Gaucks Tugendfuror oder: Sprache schafft Realität, Teil II.

Vor etwa zwei Monaten schrieb ich mit Kathy Meßmer einen Artikel über Peer Steinbrück und seine Äußerungen, und wie diese allein durch die gewählte Wortwahl Realitäten schaffen. Heute ist es an der Zeit, diesen noch einmal zu reflektieren: zusammen mit sechs weiteren tollen, klugen und engagierten Frauen habe ich einen offenen Brief an den Bundespräsidenten geschrieben, in Bezug auf seine Äußerungen zur Sexismus-Debatte.

Gauck wählte dabei ein Wort, welches mir die Fingernägel aufrollt: Tugendfuror (sprich: ihr seid rasende Moralapostel). Mehr noch: er unterstellt der Debatte einen Hype (sprich: eigentlich total überzogen was ihr da gemacht habt). Weiterhin sagt er, dass er kein flächendeckendes Fehlverhalten erkennen kann (sprich: es gibt kein Problem). Kurzum: er nimmt die Debatte nicht ernst, und mit seinen gewählten Worten schafft er eine ganz bestimmte Form von Realität: er redet das Problem weg, er lenkt ab, er diskreditiert die Debatte. Dies ist insofern problematisch, da er unser Staatsoberhaupt ist. Einer der Mächtigen, einer der Elite, spricht das aus, was sich viele in Politik-Kreisen (und zwar nicht nur bei der FDP), Wirtschaftszirkel und News-Redaktionen insgeheim gedacht haben: übertriebene Hysterie von einer paar Frauen, was wollt ihr überhaupt. Zu amerikanische Verhältnisse, feminazische Weltverschwörung, einself! ist es da nicht weit.

Aber auch etwas anderes war interessant zu beobachten: in unserer versandten PM sprachen wir von „Frauen wenden sich an Gauck“ – doch in den Artikeln kann man nur von „Feministinnen“ „jungen Frauen“ oder „jungen Feministinnen“ lesen. Was passiert da? Ganz einfach: man drückt uns ein Label auf. Nein, nicht Frauen wenden sich an Gauck. Junge Frauen. Na, Assoziationskette? An was denkt ihr? Studentinnen? Schülerinnen? Germany’s Next Top Model? Noch nicht ausgereifte Erwachsene? Feministinnen ist dabei aber auch schön – wir sind keine Frauen, nein, wir sind Feministinnen. In einem Land, wo dieses Wort weiterhin ein Schimpfwort ist, wo Feminstin unweigerlich mit Kurzhaar tragenden Mannsweiber-kalibriegen Schwarzers assoziiert wird, hat das eine besondere Bedeutung. Feministinnen wenden sich an Gauck. Nicht Frauen. Nicht Doktorandinnen, Selbstständige, Beraterinnen und Studentinnen. Nein. Feministinnen.

Sprache schafft Realität, und in einer Gesellschaft, in der die meisten Chef-Redakteure Männer sind und Machtzirkel männlich geprägt, schafft ihre Realität eben die Sprache.

Immerhin sind wir nun an einem Punkt, an dem sich die Mächtigen ihre Realitäten selbst schreiben wollen – wir werden sehen, wie gut das gelingt. Es heißt jetzt nicht aufgeben, dran bleiben, und weiter den Finger in die Wunde legen, und #Aufschrei hat tiefe Wunden gerissen. Die Mächtigen mögen die Fäden in der Hand halten, aber sie können die Fäden nicht ziehen, wenn die Wunde noch nicht verheilt ist.

Ihr könnt hier den Brief lesen und unterschreiben.

  • Prima und klar ausgedrückt, was mich den ganzen Tag im Kreis hat laufen lassen ;-)

  • blogoli

    Klingt frustriert und überengagiert. Denn es ist nur eine Lesart dessen, was Gauck gesagt hat. Andere haben etwas anderes verstanden, aber mit der Wahrnehmung anderer Menschen möchte #aufschrei sich nicht befassen. #aufschrei diskreditiert und #aufschrei diffamiert. Das kann unbeabsichtigt sein, aber auch Realität und Lebenswirklichkeit. Die Differenzierungsfähigkeit, die die „Briefschreiberinnen“ von Gauck fordern lassen Sie selbst vermissen. Die Wahrnehmung der Briefschreiberinnen ist ausschließlich selbstreflektiv. Das kann man daran beispielsweise festmachen, das der Begriff Tugenfuror tatsächlich nichts mit Furie zu tun hat, außer man will es so sehen.
    Die Aktivitäten rund um #aufschrei werden tatsächlich von Teilen der Bevölkerung als übertrieben oder gar hysterisch wahrgenommen. Darunter befinden sich vermutlich auch Menschen, die dringend Teilnehmer der Debatte sein sollten. Oder Menschen, die die Debatte gerne führen möchten, aber nicht unter der Wahrnehmung, die andere Seite möchte keine Debatte, sondern eine neue Wirklichkeit.
    Ich könnte noch eine ganze Weile so weitermachen, aber mich macht #aufschrei nur noch traurig. Ihr macht hier eine Möglichkeit eine gesellschaftliche Debatte zu führen zunichte. Von #aufschrei wird nichts bleiben als viele enttäuschte Erwartungen. Der Brief an Herrn Gauck war ein weiterer Sargnagel einer von einer breiten Öffentlichkeit getragenen Sexismusdebatte. Übrig bleiben wird ein schlechteres und angstvolleres Zusammenleben von Mann und Frau. Diese Form der „Debatte“ und dieses „Anklagen“ und „Anprangern“ wird dauerhaft zu weniger Freiheit führen.

    • Mina

      Furie und Furor haben denselben Wortstamm, vllt noch mal ins Wörterbuch gucken.

    • hikE

      @blogoli, ich kann Dir empfehlen, dem Link im Artikel zu folgen und dir mal die Studie der Mitarbeiter_innen der Fakultät Psychologie der Uni Bielefeld reinzutun. In dieser Studie steht ne Menge spannendes Zeug – zum Beispiel, dass Männer und Frauen „Herrenwitze“ tatsächlich sehr ähnlich verstehen, es also durchaus nicht so ist, dass Männer und Frauen sich nicht ver-stehen würden.

      • blogoli

        @hikE, es ist überhaupt nicht so, das ich eine Debatte über Sexismus nicht wichtig finde. Es ist auch nicht so, das ich die Unterzeichnerinnen des Briefes inhaltlich kritisieren möchte. Was ich bemerke ist:
        Die Art der Diskussion, die Vehemenz, die Einseitigkeit und eine Übertriebenheit (80.000 Tweets – das sagt gar nichts, schaut man mal hinter die Zahl. 2.000 Unterzeichner – die Zahl sagt auch nichts. Und diese Zahlen sagen schon gar nichts im Medium Internet) in der Bewertung der Reichweite (nicht der Relevanz) führt zu sehr starken reaktanten Reaktionen.
        Aber wie kann es das Interesse von Menschen sein, die Welt ein wenig besser zu machen, indem man Stereotype und Fehlverhalten so sehr „anprangert“, bis man am Ende das Gegenteil erreicht. „Weniger ist mehr“ und „steter Tropfen höhlt den Stein“ bringt meines Erachtens mehr als „das Kinde mit dem Bade ausschütten“. Tja – ich glaube manchmal sind die Altvorderen immer noch der heutigen Zeit voraus.

        • Mina

          Weniger ist mehr heißt in diesem Falle alles runterschlucken. Oder was hättest du konkret hier als Handlung vorgeschlagen?

          • blogoli

            Erst mal Innehalten.
            Dann ausgewogener formulieren (wie gesagt – Furor VS. Furie kann man so verstehen wie ihr MUSS man aber nicht. Wie im Übrigen die Äußerungen Gaucks insgesamt von vielen Menschen anders verstanden werden konnten.).
            Vielleicht nicht die provokante Version des offenen Briefes wählen (kann angreifbar machen), ihr hättet durchaus Zugang zur Presse gehabt (wäre eine mildere, aber inahltlich nicht weniger richtige Weise gewesen).
            Nicht so sehr auf Twitter immer diese nichtssagenden Zahlen betonen (wirkt je nach Standpunkt kontraproduktiv, denn 2.000 Unterzeichner können kaum als Bevölkerungsaufsttand bezeichnet werden).
            Den Äußerungen Gaucks nicht mit pauschalen Argumenten begegnen ( „xxx Tweets sind doch flächendeckend“), sondern mit Einzelschicksalen entwaffnen. Es sollte Euch, sofern die Unterstützung denn so groß ist, z.B. ein leichtes sein mit einer neu geschaffenen Homepage den Alltag von Frauen in Deutschland zu dokumentieren. Dort könntet ihr zugleich dieses „Sexismus gibt es auch gegen Männer“ zugleich ernst nehmen, wie auch als gegenargument entwaffnen.
            Ihr könntet signalisieren oder auch sogar ernsthaft in Erwägung ziehen, andere ernstzunehmende Meinungen in EURE Diskussion zu intergrieren. Zum Beispiel ist http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/der-philosoph-robert-pfaller-im-gespraech-die-frauen-haben-ihre-waffen-verloren-12100411.html meines Erachtens ein nachdeenkenswerter Aspekt. Viele Menschen fühlen sich erschrocken und überfordert und von der Diskussion ausgeschlossen. Zudem sind die Befürchtungen, das die Art und Weise wie die Diskussion geführt im zukünftigen gesellschaftliche leben zu einem weniger an Freiheit führen können (amerikanische Verhältnisse) ja nicht gänzlich unbegründet (siehe amerikanische Verhältnisse).
            Es wäre – kurz gesagt – aus meiner Sicht eine weniger verbissene Diskussion, sowohl inhaltlich als auch von der Akzeptanz her, eine wesentlich fruchtbarere Debatte.
            Hach – ich könnte noch viel mehr dazu sagen, wenn ich nur wüsste wie …

          • Mina

            HAHAHAHAHAHA.
            Schön, dass mir mal jemand wieder sagt, wie wir XZY zu tun gehabt hätten. Aber selber keine Ahnung haben. Ein paar kleine Fakten, dann werd ich noch die restlichen Kommentare in der Warteschlange moderieren, dann alles zu machen. Solche Diskussionen bringen mir wirklich nichts mehr, außer gute Muskeln in der Stirn vom vielen Runzeln.

            1. Der Brief ist sehr sachlich formuliert.
            2. Wir hatten Zugang zur Presse. Was meinst du, woher die Artikel kamen?
            3. Was ich auf Twitter schreibe ist scheißegal und hat überhaupt nix mit dem Brief oder dem Ziel zu tun. Aber vielleicht mal überlegt, dass Twitter ein Kommunikationsmedium ist, um sich zu vernetzen, und man auch mal die positiven Reaktionen betonen möchte? Nee, ne? Egal.
            4. Gaucks Aussagen haben wir mit Einzelschicksalen entgegnet. Und ich merke grad, dass du den Brief wohl nicht mal gelesen hast, sonst wüsstest du, dass wir ihm zwei Seiten Beispiele von Twitter und alltagssexismus.de angehangen haben. Also, lies den verdammten Brief. Dann meckern.
            5. What about teh menz. In diesem Moment – not my concern. Soll dich aber nicht davon abhalten selbst z.B. beim Bundesforum Männer aktiv zu werden oder Initiativen zu starten.
            6. Pfaller kommentiere ich hier nicht. Der hat keine Ahnung wovon er redet.
            7. Ich weiß immer noch nicht, was die Diskussion „verbissen“ macht, außer ein paar Männer (und Frauen), die selbige gerne so bezeichnen möchten.

            kthxbye.

        • hikE

          also @blogoli,

          mein Interesse ist es zuerst mal, gehört und wahrgenommen zu werden, ohne dass man mir permanent irgend was weiblich konnotiertes um die Ohren schüttet, ob’s nun Kinder (what about frauen OHNE welche?) mit dem Bade (what about frauen OHNE Pflegejob an anderen Personen?) sind oder andere Sachen.

          Und es ist richtig beobachtet: bei MIR ist ein Fass übergelaufen, das da heißt aus meiner ganz originalen und einzigartigen Sicht „zweitklassige Behandlung nur weil ich weiblich konnotiert bin“. Und ich rede da vom Zeitraum 1983 ff., nicht von 1883 ff.

          Die Altvorderen die Du da zitierst, sind mir in einem voraus, nämlich darin, dass sie kein Internet hatten, in dem sie ihrem Unwohlsein – falls vorhanden – überhaupt so was wie Bewusst-Werden geben konnten. Die Altvorderen hatten uns heute auch eins voraus, nämlich den prinziellen Ausschluss von Frauen von allen möglichen Bildungsabgeboten. Ich hab mehr als Dreißig Jahre Persönliches Unwohlsein am Stiefel weil irgendwann mein katholisches soziales Umfeld meinte, ich sei Weibchen und für „das“ gäb es nur eine Rolle, das sei heiraten und als Geburtskanal für die Ergüsse des Ehemanns herzuhalten. Wer da nicht mitzieht, muss auf’m Dorf die Hexen-Rolle bzw. ihre Nachfolger-Positionen als „Esoterische Trulla“ in Kauf nehmen, oder ins Kloster.

          Versuch doch mal zu schauen, WARUM die Diskussion aus deiner Sicht so „einseitig“, „vehement“ oder „übertrieben“ läuft, dass dies aus Deiner Sicht die Ziele „gefährdet“.

          Wenn ich Deine Kommentare lese glaube ich, Du bist nicht selber als Person betroffen.

          • Mina

            Danke.

  • Super, danke! Ich bleibe mit dran!

  • Der Beitrag zeigt, was eine gute „Dekonstruktion“ leistet. Hervorragend. Kultur muss man sich vorstellen wie ein Baum: die Wurzeln sind die grundlegenden Unterscheidungen (so grundlegend, dass sie kaum jemand ausserhalt des engsten Zirkels der Macht bemerkt – die Unterscheidung männlich-weiblich wurde ja im Zeitalter der Industrialisierung zur Organisation der Arbeit herangezogen); es folgt der Stamm (z. B. Verfassungsorgane), es folgen die Äste (z. B. Bildungswesen, Gesundheitswesen), es folgen die Zweige (Vereine, Zivilgesellschaftliche Vereinigungen, Schulen, Hochschulen, es folgen die Blätter (die einzelnen Menschen). Jedes System schüttelt die Blätter ab, um die Wurzeln zu bewahren. Und im Falle des Patriarchats gewinnen nicht wenige Männer einen Vorteil im Sinne von Selbstwert, wenn sie helfen „falsche“ Blätter abzuschütteln. Man lese nur die unsäglichen Männerkommentar auf „Welt-Online“ zur „Sexismus-Debatte“. Übrigens: Mittels Tiefenanalyse und Fantasieanalyse kann bei bei größeren Datenmengen aus Beiträgen von Herrn Gauck, Brüderle u. a. noch ganz anderes herauslesen.

  • Karl Tiedemann

    Bezgl. des offenen Briefes an Bundespräsident Gauck.Ich wünsche ihnen viel Erfolg.Vielleicht noch folgende Information:nicht nur Steinbrück sondern auch Gauck war an dem Bochumer Stadtwerkeredeabend anwesend und kassierte ebenfalls 25000 Euro.Beim googlen sind Info´s diesbezüglich schnell zu finden.Leider wurde bisher immer erfolgreich verhindert dies der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.Das betrifft auch die klammheimliche Erhöhung des Bundespräsidentensoldes (beschlossen durch das Bundespräsidialamt selbst!)seit 1.1.2013 um ca. 1700 Euro monatlich mehr.

  • Sprache schafft Realität: „Kurzhaar tragenden Mannsweiber-kalibriegen Schwarzers“

    In der Tat. Ich würde mal drüber nachdenken.

    • Bette

      Ja, so gut ich den Text sonst finde, darüber denke ich auch schon die ganze Zeit nach. Was soll ich sagen, ich hab kurze Haare… bin eine Lesbe… definiere mich als Feministin… und trotz einiger Kritik, die ich durchaus für berechtigt halte, schätze ich Alice Schwarzer sehr. Also erfülle ich wohl alle diese Kriterien….

      Aber: Ich setze mich für Sexismus-Opfer ein, obwohl ich selbst keines bin. Genauso wie ich z.B. für gerechte Aufgabenverteilung zwischen Mann und Frau bei der Kinderbetreuung, gegen das Betreuungsgeld und für Kindergrundsicherung statt Ehegattensplitting bin – alles, obwohl es mich persönlich nicht betrifft.

      Im Gegenzug würde ich mich über etwas mehr Solidarität mit uns „Kurzhaar tragenden Mannsweiber-kalibriegen Schwarzers“ sehr freuen.

      • Mina

        Oh, um das mal klar zu stellen: das war eine Formulierung, um die Vorurteile vieler Menschen aufzuzeigen. Ich möchte mich davon distanzieren! Mir ist es egal wie lang jmd die Haare hat und wie sie/er auftritt, so lange sie/er respektvoll ist. Sorry, dass ich dich mit dem Beispiel verletzt habe.

        • Bette

          Hm, ich fürchte, es kommt nicht so gut rüber, dass du dich davon distanzieren willst – im Grunde ist es eher eine Manifestierung.
          Ich fühle mich auch nicht persönlich verletzt, hab da ein dickes Fell. Mir geht es mehr um die Feststellung des/der Vorredner_in hier: Sprache schafft Realität und genau das passiert hier auch.
          Nichtsdestotrotz danke für den restlichen Artikel, der mir ansonsten auch aus der Seele spricht.

          • Mina

            Ich wollte mich nicht von den Menschen distanzieren, sondern von der negativen Interpretation selbiger :D Ja, ich werde nächstes Mal auf jeden Fall besser drauf achten.

  • Das Wahre Gesicht eines HERRN Gauck:
    Wichtig ist eure Arbeit! Dadurch wurde die überfällige Sexismusdebatte endlich von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Bei uns hier in Riedenburg im Altmühltal wurde daraufhin im DONAUKURIER eine Umfrage gestartet und ein Bericht darüber geschrieben, den ich wiederum durch einen Leserinnenbrief weiter unterstützt habe. Aber nun zu Gauck. Gauck verrät sich selbst, ist er doch Pfarrer von Beruf und daher Vertreter des patriarchalen Monotheismus. Das ist die höchste Form von Sexismus, denn der Frau wird seitdem die Göttlichkeit abgesprochen und sie wird zur Magd des HERRN degradiert. Genau genommen wurde der patriarchale Monotheismus nur erfunden, um Gott als MUTTER abzuschaffen und durch Gott den HERRN zu ersetzen. Natürlich hat ein Vertreter einer solchen Theologie kein Verständnis für die Sexismusdebatte, wird es doch von ihm als gottgegeben hingenommen, dass der Mann über die Frau herrschen darf! Und um Macht der Männer über Frauen , darum geht es ja beim Thema Sexismus!

  • blogoli

    Schade das nur lobene Kommentare freigeschaltet werden.
    Ein Leser weniger. Tschüss.

    • Mina

      Nee, längere Kommentare dauern jedoch meist bei mir, vor allem wenn ich drauf eingehen will. Just fyi :>

  • Unabhängig von der Aussage des deutschen Bundespräsidenten, dem Inhalt und der Art und Weise der vorausgehenden Debatte sowie Ihrer Kritik an der Aussage und de Wortwahl: Ich halte Ihre These „Sprache schafft Realität“ in diesem Zusammenhang nicht nur für falsch, sondern auch gesellschaftspolitisch für bedenklich. Meine Kritik ist also grundsätzlicher Natur und wendet sich an die Struktur Ihrer Argumentation und nicht an deren Inhalt.

    1) „Sprache schafft Wirklichkeit“ oder „Sprache konstruiert Wirklichkeit“ als These poststrukturalistischer Denkrichtungen bzw. des Dekonstruktivismus ist zwar populär, jedoch in seiner Anwendung zumeist verkürzend und damit irreführend: „Sprache“ wird mit diesem Schlagwort auf das Vokabular verkürzt – jedoch ist Sprache als Ganzes ein System aus Morphologie, Syntax und Wort- oder Zeichenbildung. Die Art und Weise, wie Beziehungen in der Sprache dargestellt werden, bspw. durch Präpositionen und Kasus (Fälle) ist ebenso von Bedeutung wie Form des Zählens (werden belebte Wesen anders gezählt als unbelebte Dinge?) und natürlich auch die grammatikalische Konstruktion von Satzgefügen (bspw. im Lateinischen mittels Partizipialkonstruktionen, die das Deutsche nicht in dieser Form kennt).

    Es mag Ihnen und anderen unbedeutend erscheinen, aber es besteht ein signifikanter weil grundlegender Unterschied zwischen „die Wortwahl schafft Realität“ und „Sprache schafft Realität“.

    2) „Schafft“ also die Wortwahl „Realität“ – kann mein Einwand 1 also dadurch ohne viel Aufhebens saniert werden?““Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde“ und „Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen“ sind die gegenständlichen Aussagen. Sowohhl die Verwendung der 1. Person Singular („ich“) als auch die Formulierung „kann ich [….] nicht erkennen“ machen deutlich, daß es sich in beiden Fällen um subjektive Meinungsäußerungen handelt und sie keinen Anspruch auf intersubjektive Gültigkeit erheben. In der ersten Aussage interpretiert Herr Gauck die Debatte in Deutschland mit einem selbstgewählten Begriff, die zweite Aussage betont durch die Formulierung „ich kann nicht erkennen“, daß es sich bei dem, was er „nicht erkennen kann“, um seine persönliche Sichweise handelt.

    Das heißt, mit beiden inkriminierten Aussagen schafft Joachim Gauck nicht Wirklichkeit, sondern er interpretiert Wirklichkeit, gerade, weil er sich als Sprecher der Aussagen „zur Sprache bringt“. Der Einwand, Joachim Gauck schütze hier nur Subjektivität vor, um sich ggf. selbst zu immunisieren, würde unterschiedliche Kommunikationsakte selbst in Frage stellen: Wer beispielsweise als solche ausgesprochene Verständnisfragen Dritter als Rhetorische Fragen interpretiert, begibt sich in die Gefahr, jede Kommunikation als sinnentstellend und damit auch als sinnlos zu entwerten.

    Dem grundsätzlichen Einwand gegen den Dekonstruktivismus und poststrukturalistisch geprägte Linguisti, daß bei konsequenter Anwendung der These „Sprache konstruiert Wirklichkeit“ im Grunde überhaupt keine Aussage über die (wirkliche, d.h. außersprachliche, empirische) Wirklichkeit getroffen werden kann, kann man also auch hinzufügen, daß Sprache immer auch Interpretation von Gegebenheiten (Wirklichkeiten) ist.

    Und daß Joachim Gauck mit seinen Äußerungen nicht „Realität“ im intersubjektiven Verständnis „schafft“ ist auch daran abzulesen, daß diese Aussagen die bzw. Ihre Realität in keiner Weise keineswegs verändert oder (neu) geschaffen hat: Sie lehnen ja das, was der deutsche Bundespräsident gesagt hat, ja entschieden ab.

    3) Unter gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten ist die Argumentationsfigur: „Sprache schafft Realität“ insofern auch bedenklich, als sie Aussagen, Redewendungen oder die spezifische Wortwahl bzw. Begrifflichkeit nicht Teil eines Diskurses versteht, in dem divergierende Meinungen und Standpunkte um Anerkennung, Konsens und vielleich so etwas ähnliches wie „Wahrheit“ ringen. Vielmehr prallen unterschiedliche „Wirklichkeiten“, die durch Sprechakte „geschaffen“ werden, aufeinander bzw. existieren nebeneinander, ohne daß ein diskursiver Fortschritt intendiert oder gar möglich wäre.

    Gesellschaften und besonders demokratische Gesellschaften leben durch den Austausch von Standpunkte und Meinungen, wobei wir es sowohl objektiv nachprüfbaren Aussagen über Wirklichlichkeit („die USt. in Österreich beträgt 20%“) zu tun haben, wie auch mit subjektiven Meinungsäußerungen über Wirklichkeit („die USt. in Österreich ist hoch“).

    Es ist zwar richtig, daß, wenn man oft genug wiederholt: „die USt. in Österreich zu hoch“, die meisten Menschen tatsächlich die USt. in Österreich für hoch halten, damit wird jedoch keine Realität geschaffen (was sollen die Ungarn mit 27% USt. sagen?), sondern nur Meinungsbildung – oder „Meinungsmacherei“ – über Wirklichkeit betrieben.

    In gewisser Weise ist „Sprache schafft Realität“ auch als tu-quoque-Argument geeignet, d.h. auch jenen, die die Debatte in Deutschland angestoßen und fortgeführt haben, kann man mit gleicher Berechtigung vorhalten, damit „Wirklichkeit“ zu „schaffen“. Was bedeutet, daß dieses Argument bedeutungslos ist, weil es jedes Argument stärkt und jedes Gegenargument schwächt, also der Validität eines Arguments weder etwas hinzufügt noch etwas wegnimmt.

    Weshalb man sich – meiner Auffassung nach – fruchtbarer mit dem Inhalt von Meinungen und Interpretationen kritisch auseinandersetzt und eben die grundsätzlich fehlende Objektivität von Ich-Aussagen betont, als ihnen etwas zuzuschreiben, das ihnen nicht zukommt.

    • Mina

      Danke für das Feedback.
      Wenn man sämtliche gesellschafts- und Machtstrukturen ausblendet, ist es wahrlich egal, wenn eine Person etwas subjektiv bewertet. Gauck ist jedoch Elite, und daher haben seine Aussagen sehr wohl Gewicht.

      Dass sie die Realität verändern kann man schon daran sehen, wieviele Menschen jetzt, angetrieben von „endlich sagts mal einer (der Mächtigen)“ die Debatte relativieren oder offen sabotieren.

      • Völlig d’accord, insofern sehe ich es als Aufgabe, genau diesen Irrtum, daß nämlich
        „große alte Männer“ nicht irren können, zu demaskieren oder – ganz streng argumentativ – darauf hinzuweisen, daß mit einer ad-hominem-Argumentation („Aussage A ist wahr, weil es – auch – der Bundespräsident sagt“) keim Blumentopf zu gewinnen ist. Meine Großmutter – in jeder Hinsicht eine „große alte Frau“ – hat mir auf den Weg gegeben, mir Autoritäten stets in Unterwäsche vorzustellen, in aller Regel kein vorteilhaftes, sondern ernüchterndes Bild.

        Spannend übrigens, wie auch in der Demokratie nach wie vor Autoritäten und Eliten Einfluß gegeben und zugeschrieben wird.

        • Honey Badger

          Hey, die unschönen Auswirkungen von blinder Autoritätsgläubigkeit kenne ich aus dem Physik-Studium. Wenn irgendein großer Physiker vor hundert Jahren eine frauenfeindliche oder chauvinistische Äußerung getätigt hat, dann wurde das von Studenten dieses ehrwürdigen Faches ;) immer gerne als „DIE WAHRHEIT“ gehandelt. Schließlich kann so ein intelligenter Mensch sich doch nicht geirrt haben – oder etwa doch?

          Ich bin dazu übergegangen, Autoritäten in ihren Fachgebieten ernst zu nehmen und ihnen bei allgemeinen Aussagen über Gott und die Welt mit dem gesunden Misstrauen zu begegnen, mit dem ich auch anderen Menschen begegne. Diese Vorgehensweise hat sich bewährt.

        • hikE

          Zitat: Spannend übrigens, wie auch in der Demokratie nach wie vor Autoritäten und Eliten Einfluß gegeben und zugeschrieben wird.

          Das stimmt, das verwundert mich auch immer wieder, aber ich kann es mir mittlerweile mit konservativen Gesellschafts- und Erziehungs-, oder sag ich besser: Dressur?-mustern erklären. Durch meinen Job bedingt transkribiere ich seit ein paar Jahren olle Akten eines Zoologischen Instituts vom Jahr 1817 aufwärts, die haben erstmal scheinbar nix mit dem Thema zu tun.

          Aber dieses Autoritätengehammel, um auch nur ne Büroklammer genehmigt zu bekommen – derzeit transkribiere ich 1909 den bereits sechs Jahre dauernden Versuch des Institutsdirektors, eine Assistentenstelle genehmigt zu bekommen, und exakt das gleiche Gehampel hatte sein Vorvorgänger beim Versuch einen Konservator zu bekommen – ein ewiges „in trallalla Hochachtung Euer Hochwohlgeboren ergebenster“.

          Ich glaube: Erziehungen oder Dressuren zur Unterwürfigkeit lassen sich nicht mal eben aus dem kollektiven Gedächtnis löschen, sondern wirken solange als „Erziehungs-Traditionen“ nach, bis sie reflektiert und aktiv verändert werden.

          Demokratie im deutschsprachigen Raum ist noch nicht so alt, dass sie diese „traditionellen“ obrigkeits/ autoritätshörigen Erziehungen bereits auf den relevanten Ebenen (also im Dorf) überwunden hätte. „Im Dorf“ wirkt ja dann auch noch das Christen-Kirchentum mit seinen obrigkeits-basierten Strukturen, und das wird im Zweifelsfall 1:1 auf alle gesellschaftlichen Strukturen übertragen („wer oben ist, hat den Überblick, also folge dem Oberen“). So meine eigene Erfahrung als Dorfkind, das den Absprung als Tierpräparator an eine Uni schaffte.

          Das könnte zumindest aus meiner Sicht der Grund dafür sein, dass „in der Demokratie“ noch immer nach oben auf die Autorität oder Elite geschielt wird. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass allein das Angestelltsein an einer Uni einen „auf dem Dorf“ schon zum „Doktor“ und wenn man noch etwas hell im Kopf ist, schon beinahe zum Professor macht.

          Ist aber ne ambivalente Sache. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich schon längst als Professor angesprochen.

          • Mina

            Interessanter Aspekt. Ich glaube, Macht ist aber überall, auch im kleinen, da sie so oft mit Status verbunden ist. Und so lange wir uns selbst immer wieder über unsere Position im Gefüge definieren, wird das auch nicht umzukrempeln sein. Ob das mit Konservatismus zu tun hat? Hm. In den progressiveren (politischen) Strömungen gibt es genausoviele Machtkämpfe und Strömungen. Im Ende ist das alles wohl menschlich (aber nicht naturgegeben!).

    • hikE

      hm, was „Sprache schafft Realität“ betrifft, möcht ich nen Literaturhinweis hinzufügen, bei dem ich davon ausgehe, dass er bekannt ist: Victor Klemperer – „LTI“.

      Sprache kann nach Klemperer durchaus eine Realität erschaffen, und auch in der Bibel (egal was manvon ihr hält) wird geschrieben, dass Gottes WORT die Welt erschuf.

      Da hab ich jetzt zwei verschiedene Dinge zusammengebracht, einmal Klemperers Beobachtung, dass Worte gegen z. B. unterdrückte Personengruppen durchaus Wirkkraft erreichen wenn sie nur oft genug wiederholt werden („Worte wirken wie winzige Arsendosen“), und andererseits das Machtwort einer unanfechtbaren Autorität namens Gott, das laut Bibelbericht Schöpfungskraft besitzt.

      Es kommt immer darauf an, wer die Worte äußert, die wahr-genommen werden – und wer diese Worte vernimmt.

      Sollte der Äußernde eine mit großer Autorität ausgestattete Person sein, so wiegen deren Worte natürlich ungleich schwerer als die von nicht-autorisierten Personen, denn sie finden nicht nur offene Ohren bei anderen autorisierten, sondern auch unendlich viele Nachplapperer.

      Sollte der diese Worte Vernehmende einer unterdrückten Gruppe angehören, so wirken nicht nur die Autoritäten-Worte sondern auch all die nachgeplapperten Worte in ihrer unendlichen Wiederholung wie winzige Arsendosen, und führen zu der absurden Situation, dass er’s schliesslich selbst glaubt, was ihm da eingeredet wird.

      Insofern ist Sprache als Instrument durchaus in der Lage, ihre eigenen Realitäten zu schaffen.

  • Honey Badger

    Ich habe eben auch den Brief an Herrn Gauck unterschrieben.

    Zum Umgang der Medien mit diesem Brief ebenso wie mit dem gesamten Thema „Alltagssexismus“ kann ich nur sagen, dass dieser sehr von Vorurteilen, Unverständnis und Unkenntnis geprägt war.

    Und es geht weiter: Herr Fleischhauer betreibt auf seiner Kolumne wieder sein übliches Strohpuppenfechten und postuliert eine Kampagne von Feministinnen gegen Herrn Gauck mit dem angeblichen Ziel der Feministinnen, den Bundespräsidenten ins politische Abseits zu drängen. Dümmer geht’s nimmer.

  • Ursula

    Ich habe den Brief an den Bundespräsidenten unterschrieben. Dieser Satz „In einem Land, wo dieses Wort weiterhin ein Schimpfwort ist, wo Feminstin unweigerlich mit Kurzhaar tragenden Mannsweiber-kalibriegen Schwarzers assoziiert wird, hat das eine besondere Bedeutung.“ macht mich allerdings traurig. Mit dieser Aussage schafft ihr Distanz zu Frauen wie mir: kurze Haare, Lesbe und meinem höheren Alter entsprechend auch durch Alice Schwarzer viel über Sexismus gelernt. Solche Sprüche decken keine Vorurteile auf, sondern diffamieren bestimmte Frauen und reproduzieren weiterhin Vorurteile gegen kurzhaarige, „maskulin“ wirkende Frauen.

    • Mina

      Noch mal: ich prangere an, dass die Gesellschaft eben diese Stereotype hat, ich teile sie nicht.

  • Ursula

    Noch mal: ich habe verstanden, dass Du diese Stereotype anprangerst. Noch mal: du schaffst mit dieser Anprangerung Distanz zu Frauen die der Stereotype äußerlich gleichen. Sprache schafft Realität und da Du die Stereotype nicht dekonstruierst, sondern einfach in den Sprachraum wirfst, verfehlt die Anprangerung ihr Ziel. Was soll der „Gesellschaft “ vermittelt werden? „Mannsweiber“ sind traurige Gestalten und keine Feministinnen. Ich finde Deinen Artikel gut und wichtig. Doch ich erwarte, dass du verstehst, dass hier nicht um ein individuelles Verletztsein geht, sondern um Ausgrenzung durch Sprache.

    • Mina

      Verstanden, danke auch fürs Feedback. Sehe es gerade nicht, dass ich explizit ausgrenze, aber ich reflektiere es noch mal in Ruhe.

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