Gauck und der Freiheitsfuror unserer Zeit

Ach, Gauck.

Ich weiß, da sitzt ein alter Mann in einer repräsentativen Funktion und darf alle paar Monate zu Feiertagen oder Sommerpausen oder sonstigen tollen Anlässen etwas erzählen. Was er da erzählt soll dazu dienen, das Volk zu besänftigen oder zu tadeln, je nach Gutdünken des Herrn Präsidenten. Wir kennen das aus der Vergangenheit – ein Freiheitskämpfer, ein Pastor, ein Bürgerrechtler – aber nun eben auch ein alter Mann mit skurrilen Weltansichten.

Wir erleben gerade einen der größten politischen Skandale unserer Zeit. Es geht um Überwachung, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Frieden, Abwehr, Terror, und neue technische Möglichkeiten. Nebenbei betrifft es dann auch noch internationale Beziehungen, Bürgerrechte, Privatsphäre und die schwierige moralische Frage nach Schuld, Unschuld oder Verrat. Für Gauck geht es gar um „puren Verrat“ was Snowden betrifft, aber eben auch um eine „verhältnismäßige“ Abwehr. Eine pauschale Kritik der Spähprogramme gab es von ihm nicht.

Nun.

Vielleicht liegt es daran, dass alte Männer (und Frauen) wie Gauck (oder Merkel) in einem System von „guten“ und „bösen“ Staaten aufgewachsen sind (Stichwort kalter Krieg), und die Verurteilung eines solchen Machtmissbrauchs deswegen schwerer über die Lippen kommt. Vielleicht liegt es daran, dass ihr Sicherheitsbedürfnis so tief verankert und ihre Angst vor dem unbekannten Nebel „Terror“ so groß ist, dass sie dafür bereit sind einen Preis zu zahlen, der als Währung Freiheit trägt. Vielleicht liegt es daran, dass Gauck ein schlechter Politiker ist und ein noch schlechterer Bundespräsident, wenn es darum geht, zu Themen zu sprechen, die er nicht selbst auf die Agenda setzte.

Es ist mir scheißegal, woran es liegt.

Als Bundespräsident, der sich selbst gern und nicht widerwillig zum Freiheitskämpfer aller Bürger_innen hochstilisieren ließ, der gerne auch heute noch predigt und moralpredigt, als verdammtes Staatsoberhaupt erwarte ich von ihm Differenzierung, Analyse und klare Aussagen. PRISM und der ganze verbundene Skandal hat derart große Dimensionen erreicht, dass ein „Abwägen“ sehr, sehr schwer fällt. Gauck hatte kein Problem damit, die gesellschaftliche Debatte zur Gleichberechtigung Anfang des Jahres mit einer eigenen Wortkreation zu bedenken. Wo ist sein kreativer Input nun, wo es nun doch sein Lieblingsthema beträfe?

Ich liefere die Wortschöpfung hiermit nach.

Auch wenn Gauck und Merkel und wie sie alle heißen schweigen und dulden und verhandeln und abwägen: ich wünsche ihnen und uns allen einen wahren Freiheitsfuror, gegen den sie nicht anschweigen können, und über den sie ihre eigene kleine Weltanschauung nicht stülpen können, weil er gar zu groß geworden ist.

Es gibt Zeiten, da muss man präsidial sein, und es gibt Zeiten, da muss man idealistisch sein. Es wäre schön, wenn Gauck erkennen könnte, in welcher wir uns befinden.

  • #BDA #Prism Wir wissen nicht, aber vielleicht werden #Obama #Merkel #Gauck von de #NSA #BND #MfS erpresst & deshalb handeln sie nicht.

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  • Schön gesagt.
    Irgendwo las ich vor kurzem die passende Bemerkung, Gaucks Glaube an den Rechsstaat wäre solange ungebrochen, solange es sich nicht um eine Kommunistische Regierung handelte.
    Das halte ich für richtig: Er ist ein Mann, der intellektuell in der Zeit des kalten Krieges stehen geblieben ist. Für eine weitere »Wende« in seinem Leben ist er zu alt und unbeweglich geworden. Und es könnte eine Wende darstellen, wenn die Gesellschaft nicht nur ihr Verhältnis zu Amerika, sondern auch zu ihrer eigenen Administration überdenken muß. Wahrscheinlich (hoffentlich) wird es eine Zeit vor – und nach Edward Snowden geben. Gauck kämpft im Moment noch mit »nach Honecker«.
    Gruß
    das Pantoufle

  • Lucydog

    Ich denke unsere Regierung weiß schon lange was da abgeht. Die jetzt gezeigte Empörung ist gespielt. Deutschland ist nicht und war nie souverän. Proteste nach Washington und London bringen nichts und werden nur gespielt. Die EU protestiert und ist gegenüber den USA nur ein Papiertiger. Der Protest muss aus der Bevölkerung kommen.

  • Lotte

    Schoen geschrieben, merci!

    „Vielleicht liegt es daran, dass Gauck ein schlechter Politiker ist und ein noch schlechterer Bundespräsident, wenn es darum geht, zu Themen zu sprechen, die er nicht selbst auf die Agenda setzte.“ – rotfl

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