Die Stecknadel im Heuhaufen oder: Wohnungssuche in Hamburg

Hamburg, irgendwo in Hamm, 8.45 Uhr. In 15 Minuten beginnt die Wohnungsbesichtigung. 40qm, 420 Euro warm. 40 Leute tummeln sich bereits vor dem Haus. Als der Termin beginnt, stehen 70 Leute an. Einmal durchs ganze vierstöckige Treppenhaus. Menschen werden in Gruppen in die Wohnung gelassen. Die Spannung steigt.

Die Decke hängt in Fetzen runter. Die Tapete ist alt, sehr alt, vergilbt und ein bisschen eklig. Fußboden? Fehlanzeige. Eine elektrische Heizung steht einsam im Zimmer. Die Wände haben Flecken. Badezimmermontur? Fehlanzeige. Über 50% der Besichtiger füllen den Bewerbungsbogen aus.

Alltag in Hamburg. Eine Wohnung zu finden – und zu bekommen – ist ein Unterfangen, was hier schnell zum Tagesjob ausarten kann. Anzeigen stehen teilweise nur wenige Stunden in Immobilienscout, andere gehen nie online und werden unter der Hand weitergeleitet. Makler sind hier sowas wie die sizilianischen Mafiabosse in Italien – voller Macht und ohne Skrupel. Während ich im Rheinland eine Wohnung ansehe, wenn sie mir gefällt angebe was ich verdiene und eine Bescheinigung beilege, so muss man in Hamburg fast sein komplettes Leben offenbaren.

Name, Alter, Herkunft, Staatsangehörigkeit, Verdienst, Arbeitgeber, Art der Tätigkeit, Familienstand, Kontoverbindung, Grund des Umzugs, Art der gegenwärtigen Wohnung, Mietpreis der gegenwärtigen Wohnung, Adressen der letzten 5 Wohnungen, Tiere, Instrumente, laute Hobbys, und natürlich „Sonstiges“. Schufa Auskunft, Vorvermieter-Bescheinigung und Gehaltsnachweise verstehen sich von selbst. Sonst noch was?

Nach vier Monaten Suche habe ich endlich eine Wohnung gefunden (und auch bekommen). Ich ziehe demnächst ein und bin erstmal überglücklich. Ausziehen werde ich da nur, wenn ich mal ein Kind kriege oder sie mich rausschmeißen. Ha! Für alle anderen Hamburger Wohnungssuchenden hier meine Tipps:

– wenn ihr z.B. bei einer 2-Zi Whg weniger als 1.500 Euro netto verdient, gebt einen Bürgen an (oder bewerbt euch zu zweit). Den Bürgen nicht nur erwähnen, sondern als Mitbewerber angeben! So könnt ihr direkt alle Daten von ihm drauf schreiben. Eventuell kann der Mietvertrag auf den Bürgen ausgestellt werden und ihr werdet der Untermieter des Bürgen. So kann man auch als „Geringverdienender“ eine Wohnung bekommen.

– Haustiere erstmal nicht angeben. Die sind sowieso überall verboten. Werden aber sowieso überall geduldet. Wenn ihr die Wohnung bekommt, könnt ihr das immer noch klären.

– tretet in Genossenschaften ein, bzw bewerbt euch dort. Die haben unglaublich günstige Wohnungen und schicken euch Angebote per Post (ausreichend Zeit vorher einplanen), bspw 65qm, 2 Zi, Loggia, Balkon, Lage Hamm, 500 Euro warm. Krass, oder?

– Finger weg von „Datenbanken“ oder anderen Maklerfirmen, die von euch erst mal Geld verlangen bevor sie euch Zugriff auf Wohnungen geben. Das ist nur Abzocke!

– Wenn ihr euch auf eine Wohnung bewerbt, gebt wenn möglich eure Bewerbung persönlich ab. Nehmt euch Zeit dort vorbeizuschauen, erklärt ein bisschen was, gebt dem Makler/dem Vermieter Zeit euch kennenzulernen. Das hilft ungemein!

– meldet euch bei den großen Wohnungsverwaltungen an dass sie euch Angebote schicken, ruft immer zu Beginn des Monats dort an und fragt nach neuen Kündigungen/Wohnungen: viele werden nie online gestellt und bekommt man nur so!

Das wars erstmal. Ansonsten – viel Geduld, regelmäßig alle Seiten checken, seid freundlich, macht euch Fotos von den besichtigten Wohnungen. Und spart euch die Zeit und bewerbt euch nicht auf alles. Wenn irgendetwas komisch vorkommt, spart euch den Ärger.

Wer sonst noch Tipps hat, gerne her damit.

  • Ich gebe hier einen Tipp weiter, den ich von einem Mietrechtsanwalt bekommen habe: Hamburger Makler lassen sich gern und regelmäßig Geld ‚unter der Hand‘ geben (ja, *zusätzlich* zu ihren ohnehin horrenden Gebühren).
    Einfach in einer stillen Minute (oder wenn alle anderen Bewerber weg sind) dem Makler 500 EUR für die erfolgreiche Vermittlung anbieten. Das scheint die wirksamste Methode zu sein.

    Danach am besten beim Finanzamt anschwärzen. Sobald man eingezogen ist, wohlgemerkt.

  • Das ist natürlich eine Idee. Wenn man das Geld hat zumindest. :)