Flawless.

We teach girls that they cannot be sexual beings
In the way that boys are
We teach girls to shrink themselves
To make themselves smaller
We say to girls,
„You can have ambition
But not too much
You should aim to be successful
But not too successful
Otherwise you will threaten the man.“
Feminist: the person who believes in the social
Political, and economic equality of the sexes
– Chimamanda Ngozi Adichie, „We should all be feminists“ TEDx talk 2012, Zitat-Zusammenschnitt aus Beyoncés Performance bei den VMAs 2014

 

Man kann nicht einfach aufhören, Feministin zu sein. Es ist so, als ob man versuchen würde, keine Farben mehr zu sehen. Keine Wärme mehr zu spüren oder keine Süße mehr zu schmecken. Feminismus ist etwas, von dem man nicht zurück kommt.

Schlimmer noch, Feministin zu sein ist etwas, von dem man nicht zurück kommt. Schon der Verdacht, Feministin zu sein, rechtfertigt Angriffe, Beleidigungen, Terror. In den Augen mancher verliert man jegliche Sachlichkeit, Objektivität, Konstruktivität, sobald man sich feministisch äußert. Logisch, denn das Neutrum der Welt, der Geschichte, der Geschichtsschreibung ist fast ausschließlich ein männliches. Sich von dem „neutralen“ Status Quo hin zu feministischen Thesen zu bewegen bedeutet zwangsläufig, bestimmte Dinge in einem neuen Licht zu sehen. Nicht mehr „objektiv“. Nicht mehr „neutral“. Der Fehler ist nur der, dass die Objektivität und die Neutralität niemals gegeben war. Aber ich schweife ab.

Feminismus. Feministin. Diese Label kleben an mir, und manchmal trage ich sie mit Stolz. In den letzten Monaten habe ich versucht sie zu verstecken. Ernst genommen wollte ich werden. Professionell. Sachlich. Dinge, die dir abgesprochen werden, sobald du findest, dass Frauen selbst über ihren Körper bestimmen sollten oder darauf hinweist, dass es nach wie vor strukturelle Diskriminierung gibt. Ich war zu erschöpft, immer wieder dieselben Kämpfe zu kämpfen, um Deutungshoheit, um Anerkennung. Darum, etwas sagen zu können, als Mensch, als Frau, als ich zu sprechen und nicht nur als Feministin gehört zu werden. Denn auch das ist Feminismus: dein Ich hört auf, du wirst nur noch als Kollektiv wahrgenommen, du bist nicht mehr Mina, oder eine Frau, oder eine Autorin, oder eine Wissenschaftlerin, oder eine verletzbare Person mit Träumen und Ängsten, nein, alles was du bist, ist Feministin. Projektionsfläche für Vorurteile und Klischees, Abladestelle für Hass und Abwehr, stellvertretend für „den“ Feminismus.

Wenn ich schreibe, schreibe ich zuerst als Mensch. Als Frau. Als gut gelaunte, schlecht gelaunte, nachdenkliche, neckende, lustige, langweilige, intelligente und dämliche Person. Ich bin ich, vollkommen, mit all meinen Fehlern, mit all meinen Stärken. Aber du kannst nicht normal mit Menschen interagieren, die Feminismus als das letzte böse Übel im Kampf für den Erhalt des Status Quo sehen. Du wirst von der vielfältigen Frau zu einer personifizierten Hülle, bestehend lediglich aus Kalkül, Absicht, Politik.

Natürlich war mir das schon klar, aber es war mir eben doch nicht so bewusst.

Es gibt keine Verhältnismäßigkeit wenn Menschen den Feminismus bekämpfen. Es gibt keine Maßstäbe die sowohl an dich, als auch an dein Gegenüber angelegt werden. Es gibt nur dich, und alles was du tust muss für den Feminismus sein. Dich als Menschen zu sehen, ist zu gefährlich: würde es doch bedeuten, dass auch du nur ein Mensch bist und keine böse geheime Superkraft, die zerstört werden muss.

Und manchmal gerätst du in Kämpfe, die du niemals starten wolltest, mit Menschen, die eigentlich an den Seitenlinien stehen sollten, und du kommst nicht mehr hinterher deine Wunden zu versorgen und alles wofür du in den letzten Jahren gekämpft hast (manchmal freiwillig, oft unfreiwililg) erscheint dir sinnlos. Du dachtest du würdest mit Gleichgesinnten über Farben reden, und stellst dann fest, dass sie nicht einmal schwarz und weiß unterscheiden können.

Es laugt aus.

Doch dann, dann kommen die VMAs und Beyoncé erhält ihren Preis für ihr Lebenswerk. Sie performt eine Viertelstunde lang aus ihrem Album, das eins der besten Stücke zu Weiblichkeit und Frausein der letzten Jahrzehnte ist. In einer Zeit, in der Feministin zu sein gefährlich ist – für Beruf, Karriere, Leib und Seele – liefert sie nicht nur eindrucksvoll Song nach Song den Beweis, warum Feminismus eben toll und schön und vollkommen ist, nein, sie posiert auch vor einer großen Leinwand auf der das Wort „Feminist“ zu lesen ist. Ein Bild, das sie wohlwissend für lange verfolgen wird, etwas, das nicht nur ein Zitat auf einem Song auf einem Album ist, sondern jetzt bildmächtig um die Welt geht.

Beyoncé ist Feministin.

Die erfolgreichste Entertainerin der Welt ist Feministin. Eine der klügsten und besten Geschäftsfrauen der Welt ist Feministin. Eine der verehrtesten Frauen der Welt, sowohl von Frauen als auch Männern, ist Feministin.

Und sie hat keine Angst davor, als solche identifiziert zu werden.

Aus all den genannten Gründen, und noch vielen mehr, gibt mir diese Tatsache Kraft.

Denn vielleicht wachsen jetzt irgendwo junge Frauen und, vielleicht noch wichtiger, junge Männer auf, die verstehen, erkennen, dass Feministin zu sein nicht bedeutet dass man aufhört als Person zu existieren. Vielleicht erkennen sie, dass man auch als Feministin all die Alltäglichkeiten hat, denen wir uns alle jeden Tag stellen: gute Tage, schlechte Tage, Lust an Sex, Verletzbarkeit, Unzufriedenheit mit dem eigenen Äußeren, Eifersucht, Rumalbern, Dankbarkeit, Liebe. Dieses Vielleicht, das ist etwas, das Wunden heilen kann.

Beyoncé ist Feministin. Ich bin Feministin. Und dennoch sind wir noch so viel mehr.

 

 

Titelbild: Screenshot aus Beyoncés VMA 2014 Performance.