Mehr als ein Accessoire

Eigentlich hätte es mich nicht überraschen dürfen, aber als Ende September die ersten offiziellen Castingnews zur zweiten Staffel True Detective veröffentlicht wurden, überkam mich ein ziemlich hartnäckiges Gefühl der Enttäuschung.

Während ich Staffel 1 zur Zeit der Ausstrahlung noch in den Himmel gelobt habe, wurde mir in der Zeit danach bewusst, wie sehr ich mich von dem Hype hatte anstecken und blenden lassen. Sehr schnell und sehr übertrieben wurde True Detective als das revolutionärste angepriesen, was Fernsehen seit langem zu bieten hatte. Klar, geschrieben ist es unheimlich gut und auch was die schauspielerische Leistung des kompletten Casts angeht, befand sich die Serie auf einem ganz hohen Niveau. Der Vorspann ist toll und diese eine Szene in Episode 4, über die jeder sprach, wird mir noch lange als einer der spannendsten Serienmomente der letzten Jahre in Erinnerung bleiben.

Was die Serie aber nie so richtig gut konnte, ist, ihren weiblichen Charakteren gerecht zu werden. Hoffnung hatte ich bis zum Schluss, aber letztlich dienten sie nur als Instrumente, um die Leidensgeschichten der Protagonisten voranzutreiben und durften sich doch nie aus ihren Opferrollen lösen. Ich hab der Staffel viel verziehen, weil ich das Vertrauen hatte, dass die nächste alles besser machen würde. Nach der Parodie mit Ellen Page und Kate Mara ging ich sogar so weit mir zu wünschen, das neue Team könnte ganz ohne Dudes auskommen.
Ehrlich, diese Serie könnte so viel. So viel mehr und so viel besser. Sie könnte sich als eine der erfolgreichsten aktuellen Serien alles trauen, aber stattdessen wird der sichere Weg eingeschlagen und das alte Rezept einfach neu aufgekocht: Staffel 2 wird also mit Colin Farrell und Vince Vaughn wieder von zwei weißen Männern in den Hauptrollen angeführt, hurra! Damit fügt sie sich ganz wunderbar in die Reihe dieser Herren ein:

(Auch, wenn True Detective erst im Sommer 2015 starten wird – aber machen wir uns nichts vor, bis dahin wird sich an diesem Bild nichts großartig verändert haben.)

Auf die Ankündigung der dritten, mehr oder weniger versprochenen weiblichen Hauptdarstellerin darf man noch hoffen, trotzdem haben diese ersten News meine Vorfreude gedämpft.

Denn es langweilt mich. Es macht mich müde und sauer, und mit jeder neuen Serie, in deren Mittelpunkt ein von manpain geplagter, weißer Dude mittleren Alters steht, werde ich durstiger nach Serien mit mehr Diversität in jeder Hinsicht, und vor allem Frauen im Vordergrund. Weil ich keine Gelegenheit auslassen möchte jene Serien zu feiern, die diesen Durst stillen können, gibt’s hier eine Liste meiner liebsten der letzten 2 Jahre.


How to Get Away with Murder (2014)

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(© ABC)
Neue Serien so kurz nach dem Start zu empfehlen ist ja immer so eine Sache – zu häufig kippt die Qualität im Laufe der Staffel oder sie werden gar vorzeitig abgesetzt. Aber hier hat mich schon die Pilotfolge so sehr überzeugt, dass diese Liste ohne sie unvollständig wäre. Viola Davis spielt eine Professorin und Strafverteidigerin, die fünf ihrer Studenten auserwählt, mit ihr zu arbeiten und zusammen verwickeln sie sich in einen abstrusen Mordfall. Allein schon diese kleine Gruppe besteht aus einer solchen Vielfalt an Figuren, wie es viele andere Serien noch nicht mal im gesamten Ensemble zustande bringen.


Brooklyn
Nine-Nine (2013)

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(© FOX)
“My super weird family with two black dads, and two
Latina daughters, and two white sons, and… Gina.” Das Zitat von Jake (Andy Samberg) aus 1×10 („Thanksgiving“) fasst es schön zusammen. B99 zeichnet sich vor allem durch einen diversen Cast aus, und selbst ich als eher nicht so großer Fan von Comedyserien war ab Folge eins am Haken – so richtig warm geworden mit dem Genre bin ich tatsächlich erst durch Brooklyn 99.
(Nur 1×04 sollte man vielleicht übergehen. Die Folge ist ein Totalausfall durchzogen von fat shaming und plumpen Witzen, was ich mir bis heute nicht erklären kann, weil es nicht zum Rest der Staffel passt.)


Dominion (2014)

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(© Syfy)
Der Erzengel Gabriel gibt der Menschheit die Schuld an Gottes Verschwinden und führt eine Armee an, gegen sie in den Krieg zu ziehen. Die Haupthandlung beginnt 25 Jahre später und spielt in einer der wenigen übrig gebliebenen Städte, aus denen die Menschen, mittlerweile gemeinsam mit dem Erzengel Michael, einem neuen Krieg entgegenblicken. Kommt halt auch nicht ohne den Typen aus, auf dessen Schultern als ~The Chosen One~ das Schicksal der dezimierten Menschheit liegt, aber um dieses Klischee herum ist zum Glück genug Platz für interessantere Handlungsstränge und Charaktere, die nicht zu kurz kommen. Tumblr bewirbt die Serie gerne als frauen- und LGBT*-freundlichere Version von Supernatural – was zugegeben nicht sehr schwer ist, aber in dem Vergleich besonders heraussticht.


My Mad Fat Diary (2013)

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(© Channel 4)
Ein 16-jähriges, übergewichtiges Mädchen wird aus einer psychiatrischen Klinik entlassen und knüpft zuhause wieder Kontakt mit neuen und alten Freunden, wobei sie den Grund für ihre Abwesenheit und ihre psychischen Leiden geheim zu halten versucht. Das alles auf einer ehrlichen und glaubwürdigen Weise, die oft unangenehm real, aber auch rührend und (auf sehr britische Art) witzig ist.


Orphan Black (2013)

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(© Space/BBC America)
In meinen Augen handelt die Serie im Grunde von weiblicher Selbstbestimmung. Tatiana Maslany spielt über 12 Figuren, genauer gesagt Klone – davon 4 in Hauptrollen (man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen). Maslany ist sozusagen das Bechdel-Test Maskottchen. Eine von Frauen dominierte Scifiserie, die ich mit nichts anderem vergleichen kann.


The Mindy Project (2012)

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(© FOX)
Mindy Kaling produziert und spielt die Hauptrolle in der Comedyserie über die Gynäkologin Mindy Lahiri, die sich ihr Leben gerne als RomCom vorstellt. Ist nicht so albern wie es klingt, sondern unheimlich witzig, voll von erfrischend unplumpem Humor und Filmanspielungen. Außerdem steht Mindy auf Chris Evans. I feel u girl.


The Fost
ers (2013)

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(© ABC Family)
Eine Familie bestehend aus einem lesbischen interracial Paar, das zusammen einen bunten Mix aus biologischen, adoptierten und Pflegekindern großzieht. Für eine Familienserie eher unüblich behandelt sie Themen wie Rassismus, Homophobie und illegale Einwanderung. Manchmal würde ihr etwas weniger Drama gut tun, aber es bleibt trotzdem momentan meine liebste Feelgood-Serie.


Girls (2012)

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(© HBO)
Kritisiert wird die Serie vor allem wegen mangelnder Repräsentation nichtweißer Menschen und der Darstellung der extrem privilegierten Lebensrealität ihrer Protagonistinnen. Trotz dessen – und auch trotz der Momente, in denen eine Triggerwarnung angebracht wäre – gehört Girls zu den Serien, auf die ich mich jedes Jahr am meisten freue. Ob sie einem gefällt oder nicht hängt vielleicht davon ab, wie gut man sich mit den Charakteren identifizeren kann. Vier Freundinnen Anfang-Mitte 20, diese komische Schwelle zwischen noch nicht ganz erwachsen sein und Torschlusspanik, ein bisschen auch die Suche nach sich selbst, den Träumen und Zielen, und wie sich Freundschaften in dieser Lebensphase verändern und (auseinander)entwickeln. Für mich manchmal schon schmerzhaft nah an der Realität, weil es sich in dieser Hinsicht mit meinen eigenen Erfahrungen deckt, und dafür schätze ich Girls.


The Tribe (1999)

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(© Cloud 9)
Und jetzt nicht vom Trashfaktor abschrecken lassen! The Tribe sticht als von 1999-2003 ausgestrahlte, neuseeländische Jugendserie ziemlich heraus, hat sich aber vielleicht gerade deshalb ihren Platz hier verdient, denn für die Zeit und ihre Zielgruppe hat sie eigentlich unerwartet viel richtig gemacht. Als ich sie mit 12 zum ersten mal sah war mir das nicht bewusst. Erst im vergangenen Jahr, fast 13 Jahre später, als ich sie wiederentdeckte, haben mich die Vielfalt an Charakteren und die Themen, die die Serie behandelt, richtig überrascht. In einer Welt ohne Erwachsene sind die Kinder auf sich allein gestellt und werden mit Themen wie Schwangerschaft, Prostitution oder Sklavenhandel konfrontiert. Es sind Figuren unterschiedlichster kultureller Herkunft, vor allem aber Mädchen und Frauen, die wirklich tolle Rollenvorbilder sein können und für mich in dem Alter absolut waren.


American Horror Story: Coven (2013)

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(© FX)
Die dritte Staffel von American Horror Story zählt offenbar für die wenigsten Fans als Favorit der Serie, für mich war sie es aber von Anfang an. Insgesamt mag sie nicht die stärkste gewesen sein, aber mit ihren zum Großteil weiblichen Charakteren und dem Fokus auf deren Beziehungen unter- und zueinander habe ich sie besonders in mein Herz geschlossen. Außerdem hat sie einen fantastischen Soundtrack. (Fleetwood Mac!)


The Leftovers (2014)

theleftovers
(© HBO)
Lieber Justin Theroux,
zwar wünschte ich mir, an deiner Stelle hätte Carrie Coon die Hauptrolle in dieser Serie gehabt, aber ich verzeihe dir, weil du so schön weinen kannst.
Und weil der Rest des Ensembles voller toller (!) Frauen ist. Die Geschichte setzt 3 Jahre nach dem Tag an, an dem sich 2% der Weltbevölkerung einfach so in Luft aufgelöst haben. Ich sah schon lange keine Serie mehr, in der sich die Handlung so langsam entfaltet – viele empfanden das wohl als langatmig, gerade das fand ich aber erfrischend und habe jede Minute genossen.


Masters of Sex (2013)

mos
(© Showtime)
Für mich ist es bei Masters of Sex so offensichtlich wie bei keiner anderen Serie, dass sie zum Großteil von Frauen geschrieben wurde. Da sie in den 1950-60er Jahren spielt wird sie oft mit Mad Men verglichen. Während Mad Men aber erforscht, wie das Patriarchat allen (insbesondere Frauen) schadet, geht Masters of Sex viel mehr darauf ein, dass (vor allem privilegierte, weiße, heterosexuelle) Männer die Macht haben, das Patriarchat zu zerlegen – und es nicht tun, weil sie ihre Privilegien nicht aufgeben wollen.

Titelbild: True Detective, HBO

  • Bei Once Upon A Time gibt es auch viele Frauen in Haupt- und Nebenrollen. Und ich weiß, Sons of Anarchy erfüllt die Kriterien aus verschiedenen Gründen nicht, aber die Charaktere von Tara und Gemma sind schon herausragend gut geschrieben. <3

    • Tine

      Über SoA hab ich auch nachgedacht. (weil ich das eh den ganzen Tag tue lbr) Aber ja, das gehört irgendwann mal auf ne andere Liste. :3

      • SoA verdient sowieso noch mal nen Review wenn die Staffel vorbei ist! <3

  • Tine

    Hab ich (noch) nicht gesehen, daher konnte ich darüber nicht viel sagen. Es fehlen auch einige, die ich gern drin gehabt hätte, aber die Liste war eh schon zu lang und ich musste ein Limit setzen. :D Ich denke dass ich das bestimmt mal wieder mache, dann ist Modern Family vielleicht auch dabei. :)

  • Jen

    Ich bin auch jedes Jahr aufs neue enttäuscht, wenn neue Serien sich nur um White Male Dudes drehen. Irgendwann wird’s einfach langweilig.
    Aber ich bin gespannt, wie sich How To Get Away With Murder weiterentwickelt, die erste Folge fand ich schon sehr vielversprechend.
    Orphan Black kann ich auch nur empfehlen und in Dominion werde ich vielleicht mal reinschauen.
    Welche Serien ich mir in der Liste auch gut vorstellen könnte, wären Orange Is The New Black und mit einigen Abstrichen Sleepy Hollow. Orange, weil so viele tolle weibliche und queere Charaktere darin vorkommen, und Sleepy Hollow, weil hier die Cast durchaus auch sehr divers ist – auch wenn der Hauptcharakter eine weißer Dude ist.

    • Sleepy Hollow <3 und klar, OITNB ist auch ein gutes Beispiel. Vielleicht sollte Tine mal eine Fortsetzung schreiben :)

      • Jen

        Ohja, unbedingt!

    • Tine

      Schöne Vorschläge! OItNB war sogar dabei, bis ich die Liste gekürzt habe — es fiel dann raus um für andere Platz zu machen, die vielleicht noch nicht jede kennt oder erwartet.
      An Sleepy Hollow hatte ich auch gedacht, konnte aber nicht so viel darüber erzählen, weil ich noch nicht viel davon gesehen hab. Höre aber in der Hinsicht auch nur gutes davon. :)

      • Jen

        Wenn du mal ein paar freie Tage, kann ich dir Sleepy nur ans Herz legen. Ist wirklich eine charmante Serie. :)

      • guck es dir an! Die Charaktere sind so liebenswert: Ichabod Crane ist ein 200 Jahre alter Dork mit trockenem Humor und Abbie Mills ist einfach nur großartig, und stark, und klug, und echt. Oh, und Orlando Jones ist der größte Troll – der trollt auf Tumblr im Sleepy Hollow Fandom und das macht die Serie auch auf Meta-Ebene interessant.