegt einerseits an der schieren Masse an Berichten, die auf einmal auf uns hereinstürzten am Wochenende. Von so vielen Männern zu lesen, die sich daneben benehmen, kann vielleicht den Eindruck erwecken, man würde alle verurteilen. Nein! Es geht eben nicht darum, Männer generell unter Verdacht zu stellen, sondern einfach all die „Einzelfälle“ zu sammeln. Die Erkenntnis, dass die Gesellschaft eine sexistische ist kann schmerzhaft sein, es geht aber nicht um dich persönlich. Wenn du dich nicht daneben benommen hast, greift dich auch niemand an, und selbst wenn du mal daneben getreten bist, heißt das nicht, dass dich jemand für alle Zeiten ächten wird. Menschen können sich ändern.

2. „Aber Männer werden auch sexistisch belästigt! Betrunkene Frauen greifen mir an den Hintern!“
Ja, und sowas ist genauso daneben. Und gerade dann, sollte doch die Solidarität mit der großen Masse an betroffenen Frauen um so größer sein, oder? Es geht nicht um eine Einteilung in Frauen vs. Männer, sondern darum, wie generell solche Situationen gelöst werden können. Eine wichtige Sache solltest du dir vielleicht noch überlegen: die Übergriffe von Männern sind oft Machtdemonstrationen, zudem sind sie strukturell in der Gesellschaft verankert. Sexismus gegenüber Frauen hat System, anders als bei Männern.

3. „Ich habe eine/fünf/vierzig Freundinnen, denen so etwas noch nie passiert ist/die das nicht stört.“
Das freut mich für sie. Ich wünschte, ich könnte all die Erfahrungen und Erinnerungen wegwischen. Dann sorg bitte jetzt mit dafür, dass sie diese Erfahrung erst gar nicht machen – denn die 60.000 Tweets sind real. Sexismus ist real. Auch wenn ihn deine Freundinnen noch nicht erlebt haben.

4. „Dann wehrt euch halt!“
Nun, sag das mal deiner 10jährigen Tochter, die vor Angst kaum weiß wohin. Oder der 16jährigen Nichte, die sich zu sehr schämt und gerade erst mit ihren neu erwachenden Reizen klar kommen muss. Oder der 30jährigen Kollegin, die den Job braucht und nicht als zickig, verklemmt oder frustriert rüber kommen will. Oder deiner 56jährigen Mutter, die früher auf die Straße gegangen ist, damit sie sich gar nicht erst wehren muss. Fakt ist: man sollte sich gar nicht erst wehren müssen. Jede Frau wird, so wie sie kann, sich zur Wehr setzen – es macht ja keinen Spaß das zu erleben! Was jede Frau kann ist jedoch individuell – und ein bisschen mehr Empathie und ein bisschen weniger Arroganz könnte hier viel helfen.

5. „Was darf man denn überhaupt noch? Wenn ich jetzt Komplimente mache komme ich in den Knast?“
Ich glaube, als erwachsener Mensch sollte jede_r in der Lage sein, ihr/sein eigenes Verhalten zu reflektieren. Falls nicht – manchmal braucht es einen Außenblick – einfach mit den Betroffenen sprechen: „Hey, ich will dir jetzt nicht zu Nahe treten – darf ich dir sagen, dass dein Blazer hübsch ist?“. Solche Komplimente nimmt sicher jede_r gerne – leider sind solche Äußerungen vor allem im beruflichen Umfeld oft mit Machtdemonstrationen verbunden, Stichwort „Ich erteile dir die Legitimation, das anzuziehen. Ich bestimme, was schön ist.“ Weiterhin sind mit solchen Kommentaren auch oft subtil andere Dinge gemeint, Stichwort „Deine Hose macht eine gute Figur“. Generell: solche Äußerungen gegenüber reinen Kolleginnen, die man nicht gut kennt, sollten zu Hause bleiben. Professionelle Distanz. Bei Unsicherheit einfach fragen, ob es die Person stört. Bei Freund_innen / Familie spricht sicher nichts gegen Komplimente – es sei denn, der Person ist das unangenehm. Einfach ein bisschen drauf achten, dann läuft das schon.

6. „Ich will keine amerikanischen Verhältnisse, wo ich nicht alleine Fahrstuhl fahren kann, ohne danach verklagt zu werden.“
Und ich will keine Verhältnisse, wo Frauen unterstellt wird, ihr einziges Lebensziel sei einen Mann auf sexuelle Belästigung zu verklagen, wo sie sich schon allein bei der Beweisaufnahme unglaublich beschämenden Verhören unterziehen muss. Ich will keine Verhältnisse, wo Frauen als Furien dargestellt werden, die alle nur darauf warten, Männer einen Strick draus zu drehen. Und ich will tatsächlich keine amerikanischen Verhältnisse, wo ein Zahnarzt seine Helferin entlassen durfte, weil er „ihr nicht widerstehen“ konnte.

7. „Ihr Feministinnen seid so arrogant! Ihr könnt nicht sachlich diskutieren! Ihr nervt!“
Ok, es tut mir leid, wenn ich dich nerve (warum liest du hier gerade oder diskutierst mit?). Und ich weiß auch, dass ich die Debatte die letzten Tage sehr emotional geführt habe. Stell dir mal vor, du wirst fast 28 Jahre lang ständig mit diesen Belästigungen konfrontiert. Jetzt hast du es einigermaßen aus dem Alltag verdrängt, da kommt es alles wieder hoch. An einem Tag. Und, schlimmer noch: du stellst fest, dass du nicht alleine bist. Dass das System hat. Dass auch sich wehren oft nichts bringt und einige Frauen sogar geschlagen wurden. Du fühlst dich hilflos, frustriert, verzweifelt, und beschämt, weil all das wieder gekommen ist. Du bist wütend. Warum passiert das so vielen Frauen? Und dann kommen zehn, zwanzig, dreißig Leute, die all dieselben, ablenkenden Sachen diskutieren wollen, die nichts mit dem Thema zu tun haben: der Stern ist irrelevant, der Zeitraum: irrelevant, all die vorherigen Punkte: irrelevant. Und ja, vielleicht erklärst du es anfangs. Aber dann kommen die ersten Beschimpfungen, die ersten Unterstellungen. Und du hast irgendwann keine Lust, dich jetzt auch noch für deine Erlebnisse rechtfertigen zu müssen.
Natürlich ist es angenehmer, das jetzt auf eine große „feministische Weltverschwörung“ einer kleinen Gruppe von Aktivist_innen zu schieben. Das ist es aber nicht. Die Tweets sind real. 60.000 Tweets sind real. Sexismus ist real. Dir mag vielleicht die Gruppe nicht gefallen, die laut kämpft, hey, das ist okay. Aber sollte es dich wirklich daran hindern, mal in Ruhe zu reflektieren?
Abgesehen davon: „die Feminst_innen“ gibt es nicht. Es ist eine heterogene Gruppe, und sicher wirst du auch Leute finden, mit denen du in Ruhe mal darüber sprechen kannst. Oder Blogs, die auch Anfänger_innen an das Thema heranführen.

8. „Ich hab immer noch keine Lust, mich mit dem Thema auseinander zu setzen. Es ist unwichtig.“
foreveralone

Ich hab keine Worte mehr, die meinen Frust, meine Abscheu und meine Verzweiflung akkurat wieder geben könnten.

Ein Mann in einer Bar, sichtlich betrunken. Neben ihm sitzt eine Frau. Er starrt ihr auf den Busen und spricht die Größe ihrer Brüste an. Greift ihre Hand, überschreitet die körperliche Distanz und presst seine Lippen auf ihre Haut. Fordert sie eindeutig auf, mit ihm zu tanzen. Sie weicht immer weiter zurück. Er kommt auf sie zu, das Gesicht nah an ihrem, zu nah. Er greift nach ihr.

Eine Geschichte, wie sie tagtäglich in Deutschland zehntausendfach passiert. Grenzen werden überschritten, Frauen bedrängt. Körperliche Nähe wird gesucht, wo keine erwünscht ist. Manchmal wird die unsichtbare Barriere überschritten, und Frauen werden gegen ihren Willen angefasst – ein Griff um die Hüfte, die Hand leicht tiefer am Rücken als es professionell wäre, ein lockerer Po-Klatscher, und in den schlimmsten Fällen rücksichtsloses Anfassen bis hin zu erzwungenem Geschlechtsverkehr. Aber auch mit Worten lassen sich Grenzen überwinden: ungefragte Kommentare über Geschlechtsmerkmale wie Busen und Po, wiederholte Aufforderungen, bis hin zu eindeutigen Kommentaren, die an sexuelle Belästigung grenzen.

Als Annett Meiritz vor mehreren Tagen über den erlebten Sexismus in der Piratenpartei berichtete, waren viele schnell damit, die Geschehnisse zu verurteilen. Unerhört, unglaublich, aber auch leider nicht schockierend, schließlich sei mit der Piratenpartei ja Sexismus ohnehin verknüpft. Nun werden Vorwürfe gegen FDP Spitzenmann Brüderle laut. Die Reaktionen hier?

1. Das Opfer beschuldigen (Victim-blaming)

Ich wundere mich, dass die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten. (Wolfgang Kubicki)

2. Ablenkung (Derailing)

Ich war bei den angeblichen Vorgängen nicht dabei. Es kommt mir aber so vor, als versuche der ‚Stern‘ eine große Schippe Dreck auf den liberalen Spitzenkandidaten zu werfen, und hofft dabei, dass schon irgendwas hängen bleibt. (Philipp Rösler)

3. Der Täter als Opfer

Wenn diese Art von Journalismus darauf abzielt, einen Menschen und seine Familie mit einem rücksichtslosen Schlag unter die Gürtellinie zu beschädigen, hat er eine Wegmarke überschritten. (Elke Hoff)

Das ist Deutschland in 2013: eine Geschichte, die fast jede Frau persönlich schon erleben musste, in unterschiedlicher Ausprägung, wird klein geredet, als Kampagne verteufelt, unglaubwürdig gebrandmarkt und als Angriff statt Tatsachenbericht verkauft. Sexismus als Alltag. Mehr noch: muckt gefälligst als Frauen nicht auf, haltet die Schnauze, und habt euch nicht so. Das sind doch Komplimente!

Aber der Fall Brüderle im krassen Kontrast zur Piratenpartei zeigt noch etwas auf: es geht um Machtstrukturen. Hätte die oben geschilderte Situation Frau Meiritz mit einem männlichen Mitglied des Piratenvorstands geschildert, hätte es doch keine Frage gegeben – eindeutiger Sexismus in dieser wirren, verufenen Partei. Es hätte Rücktrittsforderungen gegeben und er hätte sich entschuldigen müssen. Und bei Brüderle? Als Spitzenkandidat wäre er bei einer Neu-Auflage der schwarz-gelben Regierung stellvertretender Kanzler. Es kann nicht sein, was nicht sein darf – etwas bedroht seine Position, sein Ansehen. Zum Glück für die FDP ist es bloß eine Frau, eine Journalistin noch dazu (wobei es hier auch interessant ist, dass den Artikel eine Frau und ein Mann gemeinsam schrieben, aber nur die Frau angegriffen wird) – und damit wird es ganz leicht sich dem Thema zu verweigern.

Natürlich kann man bei so einem Thema als Beschuldigter kaum gewinnen – aber souverän wäre doch gewesen, hätte Brüderle gesagt: Ja, ich hab zu viel getrunken, ich bin aufdringlich geworden, das tut mir sehr leid, ich wollte die Frau nicht bedrängen, das wird nie wieder vorkommen und ich schäme mich dafür.

Warum das nicht passiert ist? Weil Sexismus in Deutschland immer noch salonfähig ist, weil offensichtlich in der Meinung einiger FDP Spitzenkräfte die Tatsache, dass eine junge Frau von ihren Erfahrungen berichtet schlimmer ist, als die Erfahrungen selbst. Weil Geschlechterungleichheiten stark mit Macht verknüpft sind – denn sind wir mal realistisch: die Geschichte wird umso schlimmer, weil die Frau in einem beruflichen Abhängigkeitsverhältnis zu Brüderle stand. Weil die Mächtigen einen Teufel tun werden, um solche Machtstrukturen aufzubrechen. Weil die deutsche Gesellschaft die längst überfällige Sexismus Debatte, die in den USA beispielsweise Anfang der 90er Jahre durch den Fall Anita Hill statt fand, immer weiter vor sich her schiebt.

Wir brauchen eine Debatte über Sexismus. Wir müssen das Tabu endlich loswerden.

Nach dem Artikel von Frau Meiritz schrieb ich auf Twitter: jede Frau wird spontan fünf solcher Erfahrungen mitteilen können. Denn das ist unser Alltag. Die Szene oben? Unzählige Male erlebt. Gestern las ich dann in meiner Timeline, dass einer Frau eine Beförderung gegen Sex angeboten wurde. Das ist in Deutschland wohl nicht mal strafbar. Wo lebe ich denn? Es kotzt mich so an. Es ist zum verrückt werden. Beschämend, dieses Land, schockierend, seine Politiker_innen.

Ach, und zu dieser kläglichen Partei von Sexismus-relativierenden Vollidioten: sie sollten sich vielleicht mal ein paar Minuten in Ruhe mit ihren Töchtern, Enkelinnen, Nichten, Freundinnen, … zusammen setzen und sie zu ihren Erfahrungen befragen. Und danach sollten sie sich ganz lange ganz intensiv schämen.

 

Hand Painted Wixvorlagen „Artwork“

Vor ein paar Tagen schrieb ich noch zu Sexismus in Videospielen. Und schon etwas über eine Woche später liefert Deep Silver ein Paradebeispiel.

deadisland

Bild via IGN

Als Collector’s Edition gibt es mitgeliefert eine Büste (nichts unübliches) – mit einem Babypopo im Dekolletee, Mini-Bikini, blutverschmiert. IGN beschwert sich öffentlich (gut!) und fragt seine User, was sie von der Idee halten. Die Kommentare sind natürlich wieder unter aller Sau und zeigen gleichzeitig leider sehr gut, worum es eigentlich geht:

Facebook

Eine Büste als Wix-Vorlage? Und dann noch von einem verstümmelten Körper, so dass man nun weder Kopf noch sonst was braucht, einfach nur die Brüste, die reichen ja? Hey Deep Silver, ich hab noch ein paar Ideen: wie wär’s einfach mit nem Frauen-Unterkörper, gleich mit Löchern drin. Oder Zombie-Gummipuppen. Die man danach köpfen kann. Oder vorher. Oder hey, ein Dead Island DLC, das im örtlichen Puff spielt. Na? NA?

Dead Island gehört mit zu meinen favorisierten Spielen, und ich hatte mich sehr auf den Nachfolger gefreut. Auch wenn jetzt gleich eine Entschuldigung kam – ich werd’s nicht kaufen. Ich seh es einfach nicht ein, und Entwicklern solcher Ideen, wo auch immer sie sitzen, werde ich sicher nicht ihren Job finanzieren.

Superheldinnen, Ärsche, Brüste, und was Hawkeye damit zu tun hat.

Der Montag ist noch etwas zäh, und um ihn gut gelaunt zu beginnen, hier eine Initiative auf die mich Mone vor ein paar Tagen hinwies: The Hawkeye Initiative.

hawkeyeinitiative

Tumblr: Lecumberbum

Frei nach dem Motto „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ haben sich die Macher_innen und Mitmacher_innen zum Ziel gesetzt, die abstrakten, unförmigen, übertriebenen, geschlechtsteilbetonenden Posen von Frauen in Comics vorzuführen – in dem sie die weiblichen Charaktere durch einen männlichen Superhelden ersetzen: Hawkeye.

Selbst die Wired berichtete in den USA schon über die Aktion – und ich kann mich einfach nicht an den Bildern satt sehen. Wie schrieb mir Mone zur Erklärung so schön? „Wirre Stellungen der Heldinnen sodass ja Po UND Brüste zu sehen sind.“ – wird einfach noch schöner, wenn der Held einen scharf kontinuiert gezeichneten Po bekommt und keine Brüste hat. Wunderschön <3

hawkeye2

Tumblr: Middletone

Die Initiative soll übrigens nach Worten der Macher_innen die eingefahrenen sexistischen Stereotypen aufzeigen: Männer in starken, beschützenden, kämpfenden Posen, Frauen in verdrehten Körpern, vollkommen kampfuntauglich. Ich finde, das gelingt hier ganz gut.

So, dann trinkt mal in Ruhe euren Kaffee weiter, und einen guten Start in die Woche!

Sexismus? Was für Sexismus?

Triggerwarnung: in dem Artikel kommen Sätze und Anekdoten zu sexueller Belästigung und Vergewaltigung vor, die triggern können.

Vor Weihnachten gab es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eine Diskussion über Sexismus in Videospielen, ausgelöst von verschiedenen Artikeln zu dem Thema. Es ging so weit, dass eigentlich nette, sympathische Männer sich in Facebook entrüsteten, ob „wir“ keine größeren Probleme in der Welt hätten. Zudem wurde angezweifelt, dass Sexismus in Spielen gesellschaftliche Relevanz hätte, und folglich ja „nicht so schlimm“ wäre. Das alles überschnitt sich grob mit der schlimmen Vergewaltigung der indischen Studentin von sechs Männern, die zu Massenprotesten führte und an Folge dessen die junge Frau leider starb. Ich war einige Tage fassungslos, wachte morgens mit Wut im Bauch auf, war gefrustet, enttäuscht, erschrocken. Ein paar Tausend Kilometer weiter wird eine Frau so schlimm vergewaltigt, dass sie daran stirbt, weil sie als Objekt gesehen wird, an dem man sich nach Belieben bedienen kann, und in meinem direkten Umfeld gibt es null Sensibilisierung für sexistische Scheiße, und, weiterführend, es gibt null, absolut null Bewusstsein über die gesellschaftlichen Strukturen, die dem ganzen zu Grunde liegen? Der Blogpost hier ist ein bisschen meine Aufarbeitung dieser Dinge – die systematische „es gibt keinen Sexismus und wenn ist er nicht so schlimm und sowieso gibt es dringendere Themen in der Welt“ Taktik von Menschen, die ich eigentlich für recht intelligent und empathisch hielt. Ich werde mit einem aktuellen Beispiel anfangen, und dann auf die gesellschaftliche Relevanz kommen.

Vorab: ich beschäftige mich viel, eben auch beruflich, mit Ungleichheitsforschung, habe aber auf dem Gebiet der Gender Studies nur rudimentäres Wissen. Ergänzungen, Erklärungen, Dinge, die ich hier außer Acht ließ, dürfen gerne ergänzt, korrigiert und angeregt werden. Merci :3

Über die Feiertage stieß ich durch meinen Freund auf Smite, ein MOBA (Multiplayer Online Battle Arena), in welchem mit Göttern und Göttinnen aus verschiedenen Mythologien und Kulturen gekämpft werden kann.  Es befindet sich noch in der Beta-Phase, aber das kurze Antesten am Account meines Freunds fixte mich an. Es macht einfach Bock, ist gut gemacht, und abwechslungsreich. Auf den ersten Blick freute ich mich sehr, dass es nicht nur die typischen Götter der „klassischen“, sprich bekannteren Kulturkreise gab, sondern auch der westlichen Welt teils eher unbekanntere Kulturen eingebunden waren, und, ja, dass es eben auch Göttinnen gab, und nicht nur männliche Gottheiten. Für viele wäre hier das Thema Sexismus schon erledigt: das Spiel kann gar nicht sexistisch sein, was willst du überhaupt, du kannst doch auch Frauen wählen!

Mit Freude wählte ich Kali, spielte sie gerne und war recht angetan. Die halbnackte Darstellung kümmerte mich erstmal wenig – auch in überlieferten Bildern ist Kali oft mit bloßen Brüsten dargestellt. Als ich nach den ersten Runs andere Göttinnen spielen wollte, wurde ich dann doch etwas stutzig. Die Darstellungen der Göttinnen entspricht immer demselben Schema: schmale Hüfte, großer Busen, halbnackte Bekleidung. Während die Götter recht abwechslungsreich dargestellt sind (teils groß, teils klein, teils moppelig bis richtig dick, teils athletisch oder kräftig, teils alt, teils jung) sind ihre weiblichen Kolleginnen anscheinend nach demselben Raster entworfen wurden. Körperliche Vielfalt? Fehlanzeige.

Zu Demonstrationszwecken hier ein paar Gottheiten, mit originärer Darstellung, sowie der Smite Interpretation:

Männliche Gottheiten
anubisbotharesbothodinbothcupidbothhadesloki

Für Hades gibt es sehr wenige überlieferte Darstellungen, die Interpretation ist daher frei. Auffällig sind die unterschiedlichen körperlichen Merkmale: Odin ist groß und breit, während Ares eher dem athletisch muskulösen Ideal entspricht. Loki ist schlank und drahtig dargestellt, Amor (Cupid) wiederum als pummeliger Junge. Es scheint also verschiedene Raster zu geben, je nach Körperform, und nicht nur den übertrieben athletischen Kämpfer. Es gibt sogar einen Gott, Baccus, der als richtig dick und ständig betrunken porträtiert wird.

Weibliche Gottheiten
artemisbothbastetbothfreyabothkalibotharachnehel

Während Artemis noch eine glorreiche Ausnahme darstellt (sie trägt Kleidung und das Gewicht ihrer Brüste würde sie nicht vornüber fallen lassen) sind alle anderen Göttinnen stupide gleich. Große Brüste, halbnackt. Nun, die Programmierer hatten offensichtlich keine Probleme, den Göttern Kleidung zu entwerfen, wo ist das Problem bei den Göttinnen? Arachne, mythologisch kaum porträtriert, hat immerhin Spinnenbeine, aber das ist auch schon die größte Variation. Ich habe viel gesucht, aber dass Göttinnen alle bauchfrei, mit kleinen Fetzen, die ihre Brustwarzen bedeckten, herrschten, wäre mir neu.

Die Entwickler von Smite bedienen offensichtlich – in einem sonst sehr detaillreichen und gut gemachtem Spiel – einen Körperkult der typisch ist. Große Brüste, Wespentaille, keine nennenswerte Bekleidung. Was das bedeutet: Frauen werden objektifiziert. Es wird ein männliches Idealbild bedient, welches mit der Realität kaum etwas zu tun hat. Die Darstellungen ähneln der Bebilderung aus Männerzeitschriften, was noch aus einem anderen Grund bedenklich ist: eigentlich ist es ein No-Brainer, dass die objektifizierte Darstellung von Frauen in Männerzeitschriften problematisch ist. 2011 schockte dann die Universität Surrey mit einer Studie die zeigte, dass Männer Sätze von Vergewaltigern, die ihre Tat rechtfertigten, munter mit Sätzen aus Männerheftchen (z.B. FHM) verwechselten. Schlimmer noch: die Männer identifizierten sich eher mit den Sätzen der Vergewaltiger, als mit denen der Männerheftchen (!) und stuften letztere als erniedrigender ein.

Und genau da ist er, der Grund, warum Sexismus in Videospielen, in der gemütlichen Männerrunde, in Heftchen und in Werbung ein Problem ist: Sexismus erniedrigt Frauen strukturiert zu sexualisierten Objekten. Objekten, an denen es in Ordnung ist, sich zu bedienen. Objekte, die es selbst Schuld sind, wenn sie begrapscht werden, oder schlimmer noch, vergewaltigt werden. So wie die mutige 15 Jährige, die ihren Vergewaltiger in Essen anzeigte, sich aber „nicht genügend wehrte“ damit er verurteilt werden konnte. Oder wie die unzähligen Frauen, deren Ermittlungsverfahren eingestellt wurden, mit den absurdesten Begründungen – falles es überhaupt zur Anzeige kommt, denn Nicht-Anzuzeigen ist in Deutschland ebenso kultureller Bestandteil wie in anderen Ländern.

Als Frauen sollen wir uns nicht so anstellen, das ist doch nur Spaß, nur ein Spiel, nur eine Werbung, ja, sehr lustig, bis dir dann ein Arschloch im Club wie selbstverständlich an den Hintern fasst oder deine Freundin auf offener Straße an vier Männern vorbei muss, die ihr alle einmal an die Brüste fassen, als Wegzoll. Und dann kommen sie damit, dass sie eine, zwei, dreißig Frauen kennen, die sich aber nicht sexistisch belästigt fühlen durch Videospiele – und vermischen dabei gefährlich subjektives Empfinden mit strukturellen Problemen. Es geht eben nicht darum, ob jemand durch ein Videospiel in ihren Gefühlen verletzt wird – ich fühle mich durch Smite beispielsweise weder persönlich verletzt noch erniedrigt – aber das Problem, dass Frauen objektifiziert werden, das ist offensichtlich und ganz losgelöst von persönlichen Gefühlen.

Sexismus, egal wo, egal in welcher Form, öffnet Tür und Tor für eine gefährliche Geisteshaltung: Frauen als Objekte. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter, wenn ich lese, dass bei einer Werbung, wo gefragt wurde ob Männer lieber die obere Hälfte oder die untere Hälfte einer Frau hätten, Kommentare wie „die untere, da sind mehr Löcher“ kommen. Löcher, zum reinstecken, – ob die sechs Männer in Indien ähnliche Konversationen hatten, als sie die junge Frau vergewaltigten und mit einer Eisenstange so misshandelten, dass ihre inneren Organe zerstört wurden?

Weit hergeholt? Nun, leider gibt es Studien, die auch schon ganz objektiv gezeigt haben, dass Männer, die sexistischen Witzen ausgesetzt wurden, anfingen, Frauen zu diskriminieren und annahmen, dass dies in ihrer Gruppe gesellschaftlich akzeptiert würde – schließlich lachten alle über dieselben Witze. Kurzum: Sexismus führt zu Diskriminierung, also einer konsequenten Übersetzung von Einstellung in Tat. Sie sehen Frauen also nicht nur als Objekte, sie behandeln sie auch so. Ob bewusst oder unbewusst ist dabei erst einmal irrelevant – es passiert, und das ist traurig genug.

Das ist mein Problem mit Sexismus, egal wo. Das sollte auch euer Problem mit Sexismus sein.

Falls ihr euch immer noch unsicher seid: macht doch mal den Test, ob ihr die Aussagen von Vergewaltigern und Herrenmagazinen auseinander halten könnt. Oder lest in den unzähligen Links, die ich hier eingefügt habe, und informiert euch. Aber bitte, bitte, von Erwachsener zu Erwachsenen, bitte redet Sexismus nicht mehr klein. Stellt euch den Realitäten. Das ist unangenehm, weil es das Überdenken des eingenen Handelns voraussetzt, aber Steuererklärung und Klo putzen ist auch unangenehm. Und selbstverständlich.

Mina spielt Mass Effect

…und Mina ist ein kleines Fangirl. Genug, damit sie darüber bloggt.

Kurze Einleitung: ich hab meine PS3 seit ein paar Monaten, ich bin absoluter Spiele Noob, das letzte Mal als ich an einer Konsole gezockt hab pre-PS3 war an dem Sega Megadrive 2 meines Bruders anno 199x… Nun ja. Ich kann bei fast nichts mitreden, ich hab keine Ahnung, ich bin eher Durchschnitt, aber: es macht mir echt Spaß.

Das wird aber kein Spieleblog, oder „wie Mina zum Zocken kam“-Blog, nein, das wird ein Mass Effect Blog. Vielleicht auch eine ME Reihe. Denn: ich hab heute ME2 fertig gespielt. Angefangen hab ich Ende März, und trotz massig ungespielter Spiele zu Hause konnte ich nichts anderes mehr anrühren seit ich meinen Charakter kreierte – das verdammte Spiel macht süchtig. Wer es nicht kennt, klickt hier. Wer Spieletipps will, ist hier falsch. Wer einen Nerd abnerden lesen will, ist hier falsch. Wer lesen möchte, wie eine Frau an ein Spiel rangeht, was ihr auffällt, was ihr Spaß macht und was sie sich dabei denkt, der ist hier richtig. Enjoy.

Angefangen hat es eigentlich damit, dass ich das Spiel – anders als alle ME Spieler die ich kenne – nicht als männlicher Held und auf vorbildlich durchspielen wollte, nein, ich wollte eine Frau spielen, und ich wollte böse spielen. Gesagt, getan. Abtrünningen Handlung? Fuck yeah! Nette Antwort oder paar aufs Maul? Bang! Die kleinen Freudenschreie wenn meine Commanderin etwa die nervige Journalistin umboxt oder sich so richtig abfällig mit Miranda unterhält sind mir noch gut im Gedächtnis. Heute dann also das Ende von Mass Effect 2 (den ersten Teil konnte ich mangels PS3 Adaption nicht spielen): alles geschafft, Romanze mit Thane angeleiert und durchgezogen und fast die ganze Crew gerettet. Bis auf Mordin. Warum er mir auf den letzten Metern noch gestorben ist, weiß ich nicht. Bin jedenfalls sehr traurig – ich werde seine Gesangseinlagen und manchmal wirre Aussagen („Sie sind in mich verliebt, passiert mir öfter bei Arzt-Patienten Verhältnissen“) vermissen. <3 Also gleich den dritten Teil eingeschmissen. Charakter importieren? Ja… Aber… uhm… was zur Hölle?

Meine wunderschöne Commanderin sieht aus wie durch den Fleischwolf gedreht. Ich brauche mehrere Versuche um ihr Gesicht wieder so hinzubekommen wie ich es im zweiten Teil hatte. Warum auch immer, aber Augen, Lippen, Mund, Augenbrauen – alles war außer Proportion, und echt unansehnlich (liegt wohl daran, dass die Charaktere im dritten Teil mehr Emotionen darstellen können sollen oder whatever. Denn die Stirn in Falten legen konnte sie im zweiten Teil definitiv so nicht. Vermute mal, dass die Programmierer deswegen was am Raster geändert habe. Also. Ihr wisst was ich meine, ne). Dann der zweite Schock: meine geliebte Heldin hat auf einmal einen Lara Croft Körper. Große, vor allem abstehende Brüste, einen Hintern der Miranda vor Neid erblassen lässt und einen Hüftschwung, der eher an die Afterlife Tänzerinnen als an Spectre erinnert. Meh. Warum? Wa. Rum. Ich verstehe es nicht. Nicht, dass die weibliche Shepard im zweiten Teil schon manchmal arg männlich rüber kam (nevermind me, ich sitz hier nur mit breiten Beinen und den Händen im Schritt), nein, jetzt muss das quasi durch übersextes Aussehen kompensiert werden? Hmpf. I’m not convinced.

Mittlerweile habe ich aber zumindest ihr Gesicht wieder so hergestellt wie ich es kannte und mochte, und an die kleinen feinen Unterschiede gewöhne ich mich wohl auch noch. Als Biotikerin mochte ich spontan die vorherigen Schockwellenanimationen mehr, aber ich hab das Gefühl, dass die Singularität verbessert wurde und ich sie jetzt besser einsetzen kann. So weit so gut. Fucking Cerberus war natürlich as wahnsinnig as expected, und direkt Liara wiederzutreffen ist auch geschickt gemacht muss ich sagen. Ich freue mich schon im dritten Teil weiterhin alle vor den Kopf zu stoßen. Auf dass ich dieses Mal den Abtrünnigenbalken vollbekomme!