Sprache schafft Realität.

IMG_3369Kaum jemand dürfte das so gut wissen, wie Peer Steinbrück. Denn seine (!) Sprache ist ihm heilig. Seine Direktheit wohlbekannt, bisweilen gefürchtet, bisweilen bejubelt. Er, der sich sprachlich nicht verbiegt. In einer Zeit, in der selbst Kristina Schröder darüber nachdenkt, welcher Artikel für Gott der richtige ist und wie mit dem N*-König bei Pippi Langstrumpf sprachlich umzugehen ist. Er bedient mit seiner „ich werde mich nicht verbiegen“-Rhetorik perfekt die Ressentiments gegen „zu viel“ Political Correctness in der Sprache, die kürzlich auch Kristina Schröder entgegen schlugen.

Nun ist davon auszugehen, dass Steinbrück ein kluger Mann ist, der seine Luhmanns, Habermas etc. bestens kennt. Er liebt das Spiel mit der Sprache, er liebt das Spiel mit der Intellektualität, er liebt die Provokation. All das lässt sich detailliert in beinahe jedem Interview nachvollziehen. Sprache schafft Realität, daran dürfte Peer Steinbrück kaum zweifeln, denn wer Sprachkritik übt, verweist immer schon auf die Bedeutung von Sprache. Sprache ist in einem Wahlkampfjahr wichtiges Mittel: sie vermittelt Inhalte, sie schafft Emotionen, und ist nicht selten Wahlentscheidend.
Umso verwunderlicher sind die jüngsten Aussagen im FAS-Interview. Steinbrück, der (ähnlich wie vor einigen Jahren bereits Müntefering) in den vergangenen Wochen den harten Sturz vom beinahe schon geadelten Elder Statesman erleben musste, sieht sich seit Wochen damit konfrontiert, dass sein Verhältnis zu Geld und sein Verhältnis zu Frauen im Detail diskutiert werden und er dabei nicht besonders gut wegkommt. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen: Aussitzen, Reflektion und Diskussion, oder Gegenangriff. Peer Steinbrück hat die Variante: direkter Angriff und offene Konfrontation gewählt. Sein Credo: ich werde mich nicht verbiegen. Was in dieser Ansage nicht auftaucht, ist ein Moment der Reflektion. Nicht jeder Richtungswechsel, nicht jede Meinungsänderung, nicht jede sprachliche Neuausrichtung ist ein Verbiegen. Im Gegenteil: oft ist es das Ergebnis eines langen Reflektionsprozesses, wenn eine Person ihre Meinung zu etwas ändert. Dass Steinbrück auch die Rhetorik des Lernenden bestens beherrscht, zeigt sein wiederholt geäußerter Satz, er hätte in Fragen der Frauenquote dazu gelernt (!). Doch während er dies nicht nur im Roten Frauensalon ansprach und in seiner Nominierungsrede wieder aufgriff, taucht im FAS-Interview plötzlich ein Satz auf, der jeglichem „ich werde mich nicht verbiegen“-Narrativ entgegen läuft:

Hätte ich eine Rede halten sollen, mit der ich die eigene Partei quäle und demobilisiere? Das wäre doch absurd gewesen. Ich musste und wollte die SPD mobilisieren. Aber deswegen hänge ich doch nicht wie eine Marionette an Fäden, die von obskuren linken Kräften gezogen werden, wie einige Kommentatoren es in einer Abschreckungsstrategie zu beschreiben suchen.

Im Laufe des Interviews öffnet er also an verschiedenen Stellen wortgewaltig genau die beiden Einfallstore erneut, die sich gerade zu schließen schienen: Sein Verhältnis zu den Grundwerten der Sozialdemokratie, sein Verhältnis zu Geld (das Gehalt der Kanzlerin/des Kanzlers) und sein Verhältnis zu Frauen (Merkel hat einen Frauenbonus). Nun unkt es aus der SPD, er würde absichtlich missverstanden werden. Doch so einfach ist es nicht. Neben den inhaltlichen Aussagen, denen man zustimmen oder widersprechen kann, zeigt hier ein Kanzlerkandidat mitsamt seines Teams eine arrogante Naivität im Umgang mit der Presse, die sicher so ihresgleichen sucht.

Den Inhalt mal bei Seite gelassen ist es mindestens ebenso interessant, die Umgebung zu analysieren, in der sich Peer Steinbrück zu einem Interview mit der FAS traf: Peer Steinbrück ist durch eine wochenlange Debatte über seine Vortragshonorare und sein Verhältnis zu Frauen negativ vorgeprägt. Fakt. Die deutschen Medien sind, womöglich aufgeschreckt durch die jüngsten Verluste in ihren Reihen (FTD und FR) noch mehr als sonst darauf bedacht, sensationelle Nachrichten zu verbreiten, die Leser_innen anlocken. Fakt. Die Zeit um Weihnachten ist tagespolitisch eher mau gesäht. Fakt. Konklusion: jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt werden. Jedes Wort, jeder Satz. Und zwar nicht nur unter den üblichen kritischen Kriterien, sondern eben unter der negativen Vorprägung „Peer Steinbrück legt viel Wert auf Geld und wenig Wert auf Frauen“. Denn es geht bei Politiker_innen nicht immer darum, ob das, was sie tun, legitim ist. Poltiker_innen werden immer auch darauf abgeklopft, ob ihre politischen Ziele und ihr eigenes Verhalten im Einklang stehen. Das ist unbequem und nicht immer fair. Aber es ist Realität. Wer Kanzler_in werden will, muss damit leben und umzugehen lernen.

Peer Steinbrück ist nun bekanntermaßen ein Mensch, der viel Wert auf seine eigene Meinung und seinen eigenen Kopf legt. Es fällt ihm offensichtlich schwer, weg von seiner technokratischen Sprache (vgl. die Rede auf dem Bundesparteitag 2011 in Berlin), auf einem diplomatischen Wege dahin zu kommen, in seinen Reden alle Bürger_innen anzusprechen. Stattdessen wählt er unbewusst oder bewusst kantige Sätze, die – mit positiver Vorprägung, sozusagen Goodwill der Gesellschaft – wunderbar seine Positionen illustrieren könnten, im aktuellen Fall jedoch Brücken abbrennen, die er so dringend braucht, um bisher vernachlässigte Wählerschichten zu erreichen. Wer geschickt ist, holt sich dafür Personen ins Team, die sensibel für Themen sind, die widersprechen und die das „Eierschleifen“ übernehmen, bevor es die Medien tun und damit unbequeme Situationen vorweg nehmen. Spaß macht das nicht, klug wäre es aber.

Verwunderlich ist dieses Interview unter den beschriebenen Gesichtspunkten noch aus einem anderen Grund. Wer einmal in der Bundespolitik gearbeitet hat (sei es auf Seiten des Journalismus oder auf Seiten der Politik), die_der kennt die vielen feinen Nuancen, die vielen formalen Strukturen und informellen Absprachen, die es so gibt, rund um die Veröffentlichung des gesprochenen Wortes von Politiker_innen. Dazu gehört neben den unlängst von Mascolo kritisierten unter3-Gesprächen auch die (sehr deutsche) Sitte, dass Print-Interviews vor der Veröffentlichung den Pressesprecher_innen von Politiker_innen zur Freigabe vorgelegt werden. Und da gibt es bisweilen äußerst zähe Verhandlungen. Nicht selten haben Journalist_innen beklagt, dass von dem ursprünglich geführten Interview am Ende kaum noch etwas übrig war. Fakt ist: Das Interview ist durch die Hände mindestens eines Mitarbeiters von Steinbrück gegangen. Bei einem FAS-Interview ist davon auszugehen, dass es einer der Spin-Doctoren war. Dass bei dieser Person bei „Sparkassendirektor“ oder „Frauenbonus“ nicht alle Alarmglocken geschrillt haben, lässt verschiedene Interpretationen zu. Eine davon wäre die Deutung, dass genau das eingetreten ist, was Kritiker_innen schon zu Beginn von Steinbrücks Kandidatur angemerkt haben: die Homogenität von Steinbrücks engerem Wahlkampf-Team birgt (wie bei allen homogenen Teams) Gefahren. Aus der Teamforschung wissen wir seit geraumer Zeit, dass heterogen und divers besetzte Teams produktiver sind. Ein heterogen besetztes Team ist unbequem, denn häufig müssen einander die verschiedenen Perspektiven erklärt und Positionen verhandelt werden. Dinge sind weniger selbstverständlich, es braucht mehr Diskussion. Doch gerade jene Diversität hätte dazu beitragen können, dass all jene Fehler, die Steinbrücks Kandidatur so begleiten, weniger gravierend – ja vielleicht zu vermeiden gewesen wären.

Jedoch scheint diese arrogante Naivität, mit der seit Sommer die Kandidatur Peer Steinbrücks gehandelt wird – vom Leak der Troika über die Honorardebatte, „Frauenfragen“ bis hin zum letzten Interview – symptomatisch für die SPD zu sein. Diese gewisse Resistenz, sich mit externen Faktoren auseinander zu setzen, die nicht vorrangig auf der Agenda standen, zieht sich am Fall Steinbrück durch den gesamten Prozess hindurch. Der Spitzenkandidat, sein Team und möglicherweise auch die Partei(führung) verstehen nicht oder wollen nicht  verstehen, dass gewisse Themen für einen Großteil der Gesellschaft, dem sie nicht mehr angehören, inhaltlich und (!) emotional wichtig sind. Auch das Verständnis, wie und warum eben diese Honorardebatte überhaupt zustande kommen konnte, fehlt scheinbar gänzlich: Medienschelte als Reaktion auf Steinbrücks neueste Äußerungen statt interner Diskussion. Dabei – und jetzt kommt doch ein kleiner Schwenk zu den Inhalten – ist es eben für die urtypische Wählerschicht der SPD, die Arbeiter_innen und jetzt auch Angestellten, nicht mehr nachvollziehbar, wie jemand für einen Vortrag das bekommen kann, was sie in einem ganzen Jahr verdienen. Das ist keine Neiddebatte – was ist das für ein Gesellschaftsbild! – sondern einfach Unverständnis und das Gefühl von Ungerechtigkeit. Un-Gerechtigkeit! Wenn dazu noch der Bewerber auf eine Stelle schon im Vorfeld äußert, dass sie eigentlich zu schlecht bezahlt sei, wie kann ein Volk dann willens sein, ihm diese Stelle zu geben, während sie selbst das Jahr über arbeiten und teilweise nicht annähernd an seine Vortragshonorare kommen? Dies ist eben auch ein strukturelles Problem: das Unverständnis dafür, wie die Menschen, die nicht zu politischen oder wirtschaftlichen Eliten gehören, leben und was sie bewegt.

Doch wenn wir davon ausgehen, dass Sprache Realität schafft, dann stellen sich hier eine ganze Reihe von weiteren Fragen:

  1. Was kommt in den nächsten Monaten noch auf die SPD zu? Kann die Partei(führung), das Wahlkampfteam, der Kanzlerkandidat, aus den Fehlern lernen?
  2. Denkt Steinbrück in der Debatte an die eigene Partei? 2013 werden viele SPDler_innen für ihre Partei Wahlkampf machen. Doch es ist bereits jetzt abzusehen, welche Themen sie an den Wahlkampf-Ständen bearbeiten werden müssen, anstatt dass sie die Inhalte der Partei zur Sprache bringen können.
  3. Warum ist ein kluger Mann wie Steinbrück nicht dazu bereit oder in der Lage, die eigene Wortwahl zu reflektieren und einen Weg irgendwo zwischen wortgewaltiger Kavallerie und „(vermeintlich) verbiegen“ zu finden? Niemand bezweifelt, dass klare Worte zur richtigen Zeit wichtig und notwendig sind. Doch dazu gehört eben auch das feine Gespür dafür, wann (!) die richtige Zeit ist.

Auf Englisch gibt es einen schönen Satz: „walk the talk“.
Politiker_innen machen Politik nicht nur durch ihre Taten, sie schaffen sprachlich auch Realitäten. Es wird Zeit, dass dies auch in der SPD begriffen wird.

Dieser Text ist in Kooperation mit der Soziologin Kathy Meßmer (@totalreflexion) als Follow-Up eines Papers zu Diversität in Parteien entstanden.

 

Andere Sichtweisen aufs Thema:
Christian Soeder – Steinbrück und das Geld
Erik Flügge – Wahrheit und Wirklichkeit
David Vaulont – Rumpsteak ist Steinbrück
Mathias Richel – Peer Steinbrück, die Sprache und 99 Fragen