Komm, wir spielen Kapitalismus

 The social object of skilled investment should be to defeat the dark forces of time and ignorance which envelope our future.
– John Maynard Keynes, The General Theory of Employment, Interest and Money

Früh übt sich, so sagt man, und meint damit oft typisch erwachsenes Verhalten, das sich in Kindern zeigt. Seit in meinem Umfeld immer mehr Kinder aufwachsen beobachte ich mit Interesse, wie sich Persönlichkeiten, Verhalten und Muster schon früh in Kindern zeigen und manifestieren – wie sie sich ausprobieren und lernen. Ich bin mir nicht sicher, ob es das umfasst, was Eltern oder Großeltern als „Wunder“ bezeichnen, wenn sie Kinder beobachten, aber für mich kommt es dem schon ziemlich nahe. Kurz gesagt: es ist schön, faszinierend und angsteinflößend zu gleich.

Umso spannender sind für mich momentan auch die Mechanismen, die dazu führen, Kindern die Gesellschaft näher zu bringen, in der wir uns bewegen. Eins davon möchte ich ein bisschen näher betrachten: Spiele. Oh, was habe ich gerne gespielt als Kind. Und was gab es fast alle paar Monate das neue Spiel, das alle spielen wollten: Murmeln. Tamagotchi. Sticker-Alben. Barbie. Usw. Usf. Natürlich steht dahinter eine ganze Industrie, und wie diese Kinder auch gerade in Geschlechterollen beeinflusst und prägt hat auch Anita Sarkeesian schon einmal sehr gut und schlüssig heruntergebrochen. Aber in den Spielen selbst stecken so viele Mechanismen, die uns gesellschaftliche Spielregeln näher bringen. Selbst ohne Werbung und Industrie.

Vor einiger Zeit spielte ich ein bisschen Animal Crossing: New Leaf vor mich hin, und ich mag das Spiel gerade auch so gerne, weil eigentlich alle Charaktere dort liebenswert sind. Klar, es gibt grumpy Persönlichkeitstypen, aber tendenziell gibt es in der Welt nicht „das Böse“. Es ist eine kleine Stadt, die du aufbaust, voll mit süßen tierischen Bewohner_innen, die du kennen lernst und befreundest. Du baust Gebäude, die kosten Geld (Sternis) und du kannst Dinge sammeln und verkaufen, um dieses Sternis zu sammeln. Eine Möglichkeit ist dabei der Rübenhandel.

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Sigrid erscheint jeden Sonntag Morgen in deiner Stadt und verkauft Rüben. Die Preise sind dabei zufällig. Mit etwas Glück kann man bei ihr günstig Rüben kaufen, und sie dann innerhalb einer Woche mit Gewinn verkaufen.

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So weit, so gut. Kinder lernen hier nicht nur Investition – sondern Spekulation. Natürlich gibt und gab es schon immer auch andere Spiele, die Kapitalismus lernbar machten: man denke an Monopoly oder den guten alten Kaufmannsladen. Was bei Animal Crossing jedoch besonders ist: hier wird mit Nahrungsmitteln spekuliert.

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Ich finde es schon ganz speziell, dass Spekulation mit Rüben erklärt wird – mit Nahrungsmitteln, die man also gar nicht kauft weil man sie essen will, sondern um damit Gewinn zu machen. Auf der Stufe der möglichen kapitalistischen Auswüchse ist wohl Nahrungsmittelspekulation eine der schrecklichsten – und in einem Spiel, das sich auch an Kinder und Heranwachsende richtet, eine der erschreckendsten.

Das Problem, das ich dabei habe, ist nicht, dass es erklärt wird – Sigrids Erklärungen sind simpel und auf den Punkt – sondern eher, dass sie kontextlos erfolgen. Die Einordnung bleibt den Eltern – wenn überhaupt – überlassen, und die Erläuterung warum es moralisch fragwürdig ist mit Essen zu spekulieren bleibt offen. Leider. Natürlich kann es vollkommen sein, dass die Entwickler hier einen Seitenhieb auf aktuelle Geschehnisse abbilden wollten (leider Intention verfehlt ohne Kontext), oder sie einfach unbewusst beeinflusst wurden. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass gerade auch in Spielen, die sonst schön erklären wie Handel funktioniert, solche Themen nicht einfach abgeladen werden.

Nach jeder Weltwirtschaftskrise wollen wir nachhaltiger leben, gestalten, arbeiten. Wie schön wäre es, das nun auch spielerisch unseren Kindern schon beibringen zu können.

 

Titelbild: ©Nintendo

  • Noch spaßiger ist es, nicht so was wie Lebensmittelspekulation zu interpretieren. Zumal Spekulation in Relation der falsche Begriff ist.
    Solche Zusammenhänge erkennt das Kind erst einmal überhaupt nicht.
    Es sieht nur, das die Rüben mal teuerer und mal weniger teurer sind. Und schlussfolgert so das manchmal mehr Sternis im Verkauf raus zu hohlen sind. Normale Marktwirtschaft.
    Das hat nichts mit Spekulation zu tun. Zumal die Zusammenhänge, warum die Preise schwanken, nicht vorhanden sind.

  • Social Justice Rogue

    Allgemein empfinde ich Animal Crossing als sehr kapitalistisches Spiel. Eins kommt ja schon quasi total überschuldet in diese Welt und arbeitet dann drölfzig Jahre um seine Bude abzubezahlen.

    Wenn eins das dann geschafft hat bleibt einem nur noch noch übrig alles zu sammeln bzw. nehme ich dies als indirekten Win State wahr.
    (Es gibt tatsächlich sogar Speedruns zu Animal Crossing)

    Ich glaube ja persönlich nicht das Sigrid als Kritik am System gemeint war. Dafür wirkt das Spiel in seiner Gänze einfach zu sehr prokapitalistisch. Schade eigtl. bestimmte Dinge an Animal Crossing mag ich nämlich.

    • Ja, ich denke auch dass Sigfrid dort einfach eine Option des Geld machens bietet. Ich bleibe aber dabei, dass ich die Rübenspekulation schon interessant/speziell finde.

      Speed Runs zu ACNL? :o werd ich mal googlen!