Die falsche Debatte

himmel

Der Anti-Google Artikel gehört bei der FAZ ja mittlerweile dazu wie der Penis zum Jauch Gast. Seit Monaten lamentieren diverse Autor_innen über die allmächtige Technokratie, bzw. das aktuelle Zusammenspiel von internationalen Konzernen, Forschung und Staat, das sie fälschlicherweise als Technokratie bezeichnen. Das böse Google, das rücksichtslose Facebook, die digitalen Kapitalisten und so weiter und so fort, ständig gibt es einen neuen Artikel zum Thema, damit ja kein Vergessen aufkommt: die omnipräsente latente Dauerbedrohung einer nicht greifbaren gesichtslosen Macht, die nachts heimlich aus dem Handy hervorkriecht und unsere Daten stiehlt und generell unser aller Leben verpfuschen will.

Dazu wurde schon viel gesagt und viel lamentiert, viel diskutiert und analysiert, mal gut, mal weniger gut. Auch ich fand meine Empörung meist ausgelöst durch die undurchsichtige Intention der Schreiber_innen – was genau ist das Problem? Dass es digitale Geschäftsmodelle gibt? Dass wir unser aller Verständnis von Daten und Privatsphäre neu überdenken müssen? Dass unsere Regierung im Kontext der digitalen Revolution sehr weit hinterher hinkt, weiter, als andere Staaten?

Das Bildungsbürgertum in Angst

Doch gestern dann fand ich einen neuen Aspekt, etwas, das es mir nun alles sehr viel schlüssiger erscheinen lässt. Offenbart durch diesen Artikel zu Googles selbst fahrenden Auto, der nur so vor hinkenden Vergleichen trieft, kann ich es jetzt nicht mehr übersehen: in all der Debatte geht es um eine klassische Statusdebatte. Das Bildungsbürgertum wehrt sich mit letzter Kraft gegen die digitale Durchdringung der Gesellschaft, die so viele Nachteile anderer Milieus ausgleichen kann*, und somit den eigenen Status gefährdet.

Nichts hat die Gesellschaft so nachhaltig in den letzten Jahrzehnten verändert wie das Internet. Informationen sind nur ein paar Klicks weit entfernt, Artikel aus großen Zeitungen wie der ZEIT, der FAZ oder meinetwegen der BAMS sind frei nachlesbar. Mit Wikipedia gibt es eine endlose Ressource an Wissen, das mittlerweile selbst an Schulen und Hochschulen akzeptiert ist. Man muss kein Lexikon mehr besitzen, sich im Ausleihsystem der Bibliothek zurecht finden oder ein Abo einer Zeitung besitzen, um sich weiterzubilden. Auf Youtube finden sich Tutorials für so gut wie alles – von Hemden bügeln bis Lidstrich ziehen, von Etikette bei formellen Dinnern bis hin zu Crashkursen zu Opern. Kulturelles Kapital, das große Werkzeug der Abgrenzung und Banner des eigenen Habitus, kann sich – bis zu einem oberflächlichen Grad – schneller angeeignet werden, als je zuvor. Das Wissen des Bildungsbürgertums liegt damit frei verfügbar herum, was bleibt, sind Habitus und Codes in der Interaktion untereinander, die eine letzte Sicherheit von „unter sich sein“ bieten.

Nun ist es nichts neues, dass bestimmte Schichten ihre Privilegien und vor allem ihren Status bewahren möchten, und für ihre Kinder mindestens genauso gute Startmöglichkeiten schaffen wollen. Besonders sieht man dies immer wieder in den unsäglichen Bildungsdebatten, zuletzt in Hamburg, als Mittelschichtsangehörige Bürger_innen mit einer Angstkampagne dafür sorgten, dass Kinder aus bildungsfernen Familien auch weiterhin in vielen Bereichen nicht teilhaben können. Die Intention – die keine böswillige sein muss – ist letztendlich egal, was bleibt, ist die Kraft und Sogwirkung, die das Bildungsbürgertum in seinen eigenen Anliegen entwickeln kann.

Wenn sie sich keine Autos leisten können, sollen sie halt Taxi fahren

Dass es dabei nicht immer ganz logisch zugeht, offenbart der Text von Maak recht gut: Autos, so schreibt er, seien Symbole der Freiheit, ohne Lenkrad sei es kein Auto, Autofahren wäre genießen, und die schlimmen Pendler, nun, die verstopfen nur die Straßen und sollen ohnehin lieber auf den ÖPNV umsteigen – oder Taxi fahren. Das selbst fahrende Auto würde nur Daten generieren, die dann der Staat zur Verfügung hätte (eine interessante Gleichsetzung von Google und Staat, wo doch viel interessanter wäre an dieser Stelle einmal die Anteilseigner der jeweiligen Konzerne – sei es Google, Facebook oder sonst was – zu beleuchten. Doch börsennotierte Unternehmensstrukturen zu durchleuchten, und die privaten Investor_innen auch in Deutschland zu betrachten, ist wohl zu viel des Guten – vor allem, wenn sie wohl aus genau der Schicht kommen werden, die das Bildungsbürgertum so oft bestrebt zu erreichen).

Zurück zu den Autos, dem Lieblingsstatussymbol der Deutschen (nicht ohne Grund, war es doch die Automobilwirtschaft, die nach dem zweiten Weltkrieg das deutsche Wirtschaftswunder mit antrieb – nicht ganz frei von Altlasten, aber, das ist alles ein anderes Thema…). Natürlich ist ein Auto für alle die vor allem ein Mittel zur Selbstverwirklichung, die frei von Zwängen sind. Wer in der Stadt lebt und Ubahnstationen in Laufweite hat, vergisst schnell, wie es ist, auf dem Land zu leben, wo der Bus abends nur noch zwei Mal pro Stunde fährt. Wer nicht pendeln muss, kann nicht erahnen, wie anstrengend dieselbe Strecke tagtäglich ist, wieviel Zeit aufgefressen wird von Staus und wie wenig frei sich Autofahren anfühlt. Wer sich ein neues, umweltschonendes Auto leisten kann, kann schnell auf die dreckigen Altfahrzeuge der 80er und 90er gucken, die anderen Menschen das Überleben sichern. Wer all diese Privilegien genießt, kann ein selbst fahrendes Auto – und die zwangsläufigen Möglichkeiten, die in ferner Zukunft locken – auf Datensammeln reduzieren – und auf ein Lenkrad.

Und in der selben Logik steht man auch all den anderen Errungenschaften der digitalen Welt gegenüber: sein eigenes Netzwerk aufbauen und pflegen, soziales Kapital akkumulieren durch Xing oder Facebook oder Twitter oder Blogs oder Youtube oder … – das ist natürlich leichter zu belächeln, wenn man sich in Netzwerken bewegt, die sich in Gesellschaften bewegen, zu denen weniger privilegierte Gruppen keinen Zugang haben, ob durch fehlende finanzielle Mittel oder den nötigen Stallgeruch. Schon jetzt erleichtern soziale Netzwerke im Netz und Jobbörsen wie Monster oder Stepstone die Jobsuche erheblich. Bewerbungsverfahren lassen sich online recherchieren, in Foren kann man sich austauschen – ohne zu einer Gruppe zu gehören, wo in der Vorgängergeneration noch die Eltern die beruflichen Chancen miteinfädelten.

Die digitale Spaltung, mal wieder

Nun ist klar, dass die Datenakkumulation durch Organisationen wie die NSA (oder den BND) die Freiheit aller Menschen einschränkt (oder zumindest das Potenzial dazu hat), und die Selbstbefähigung verantwortungsbewusst mit den eigenen Daten umzugehen, bleibt ein notwendiges Instrument für die Zukunft. Jedoch komme ich nicht umhin, die vielen repetitiven Artikel nun anders konnotiert zu lesen: insofern, dass bitte die Teile der Gesellschaft, die bisher undurchdrungen von Außenseiter_innen ihrer Privilegien frönen konnten, unbehelligt weiter machen können sollen. Da dabei die meisten Texte aus Sicht selbst privilegierter Autor_innen geschrieben wurden (was ohnehin auch problematischer Teil des Journalismus ist), klammert der Diskurs die vielen Chancen (und Risiken) für alle gesellschaftlichen Schichten jenseits des Bildungsbürgertums oftmals aus.

Die zu stellenden Fragen der Gegenwart sind unbequemer und unangenehmer für eine demokratische Gesellschaft, als uns der Diskurs wahrhaben lassen möchte: wie kann es sein, dass Angebote wie Wikipedia oder Google mehr für die Bildung eines ganzen Generationenteils tun, als die Schule? Wieso bedarf es erst eines Facebooks oder eines Xings, damit sich Kinder aus nicht-akademischen Schichten eigene (professionelle) Netzwerke strukturiert aufbauen und pflegen können? Warum wird das Problem der Monetarisierung von Inhalten im Netz immer wieder thematisiert, und Werbung problematisiert, ohne dabei zu behandeln, warum sich überhaupt ganze Bevölkerungsgruppen gar keinen bezahlten Content leisten können? Wie kann man sich über heftig.co und Bild.de und so weiter wundern und empören, wenn die eigenen Angebote klar in Wortlaut, Aufbereitung und Vermarktung nur an die eigene Schicht gerichtet sind?

Der Diskurs über Google, Facebook und die bösen Großkonzerne ist ein Strohfeuer, das uns von der eigentlichen Problematik ablenkt. Die digitale Revolution gefährdet Privilegien und Status und bietet doch nicht für alle gleiche Chancen. Die digitale Spaltung ist bereits Realität, und wird sich weiter verschärfen, wenn wir nicht gegenlenken. Alle Debatten, die wir führen, sind wertlos, wenn wir nicht unsere eigenen, bildungs- oder klassengegebenen Privilegien dabei berücksichtigen und hinterfragen. Wer kann es sich leisten, Daten zu schützen, Emails zu verschlüsseln und auf Dienste zu verzichten? Wer nicht? Warum nicht? Wer kann es aus Mangel an digitaler Bildung oder Befähigung nicht?

Aber vor allem sollten wir nicht der Mär von Gut gegen Böse aufsitzen, von schrecklichen und absolutistischen Zukunftsszenarien, von falsch eingesetzten Wörtern wie Technokratie. Mit neuen Möglichkeiten, Mitteln und Wegen kommen neue Verantwortlichkeiten. Wenn wir uns jetzt dieser Verantwortung nicht stellen, können wir es gleich lassen.

tl;dr

Es gibt kein tl;dr. Lest den Text.

 

*das Internet ist kein Allheilmittel. Schon allein der Fakt, dass große Bevölkerungsteile immer noch keinen Zugang zu selbigem haben, ist ein Problem. Weiterhin kommen ökonomische, kulturelle und edukative Probleme bei Umgang und Nutzung dazu. Dennoch glaube ich, dass das Netz mehr Potenzial bietet als viele andere Maßnahmen der letzten Jahrzehnte, zuletzt die Bildungsreform der 60er/70er Jahre.

Der Text ist leider nicht in einfacher Sprache geschrieben, und dafür entschuldige ich mich. Verständnisfragen können gerne an mich gestellt werden. 

  • Ich verstehe, dass sich bislang erfolgreiche Unternehmen gegen neue Konkurrenz wehren. Ich verstehe aber nicht: Was genau tut Google für die Unterpriviligierten? Google sind doch nicht die Unterpriviligierten. Das sind auch alles schon vorher Akademiker gewesen.

    Kann die Frage einer gerechteren Welt durch den Wechsel von Unternehmen gelöst werden? Ist Google besser als BMW? Soll die Gestaltung des Netzes nur Google und anderen Unternehmen überlassen werden oder soll man darüber eine gesellschaftliche Debatte führen, so wie es die FAZ auf ihre konservative, priviligierte Art und Weise macht? Regelt der Markt, dass die Unterpriviligierten vom Netz profitieren oder muss es dafür auch gesellschaftliche Abmachungen geben?

    • Mina

      Nein, auf keinen Fall soll das Unternehmen über lassen werden. Es geht eben gerade nicht um Google (und Co.) – das ist ja die ablenkende Diskussion.

    • Auswahltropf

      Google tut viel für Unterpriviligierte, nämlich Wissen und Informationen aus dem Internet für Bildungsferne Schichten aufbereiten und schneller zur Verfügung stellen als jemals zuvor! BMW wird von Leuten aus einer gewissen Schicht gemacht, die teure Autos für Leute aus der eigenen Schicht entwerfen!
      Und Mina, warum sollten wir es nicht Unternehmen überlassen? Die Regierung tut es nicht und ist international wahrscheinlich gar nicht dazu in der Lage!

      • Nutzen aber Menschen bildungsferner Schichten in der Masse dieses Angebot?

        • Auswahltropf

          Natürlich, jeder Mensch mit Internetzugang und einem Anliegen wird mit Google schon weitergekommen sein!

  • Interessanter Beitrag mit einigen beachtenswerten Punkten. Ein Punkt ist allerdings falsch. Das Internet wird nie eine egalitäre Gesellschaft schaffen, sondern nur eine Grundlage für eine neue Elite sein. Es gibt eine interessante Reportage über Google in der eine hochrangige Google Mitarbeiterin zu Wort kommt. Erschreckend an dem Interview ist weniger, was sie sagt, sondern wie sie es sagt. Es erinnert nämlich stark an Äußerungen von Sektenmitgliedern. Naiv und nicht von dieser Welt.
    Und ja, die derzeitigen Eliten fürchten ihren Verlust an Macht und Einfluß. Dies geschah schon oft in der Geschichte, es wiederholt sich nur mit neuen Akteuren.
    Gewiss, dein Beispiel mit dem selbstfahrenden Auto ist gut gewählt. Sicher ist es viel bequemer sich im eigenen Commuter nach Hause fahren zu lassen. Aber genau diese Bequemlichkeit geht einher mit einem Verlust an persönlicher Freiheit. Und für genau diese Bequemlichkeit sind – und waren es schon immer- wir bereit unsere Freiheit aufzugeben.
    Und nein, Schlagwörter wie Technokratie sind nicht falsch gesetzt. Denn die Geschichte der Menschen zeigt nur eines, einige wenige werden immer mit aller Macht dieselbe erringen und ausüben wollen. Wer, wie Google, einer technischen Utopie nachrennt, wird in einer technischen Diktatur aufwachen.
    Geistig sind wir in den letzten 10.000 Jahren nicht einen Schritt weitergekommen.
    Dies wäre aber notwendig, um mit den Herausforderungen von Heute und Morgen fertig zu werden.
    Alles andere sind in der Tat Scheingefechte…

  • birte

    Das ist ein toller Text, vielen Dank!
    Du erwähnst unbequeme Fragen die gestellt werden müssen. Zu einer: „wie kann es sein, dass Angebote wie Wikipedia oder Google mehr für die Bildung eines ganzen Generationenteils tun, als die Schule?“ habe ich mich gefragt: Ist das wirklich so? Braucht es nicht auch Schulen, um die Bildung durchs Netz zu fördern? Können Angebote wie google, youtube und wikipedia nicht als Ergänzung betrachtet werden?
    vg, birte

    • Korrekt. Aus täglicher Erfahrung kann ich behaupten, dass viele Schüler, schichtenunabhängig, schlichtweg zu faul sind die Bildungsangebote zu nutzen und ihre Zeit auf Facebook und Co. verbringen.

  • tseeling

    Interessante Gedanken, klingt aber eher nach Verschwörung und konstruiertem Feindbild.
    Abgesehen davon: an Schulen und Unis ist Wikipedia eben gerade nicht als Quelle zugelassen, aufgrund der fraglichen Qualität und der permanenten Änderungsmöglichkeit.
    Unzweifelhaft ist Wikipedia ein guter Einstieg in ein Thema und Grundlage zum weiteren Recherchieren, aber sicherlich nicht als Arbeitsmittel.

    • Mina

      Eben, Einstieg und Recherchemöglichkeit. Was mehr ist als vorher vorhanden und mehr bietet als die thematische Breite in Schulen.
      Bzgl Zulassung gibt es da unterschiedliche Handhabungen, in Schulen ist Wikipedia teils in der Unterstufe durchaus erlaubt, zumal die Änderungsmöglichkeiten bei Wikipedia doch mit recht großen Hürden (und einer großen Community) verbunden sind.

    • Quellen müssen zum Zwecke der Überprüfbarkeit statisch sein. Wikipedia ist dies -und soll es auch- nicht sein. Mit Qualität hat dies aber nichts zu tun.

      • Text

        Aus meinem Verständnis heraus, wären dann jegliche Internetquellen in wissenschaftlichen Arbeiten hinfällig, da diese aus meinem Verständnis heraus nicht statisch überprüfbar sind. Die Überarbeitung sowie die Löschung von den Seiten ist demnach jederzeit möglich. Habe ich sie hier richtig verstanden?

      • kleitos

        Es gibt zu jedem Wikipedia-Artikel eine Liste von Quell-Verweisen und einen Bereich, wo sich die jeweiligen Ändrungen und die Diskussionen darüber nachvollziehen lassen.

        Und Wissen ist per se nicht statisch ;-)

      • Wikipedia ist insofern statisch, als dass alle Versionen archiviert und einsehbar sind. Sofern man Abrufdaten beifügt, ist auch Wikipedia eine statische Quelle.

    • kein name

      „an Schulen und Unis ist Wikipedia eben gerade nicht als Quelle zugelassen, aufgrund der fraglichen Qualität und der permanenten Änderungsmöglichkeit.“

      Sehen sie lieber Kommentator, sie haben das Problem nicht weitergedacht. ;) Warum ist die Qualität zweifelhaft? Es scheint doch Experten zu geben, die jahrzehntelang zu einem Problem geforscht und sich mit anderen ausgetauscht haben. Die könnten doch die Qualität verbessern, bzw. immer aktuell halten. Tun sie aber nicht. Und zwar wegen der in dem Beitrag angesprochenen Elitenzugehörigkeit und der Abschottung von Wissen gegenüber den „Nichtwissenden“. Das Wikipedia in universitären Kreisen verpöhnt ist, bzw. immer der Vorwurf der Manipulation gebracht wird hängt damit zusammen, dass man seit jeher versucht mit eigenen Begriffen („Ärztedeutsch“) und Konzepten eine eigenständige und hervorgehobene Position zu schaffen und da stört der Pöbel, bzw. wissebegierige Menschen, die u.U. andere Herangehensweisen und Einsichten liefern könnten, aber nicht die nötige rethorische oder „geistige“ Kapazität haben.
      Max Weber nannte das Herrschaftswissen und wenn man sich das Bildungsbürgertum jahrhundertlange im Kampf gegen die pöbelnden Bauern und Arbeiter wehren musste, dann ist das Werkzeug Internet, dass so einfach zu bedienen und verstehen, aber auch schwerer zu kontrollieren ist, wie das Auto die größte Gefahr.

      Warum glauben sie hat man sich im Mittelalter dagegen gewehrt, dass der gemeine Bauer das lesen lernt, geschweige denn erst die Texte vom Lateinischen in die jeweilige Landessprache übersetzen lassen würde.

      Ich mag den Artikel, auch wenn er nicht wirklich eine neue Erkenntnis zu Tage fördert, aber das Problem an der „Debatte“ etwas prononcierte auf den Punkt bringt.

  • name

    „das sein bestimmt das denken“ war so, ist so und bleibt vermutlich so!

    unabhängig von verfügbarer technik, redlicher oder unredlicher berichterstattung über jene technik
    m.e. wesentlich ist und bleibt der mensch.
    erst wenn jeder einzelne im rahmen seiner persönlichen möglichkeiten nicht immer nach „unten“ tritt und nach „oben“ schimpft, ändert sich wirklich etwas.

    wir sollten daher unseren kindern ein vorbild sein und ihnen (neue) wege aufzeigen, wie das eigene „sein“ auch andere positiv beeinflussen kann, ohne die eigenen privilegien hierdurch aufgeben zu müssen und zwar unabhängig davon, welchen stallgeruch man hat oder über wie viel einkommen man verfügt.

    und ja, es stimmt.
    es gibt türen, die verschlossen sind, von denen manch einer gar nicht wusste, das es die (tür) überhaupt gibt!

    nicht das www/ technik ist m.e. relevant, sondern der Mensch

    • Mina

      Ich bin ja eher für Privilegien wo möglich abschaffen.

      • name

        dann mal los!
        ran mit dem Finger an die eigene nase und mit eigenen privilegien anfangen, denn jeder hat welche (in europa wenigstens), wetten?

  • Thema selbstfahrendes Auto:

    Ist es nicht eigenartig, dass die Niedermacher, die insgesamt doch letztlich nur nach dem Gesetzgeber rufen können, auf diesen so wenig vertrauen? Soll es denn kein selbst fahrendes Auto geben dürfen, weil dieses Daten sammelt, ja sammeln muss, um zu funktionieren? Was steht denn einer gesetzlichen Regulierung entgegen, die sich auf die VERWENDUNG DER DATEN bezieht? So nach dem Motto: was für Funktion und Wartung erforderlich ist, ist ok, aber Weitergabe / Weiterverkauf wird untersagt?

    Das wäre doch eigentlich das Nächstliegende. Statt dessen wird die Technik selbst gebashed – ja warum wohl?

    Vermutlich, weil es sich damit ganz ähnlich verhält wie mit dem Thema Surfer-Tracking im Web. Einerseits verdammt man tendenziell das ganze Web und insbesondere Google wegen „Verfolgung“ der User – aber mal einfach zu fordern, dass beim User erhobene Daten nicht gesammelt und/oder weiter gegeben bzw. verkauft werden dürfen, das kommt nicht in Betracht! Man würde sich ja ins eigene Fleisch schneiden!

    Heute mal einen Cookie-Test auf den Startseiten deutscher Großmedien gemacht – immer frisch gestartet mit einem Browser OHNE jeglichen Cookie – hier das Ergebnis:

    WELT.de 134 Cookies (!), BILD.de 122, Focus.de 59, Faz.net 27, Handelsblatt.com 25, Spiegel.de 17

  • KojiroAK

    @ClaudiaBerlin
    Eben, es geht nicht darum ob Daten gesammelt werden, sondern wer sie kriegt. Und Google lässt andere sehr ungern mit seinem Spielzeug (Daten) spielen. Auch wenn das gerne anders dargestellt wird, Daten aus Google raus zu kriegen ist verdammt schwer. Waehrend Verlage auch mal ganze Abonenennten-„Listen“ verhökert haben.

  • Sweetshark

    IMHO verfehlt der Artikel das Kernthema und haelt sich weitestgehend mit Offensichtlichkeiten auf (wie es der Strohmann im Eroeffnungsparagraph erahnen laesst). Sicher: Das Netz hat Barrieren fuer den Eintritt ins Bildungsbuergertum eingerissen. Doch wer ob dieser Offensichtlichkeit die Schampusflasche aufmacht, sich ueber den Wegfall von Privilegien freut und glaubt das wir demnaechst alle wie zumindest wie Bildungsbuerger leben werden und nach Hause geht, greift zu kurz:

    Denn die „Angebote“ des Bildungsbuergertums werden damit zu einem billigem Rohstoff, den man an jeder Ecke bekommen kann. Die im Artikel so vielbeschworenen Privilegien fallen damit in der Tat weg. Es gibt jedoch keine Anhaltspunkte, dass dies zu einer Aufwertung aller zu zumindest des Lebensstandards des Bildungsbuergertums fuehren wird. Tatsaechlich zeigen doch die Vermoegensverteilungen, Reallohnentwicklungen und die Ginikoeffizienten, das im Gegenteil lediglich das Bildungsbuergertum auf den Lebensstandard der Unterschicht gedrueckt wird.

    Wer also bejubelt, dass es mehr soziale Mobilitaet zwischen Unter- und Mittelschicht gibt, verkennt, das sich die Mittelschicht in die Unterschicht bewegt, den Abstand nach oben aber weiter vergroessert und der Anschluss dort vollstaendig abreisst. Die Mittelschicht als „Bindeglied“ zwischen den Schichten und Garant sozialer Mobilitaet faellt damit weg.

    Nun spricht der Artikel durchaus an, das einiges am Ethos des Bildungsbuergertums nicht per se der Gesellschaft als Ganzes zutraeglich ist („Stallgeruch“, Habitus und Kulturelles Kapital), deutet aber andere Effekte wie „digitale Spaltung“ nur schwammig an. Die Brueckenfunktion in der sozialen Mobilitaet ein fundamentales Standbein von stabilen Demokratien ebenso wie das Wertesystem, das durch sie gepraegt wird (das „Bildungs“ im deutschen Bildungsbuergertum macht das ebenso deutlich wie das „life should be better and richer and fuller for everyone, with opportunity for each according to ability or achievement“ des american dream der U.S. Mittelschicht). Gesellschaftlich sind diese Werte und der Glaube an soziale Mobilitaet selbst dann wichtig und hilfreich, wenn die Realitaet diesen Anspruechen an sozialer Mobilitaet nur unzureichend gerecht wird.

    Es bleibt allerdings festzustellen, dass dass Abnahme der sozialen Mobilitaet nicht alleim Internet begruendet ist. Waehrend des kalten Krieges waren beide Seiten um eine nahezu unbegrenzt starke Mittelschicht bemueht, da alle Ueberkapazitaeten in Forschung und Entwicklung und den militaerisch-industriellen Komplex genutzt werden konnten. Die Notwendigkeit dafuer endete weitestgehend mit der Wende. Der folgende Abbau der sozialen Mobilitaet und das Brockeln der verbundenen Wertesysteme erfolgte zunaechst schleichend, das Internet hat diesen Prozess allerdings (wie im Artikel beschrieben) beschleunigt. Die Zentralisierung der Kommunikation auf die Infrastruktur weniger Grosskonzerne ist dabei ebenso Symptom wie Katalysator des Prozesses.

    Da nun der Wertekanon des alten Bildungsbuergertums an Bedeutung verliert, wird ein neuer oder modifizierter Satz von Werten diesen ersetzen. Das muss per se nicht schlecht sein. Wenn jedoch ein paar wenige Konzerne, die nur wenig gesellschaftlicher Rechenschaft schuldig sind, durch ihre zentrale Rolle in praktisch aller Kommunikation diese neuen Werte massgeblich mitsetzen, haben wir allen Grund wachsam zu bleiben.

    • Mina

      Danke für den Kommentar, ich antworte mal ausführlicher, weil ich den Punkt jetzt öfter bekommen habe :)
      Also.
      Es geht in dem Text nicht darum, dass sämtliche Privilegien wegfallen und das Internet(tm) ein Kitt für bereits große Spaltungen der Gesellschaft darstellt – das habe ich allerdings auch versucht durch die Fußnote und andere Paragraphen zu verdeutlichen. Da momentan viele neue Leser_innen hier vorbei gucken, ist wahrscheinlich nicht klar, dass ich mir sehr bewusst bin, wie gerade auch die digitale Welt teils sogar noch Privilegienwahrung erleichtert. Da sei zum einen mal die Wissensklufthypothese zu nennen (sprich: je besser der sozioökonomische Status einer Person, desto mehr profitiert sie von Wissen und Informationen => auf die digitale Welt angewendet wird die Dimension noch mal größer und gewichtiger). Wer dazu mehr wissen möchte, auch was meine Position angeht (ich sehe das sehr kritisch und finde die Netzgemeinde(tm) insbesondere trägt viel zu digitaler Elitenbildung, Abgrenzung und Spaltung bei), dem seien meine Vorträge von der om13 und der rp14 zu Habitus im Netz, Netzgemeinde und digitaler Spaltung (alles hier verlinkt: http://frau-dingens.de/?page_id=2602).

      Die vor allem in Deutschland (auch aber nicht nur im Vergleich zu anderen europäischen Staaten) geringe soziale Mobilität hat viele Gründe, einen davon sehe ich persönlich allerdings in unserem stark sozial filternden Bildungssystem. Das ist auch kein Geheimnis oder eine neue Erkenntnis, allerdings das große schwierige Thema an das sich niemand wagt (wohl auch, weil die Mittelschicht Sturm läuft, sobald eine Bildungsreform ansteht).

      Mein Text, um jetzt kurz abzuschließen, handelt nicht davon dass Google, Facebook oder das Internet(tm) Privilegien abschaffen (schön wärs) oder soziale Spaltungen kitten (wäre noch schöner). Ich zeige eher auf, dass diese neuen Instrumente per se ein Potenzial dazu haben (genauso wie sie ein gegenläufiges Potenzial haben, Spaltungen noch weiter zu vergrößern, siehe Absatz zu Risiken). Das ist für mich der Grund, warum in einem bestimmten Milieu so groß gegen Google etc. protestiert wird, mit trojanischem Pferd, sozusagen. Der Artikel nimmt also eher die Gründe für die Ablehnung eines Milieus auseinander, als dass er aufzeigt, wie schön die neue digitale Welt sein soll.

      In der Hoffnung, dass es damit klarer ist,
      VG :)

      • Sweetshark

        Hi Mina,

        „digitale Welt teils sogar noch Privilegienwahrung erleichtert“
        Ja, genau darum geht es. Und um die Wissensklufthypothese aufzugreifen: Ja, auch darum geht es. Entscheidend aber ist, dass die Bedeutung der Informationsgeschwindigkeit durch das Netz nicht mehr linear, sondern exponentiell uberhoeht ist. Daraus folgt eine Konzentration des Einflusses auf eine Elite, die selbst das Bildungsbuergertum ausschliesst. Weder Bildung noch Habitus ermoeglichen einen Zugang zu dieser „landed gentry“. _Das_ ist der primaere Grund fuer die Proteste gegen „Internetriesen“, und nicht die Angst vor dem Wegfall der Abgrenzung zu den Nichtbildungsbuergern. Damit sind mit Ockhams Rasiermesser keine trojanischen Pferde oder aehnliches noetig.

        Natuerlich ist das Kaempfen des Bildungsbuergertums um Aufstiegsmoeglichkeiten eigennuetzig(*). Dennoch sei zu bedenken, dass eine Gesellschaft ohne solche die Auswahl derer, denen ein sozialer Aufstieg gestattet wird, einem _noch_ kleinen Adelskreis ueberlaesst. Historisch betrachtet waren solche Konstruktionen gesamtgesellschaftlich selten vorteilhaft.

        Lieber Gruss, Sweetshark

        (*) Vorteilhaft fuer die Kommunikation waere freilich eine Wortwahl, die nicht nur das Bildungsbuergertum anspricht. Auch das ist leider kein neues Problem.

      • Und warum läuft die Mittelschicht Sturm? Weil die neueren Reformen alle „unterschichtsfördernd“ sind und da natürlich eine riesige Angst entsteht, dass das eigene Kind hinten runter fallen könnte.

        • @gretabloggt: Auch wenn der Artikel hier einen Zusammenhang suggeriert, haben die Widerstaende gegen Bildungsreformen wenig bis garnichts mit den „Anti-Google-Artikeln in der FAZ“ zu tun.

  • Hallo Mina,

    dies ist wieder ein toller Artikel geworden. Gratuliere!
    Die Entschuldigung am Ende finde ich überflüssig – wer Deinen Blog kennt, kennt auch Deine Sprache, bzw. Dein Sprachniveau – also alles paletti ;)

    Ich glaube, der wichtigste Punkt in der ganzen Debatte ist – Zitat: die Selbstbefähigung verantwortungsbewusst mit den eigenen Daten umzugehen.

    Ich habe schon vor 20 Jahren vor dem allzu leichtfertigen Einsatz von Skype gewarnt – und wurde ausgelacht.
    Es gibt viele Menschen, die den Standpunkt vertreten: mich interessiert nicht, wer meine emails mitliest.
    … und doch würden die wenigsten von ihnen Postkarten für ihre Kommunikation verwenden.
    Im privaten Umfeld sicherlich akzeptabel, aber wenn Skype und Co in Unternehmen verwendet werden und darüber Techniken diskutiert werden, bekommt die Leichtfertigkeit eine andere Tragweite.

    Der geistig reife Mensch braucht sich doch nur zu fragen: wie und warum kann ein profit-orientiertes Unternehmen mir kostenlose Dienste anbieten.

    Die Technik zu verteufeln ist genauso falsch, wie der Fatalismus: mir doch egal, wer meine Daten sammelt. Payback-Karten machen auch nichts anderes. Gesammelte Daten werden mit Rabatten belohnt.
    Den Kommentar von @Salirride finde ich sehr gut. Ich sehe das genauso: Bequemlichkeit steht im Gegensatz zu Sicherheit. Sehr viele Menschen sind bereit, für Bequemlichkeit auf Sicherheit zu verzichten.
    Beispiel @ClaudiaBerlin – es gibt eine Browsererweiterung NoScript – kostet etwas Bequemlichkeit und bietet dafür etwas mehr Sicherheit.
    Geht man mit aktiviertem NoScript auf die Seite Welt.de – dann ist das Ergebnis: 0 Cookies (!)

    Wer um die Hintergründe im Internet weiß, kann auch verantwortungsbewusst mit seinen Daten umgehen.

    • Sweetshark

      „die Selbstbefähigung verantwortungsbewusst mit den eigenen Daten umzugehen“
      Wenn es die gaebe, wuerde das Bildungsbuergertum NoScripten und sich wenig scheren, was jenen passiert die es nicht tun. Der Einsatz von NoScript waere genau der Habitus/das kulturelle Kapital, von dem Mina sprach.
      Doch das funktioniert eben nicht, Siehe z.B.:
      http://mako.cc/copyrighteous/google-has-most-of-my-email-because-it-has-all-of-yours
      oder das was Facebook u.a. ueber Dich weiss, selbst wenn Du Dich dem vollstaendig verweigerst, weil deine Freunde schon genug posten.

    • entejens

      „vor 20 Jahren vor dem allzu leichtfertigen Einsatz von Skype gewarnt“ – dann weiß ich deinen beruf: du bist hellseher ;)
      „Es gibt viele Menschen, die den Standpunkt vertreten: mich interessiert nicht, wer meine emails mitliest.“ das postkartenargument ist für mich heutzutage nicht relevant, da eh viel viel weniger briefe und karten geschrieben werden als noch vor 20 jahren. und es betrifft eh nicht nur mails.
      hier gibt es für mich einen sehr relevanten punkt:
      dieses desinteresse wird letztlich immer garniert mit dem standpunkt „ich habe nichts zu verbergen.“ das wird dann nicht selten auch noch im umkehrschluß angewandt – wer gegen (staatliches) mitlesen (auch in einzelnen bzw. speziellen fällen wie z. b. bei der funkzellenabfrage) ist, der hat was zu verbergen. nun wird dieses „verbergen“ erstmal immer mit (potentiell) kriminellen handlungen verbunden, aber letztlich hat jeder etwas zu verbergen – die eigene privatsphäre! wenn man wohl nicht mal seinen besten freunden beispielsweise seine sexpraktiken, -phantasien und -vorlieben erzählen würde, wieso sollten es dann google, der staat und wer sonst noch gerne zugriff auf all unsere daten haben würde wissen sollen? ich habe mir angewöhnt, den absender des arguments „ich habe nichts zu verbergen“ nach der mailadresse und dem paßwort zu fragen …

  • Der Artikel zum putzigen Google-Auto war tatsächlich humoristisch und fiel auf, wie er auf alten Werten herumritt. Er will offenbar ein Sentiment triggern, das Anti-Google-Gefühl anheizen. Die Angst des „Bildungsbürgertums“ vor einer egalitären Zukunft (das meiner Meinung nach in seiner klassischen Form kaum noch existent ist – wer heute Geld hat, hat meistens keine Bildung, während umgekehrt kein Geld hat, wer Bildung besitzt), diese Angst würde ich aber eher als nicht so doll ansehen, denn die Besitzenden kommen mit den gegenwärtigen disruptiven Verhältnissen _noch_ ganz gut zurecht, besser als die am unteren Ende der Gesellschaft. Die Spitze der Gesellschaft nutzt das Netz sehr produktiv, eher fortschrittlich und mehrwertbezogen und fürchten sich höchstens vor der politischen Instabilität, die neue, nicht steuerbare Öffentlichkeitsformen mit sich bringen.
    Aber warum schürt der Artikel das antitechnologische Ressentiment? Dazu muss man ins Handelsblatt schauen. Inzwischen ist nämlich auch die deutsche Industrie aufgewacht. Tesla, das Google-Auto und die heftigen Investitionen Googles in Roboter-Technologien betreffen Stammgeschäftsfelder der deutschen Industrie. Da überschreitet Google eine rote Linie. Und da liegt das Motiv, warum dieser Artikel geschrieben wurde, nicht wegen irgendeiner Gefühlsaufwallung. Sas Sentiment-Schüren ist nur Mittel zum Zweck, um den öffentlichen Resonanzboden für die diversen konkreten Pläne zu bereiten, die amerikanische Internet-Industrie zurückzudrängen (da laufen schon einige Initiativen, auch die Stärkung des europäischen Datenschutzes wird ja nicht nur von irgendwelchen Anti-NSA-Gruppen und leidenschaftlichen Privacy-Verfechtern gefordert, sondern auch von deutschen DAX-Konzernen).
    Das Interesse der FAZ ist wiederum ein eigenes – die Zeitungen wollen die Industrie ins Boot holen, um ihr Erpressungspotenzial gegenüber Google zu erhöhen, denn in der Politik und vor hohen Gerichten haben natürlich die „gesamtwirtschaftlichen“ Belange ein anderes Gewicht und mehr Dringlichkeit als die Nischenprobleme der Medienindustrie.
    Die Verlagskonzerne führen ihren Feldzug ungeheuer geschickt, weil sie sich Artikel für Artikel weitere Verbündete herbeischreiben und Leuten wie Sigmar Gabriel und Martin Schulz auch schon beachtliche Commitments abgerungen haben. Insofern handelt es sich nicht um Nachhutgefechte des geschlagenen „Bildungsbürgertums“ – das scheint nur so -, sondern um einen weiteren Nadelstich einer strategisch aufgezogenen Kampagne, die diverse kleine und große wirtschaftliche Interessen bündelt, um der Übermacht der amerikanischen Internetkonzerne etwas politisch/rechtlich entgegenzusetzen.
    Ob das richtig oder falsch ist, weiß ich nicht. In düsteren Stunden kann sich jeder ausmalen, wie Google in den nächsten 30 Jahren zum globalen Hyper-Konzern aufsteigt und dies auch dadurch erreicht, dass der Konzern sich als imperiales Machmittel des amerikanischen Staates unentbehrlich macht. Die machen auch mit der Politik ihre schmutzigen Deals.
    Die spanndende Frage für Blogger und sonstige Bodendecker ist in meinen Augen, ob man da noch etwas anderes tun kann als sich eine Tüte Popcorn zu kaufen und zugucken, was bei diesen Titantenkämpfen am Ende herauskommt?

    • „wer heute Geld hat, hat meistens keine Bildung, während umgekehrt kein Geld hat, wer Bildung besitzt“

      Danke für diesen Lacher am frühen morgen! Erfrischende Ehrlichkeit! Das muss ich demnächst bei einem bestimmten Familienmitglied mal bringen und die Reaktion abwarten. :D

  • Andre

    Ich glaube die Sache ist so, Du nimmst an, Deine Leser haben Ressentiments gegen das Bildungsbürgertum, und schreibst nun, dass das, was sie schreiben, eine Verteidigung einer untergehenden Klasse und ihrer Befindlichkeiten ist. Bleibt die Frage, was an Bildungsbürgertum schlecht ist und warum dieser Wandel begrüßenswert sein soll. Mir ist lieber es grenzen sich Leute über ihre Bildung ab als durch ihre Fäuste oder ihre Armbanduhr. Per se finden ich die Idee eines Bildungsbürgertums super. Abgrenzungen wird es immer geben, was man sich aussuchen kann ist nur die Front, die man selbst bezieht. Mit einem Bildungsbürgertum geht jedenfalls keine Berlusconi-artige Entkernung des poltiischen Diskurses. Berlusconi ist quasi der Heros des Kampfes gegen die Werte eines Bildungsbürgertums. Ein Staatschef der Lieder singt, schlüfrige Witze macht und Hochkultur massiv zusammenstreicht, um eine Art zynische Herrschaft eines Proletmilliardäriats zu etablieren, und staatliche Institutionen zum eigenen Vorteil korrumpiert, und dabei Held des kleinen Mannes bleibt. Oder denken wir an die T-Party und Republikaner in den USA, die ja nichts gemein haben mit „konservativen“ Bildungsbürgern, die selbst auf der Rechten alle Marx gelesen haben. Berlusconi funktioniert auch wie ein Youtube-Star.

    Kann der digitale Wandel eine Art hölderlinschen Traum von Erleuchtung bringen oder zieht es uns in einen Sumpf des passiv aggressiven, negativen Diskurses, der dann auch – siehe Piraten – realweltlich keine gute Figur abgibt, sondern Menschen emotional herabzieht, ausbrennt und niederdämmert?

    • Mina

      Soziale Spaltung und Abgrenzung ist super? Ja, nee, danke aber nein danke.

    • entejens

      „Mir ist lieber es grenzen sich Leute über ihre Bildung ab als durch ihre Fäuste oder ihre Armbanduhr. Per se finden ich die Idee eines Bildungsbürgertums super.“
      ja sicher ist es gut, wenn menschen sich nicht durch gewalt voneinander abgrenzen. nur ist nicht die „teure armbanduhr“, die du sicherlich meinst, gerade auch ein ergebnis des bildungsbürgertums? (ja, es gibt auch noch was „oberhalb“ des (bildungs-) bürgertums, aber darüber wird ja hier nicht diskutiert) und der sich daraus ergebenden finanziellen möglichkeiten?
      da bin ich auch bei einem anderen punkt: das bildungsbürgertum ist eine idee? ich denke eher, die entstehung dessen hat was mit der materiellen stellung in der jeweiligen gesellschaft zu tun: z. b. früher wie heute die möglichkeit, privatunterricht zu kaufen. man schaue sich doch auch mal die „mitglieder“ der sogenannten bildungsfernen und -nahen gesellschaftsschichten an. wobei ich den begriff „schichten“ eh ganz bescheuert finde, leider gibt es wohl keinen besseren, d. h. trennenderen.
      btw.: warum sollen sich menschen überhaupt auf solchen ebenen abgrenzen? wieso ist es für viele studierte unter ihrer „würde“, eine/n nichtstudierte/n partner/in zu haben (von denen mal abgesehen, die die partnerin eher nur als hausfrau betrachten, was ja aber glücklicherweise geringer geworden ist)? wieso verknusen es so manche männer nicht, wenn die frau mehr verdient?

  • „Die Spitze der Gesellschaft nutzt das Netz sehr produktiv, eher fortschrittlich und mehrwertbezogen“
    Hm, ich hätte mich jetzt nicht zur Spitze der Gesellschaft gezählt, aber ja, genau so nutze ich das Netz.

    Der Film „Staatsfeind Nr. 1“ hat 1998 (also lange vor Snowden) schon aufgezeigt, dass Behörden – wenn sie sich festbeißen – sich einen feuchten darum scheren, was erlaubt ist.
    Getan wird, was machbar ist. Punkt.
    Gleiches zeigen auch die Bourne-Filme ebenso wie die Snowden-Enthüllungen. Zudem gibt es auch reichlich Beispiele, wie deutsche (Kriminal-)Polizisten den Überwachungsstaat für private Zwecke missbraucht haben.

    Wo auch immer Menschen beteiligt sind, gibt es Fehler genauso wie Missbrauch. Wer weiß, was machbar ist, lernt auch die Verantwortlichkeit für sich und seine Daten selbst zu übernehmen.

    Ich habe weder was mit Bildungsbürgertum noch mit privilegierten Zirkeln oder gar Ausgrenzung am Hut. Ich lebe einfach ganz bewusst und zu Risiken und Nebenwirkungen frage ich weder meinen Arzt noch Apotheker, sondern einfach nur mein Gewissen. Unter meinen Brieffreunden ist kein einziger mit gmail-Adresse. Das ist kein Zufall – sondern bewusste Entscheidung (aller Beteiligten!).
    Gegen das ungewollte Eingespannt-werden für subtile Machenschaften hilft, sich vielfältig zu informieren. Ich lese täglich 3-4 Zeitungen und entscheide selbst, wem ich was abnehme.

    Man kann sehr wohl geistig wach durchs Leben gehen.

    • Mina

      Jeden Tag Zeit haben, 3-4 Zeitungen zu lesen, die Möglichkeit, sich seine Freunde nach Adresse auszusuchen – und dann sagen, man hätte keine Privilegien :> schön schön. Inwieweit Kino jetzt was mit meinem Text zu tun hat ist mir unklar, ich würde aber einfach mal Herr der Ringe reinwerfen, das passt immer.

      • entejens

        hallo Mina,
        daß Django die zeit hat bzw. sich die zeit nimmt, täglich 3 bis 4 zeitungen zu lesen, ist freilich ein privileg – aber keines, was man ihm vorwerfen sollte.
        und ich kann aus seinen zeilen nicht herauslesen, daß er sich die „Freunde nach Adresse“ aussucht – seine brieffreunde haben aus ihrem verständnis heraus bewußt keine adresse bei gmail. das hast du wohl falsch interpretiert …
        er hat auch nicht gesagt, daß er gern ins kino geht, er hat filme genannt, die recht deutlich die gefahren neuer technologien zeigen, wenn sich z. b. der staat umfassenden zugriff auf jegliche informationen, die sich aus diesen technologien ergeben, verschafft. und auch die privatwirtschaft ist mit sicherheit an so manchen informationen und daten von mitarbeitern oder (potentiellen) kunden interessiert – damit meine ich nicht cookies usw. sondern gesundheitsdaten, finanziellen daten usw. eine generelle skepsis gegenüber datensammelnden einrichtungen ist also durchaus angebracht (verbunden mit datensparsamkeit).

        • Mina

          Ich werfe niemandem vor, dass sie Privilegien hat. Dass man sie abstreitet, ist allerdings etwas anderes, etwas, das man auch jemandem vorwerfen kann, wie ich finde. Vor allem, wenn die privilegierte Person selbst so belesen ist.

          • entejens

            nur: wo hat er sie abgestritten? ;)
            er hat gesagt, daß er mit „weder was mit Bildungsbürgertum noch mit privilegierten Zirkeln oder gar Ausgrenzung am Hut“ hat – wo steht da was von abstreiten? im gegenteil, ich lese daraus, daß er gerade nicht in solchen kategorien denkt. und wieso schreibst du „sie“ wo Django doch ein „er“ ist, wie man auf der verlinkten seite erkennen kann? ;))

            (das thema „kino“ hast du wohl versehentlich vergessen?)

          • Mina

            weil ich offensichtlich nicht so viel Zeit habe wie du.

  • Georg

    Ja, Veränderungen haben oftmals das Potential manchen Leuten ihre Privilegien zu nehmen. Dagegen wehren sich diese oftmals. Früher führte eine Veränderung vermutlich nicht nur zum Entzug der Privilegien, sondern noch zu viel mehr, bspw. zum Tode. Das wird heute wohl weniger zu befürchten sein, aber ich denke auch nicht, dass sich halbwegs aufgeklärte Schichten wie das Bildungsbürgertum, bewusst gegen den Aufstieg anderer Schichten in ihre Spähren wehrt. Das wird eher unterbewusst geschehen, den meisten ist wohl nicht klar, was sie innerlich antreibt, wenn sie gegen Gesamtschulen sind, die ja angeblich die schlauen Kinder nicht ausreichend fördern (so etwas wird ja aber auch oftmals kritisiert, die unterschiedlichen Bildungschancen abhängig vom Elternhaus). Und dieses Unterbewusstsein wirkt dann weiter in Ablehnung auf Google, Facebook & Co (so, jetzt wäre das Unterbewusste deiner Theorie zugefügt).

    Ich würde mich nicht zu diesem Bildungsbürgertum oder einer gehobeneren Schicht zählen. Weder vom Elternhaus aus, noch von der aktuellen Situation. Als halbwegs gebildet (höchster Abschluss Fachhochschulreife) würde ich mich trotzdem bezeichnen. Und da muss ich sagen, dass auch ich von dem Potential das Google und Co. haben, eine gewisse Angst haben und sehe das überhaupt nicht als Ablenkung vom einem eigentlichen Thema namens „Privilegiensicherung der gehobeneren Schichten im digitalen Zeitalter“. Vielleicht wurde mir das durch Lesen einzelner Artikel der Zeit, FAZ, Süddeutsche, taz, usw. ins Unterbewusstsein eingetrichtert. Kann sein.

    Aber viel schlimmer als eine Privilegiensicherung einer recht breiten Schicht (welche es schon einige Zeit gibt), sehe ich den Aufbau von einem Privilegienimperium in Händern weniger (recht neu die Datensammler von o.g. Google, Facebook & Co.) um einiges kritischer. So gesehen könnte man sagen, dass ich lieber in einem Drei-Kasten-System leben möchte als in einer Welt in der alle die gleichen Chancen haben, aber auch alle kaum/keine Freiheit mehr haben und durch einen/ein paar Diktatoren regiert werden (ja, zur Veranschaulichung vielleicht ein wenig übertrieben).

    Statt sich also an den Kritikern von Google & Co. aufzureiben, sehe ich mehr Chancen, wenn diese Energie dazu aufgewendet werden würde, das deutsche Bildungssystem zu verändern.

    • Caro

      Statt sich also an den Kritikern von Google & Co. aufzureiben, sehe ich mehr Chancen, wenn diese Energie dazu aufgewendet werden würde, das deutsche Bildungssystem zu verändern.

      Das von Georg damit Gesagte kann ich nur unterstützen: Mir fällt auf, dass einige Protagonisten (Michael Seemann etc.) dieses Diskurses immer wieder den Datenschutz oder die Privatheit zum Feindbild erklären, weil damit angeblich Privilegien gesichert werden. Die Schutzfunktion für Minderheiten und Stigmatisierte wird von ihnen nicht beachtet wenn nicht sogar negiert. Die Debatte sollte sich deshalb nicht um Datenschutz und Google & Co. drehen, sondern um Macht und Herrschaft, die auch natürlich auch durch Konzernstrukturen aber eben auch durch das Bildungssystem gefestigt werden. Für eine alternativen Bildungsmöglichkeit ist das alleinige Abstellen der „Internettheoretiker“ auf digitale Welt jedoch kontraproduktiv.

      • Mina

        Wie man es macht, man macht es falsch :) Aber ich beziehe das jetzt mal nicht auf mich, das würde nur davon zeugen, dass Menschen mich überhaupt nicht kennen und keine Ahnung haben, was ich beruflich und privat alles so mache.

    • entejens

      „halbwegs aufgeklärte Schichten wie das Bildungsbürgertum“ – leider besteht letzteres nicht nur aus der ersteren gruppe (siehe verweis auf hamburg)

  • 386sx

    Soso, durch Xing, Facebook und Google lassen sich also bestehende gesellschaftliche Barrieren überwinden? Eine steile These. Nur weil ich mit 500 Personen ‚vernetzt‘ bin, bedeutet es nicht automatisch, dass ich Zugang habe zu Kreisen, die sich in welcher Form auch immer abgrenzen.

    Das kaputte Bildungsystem dieses Landes wird nicht durch Wikipedia gerettet und Umweltprobleme nicht durch weitere Evolution des Individualverkehrs gelöst. Ganz gleich ob mit oder ohne Lenkrad. Wäre es nicht sinnvoller das ÖPNV-System zu reformieren und so utopisch das klingen mag, kostenlose Öffis zu schaffen, wie es einige Staaten und Stätdte getan haben?

    Wie genau soll uns Google und Co. bei der Abschaffung des undurchlässigen, föderalen Bildungsystems helfen? Glaubst du wirklich, dass durch die theoretische Möglichkeit auf Wissen zuzugreifen automatisch mehr Wissen aufgenommen wird? Was und in welcher Form hat Google und Wikipedia etwas für die Bildung der heutigen Generation getan?

    Wird Xing & Facebook es ändern, dass eine BewerberIn mit ausländisch klingendem Nachnamen 8 Mal so viele Bewerbungen schreiben muss? Ich glaube nicht. Da hilft weder Stepstone noch Monster.
    Die hier zu Weltrettern und Opfern stilisierten Konzerne sind dominiert von alten weißen Männern. So viel zur Durchlässigkeit, Zugang und disruption von alten Strukturen.

    Das Geschwurbel von der ‚digitalen Revolution‘ legitimiert einen Umgang mit unseren gesellschaftlichen Errungenschaften, der nur in einer Revolution zulässig wäre. Wie Herr Maak treffend analysiert, wird mit Hilfe dieser ‚Revolution‘ unsere Selbstbestimmung immer weiter ausgehöhlt.

    Es ist eine durchaus bedenkenswerte Entwicklung, dass sich immer mehr Leute freiwillig von ihren Versicherungen überwachen lassen oder ihr Leben konstant vermessen, um sich finanzielle Vorteile zu sichern oder schlicht ihr Ego zu streicheln. Wo in diesem Artikel so viel von Abgrenzung und Eliten geschrieben wird: wie schütze ich mich gegen die Abgrenzung, die dadurch entsteht, dass ich nicht tracke, wie viel Sport ich (nicht) mache und wie gesund ich mich ernähre?

    Im letzten Absatz wird ein wichtiger Gedanke aufegriffen, richtige Fragen, die eine falsche Antwort suggerieren. Eine Infrastruktur wie ‚das Internet‘ wird niemals Bildungsunterschiede ausbügeln und sie auch nicht nachhaltig verstärken können. Es lesen immer noch Millionen täglich die Bild. Noch mehr lesen bild.de. ARD, RTL, ZDF und Pro7 sind immer noch die wichtigsten Meinungsmacher in diesem Land und das ist ein politisches Problem, keins das durch den sogenannten ‚digitalen Diskurs‘ gelöst werden kann.

    Leider klingt das alles nach dem, was es kritisieren möchte. Totale Selbstüberschätzung einer selbsternannten ‚digitalen Elite‘, die selbst gesellschaftliche Gräben versursacht und kein Interesse hat, ‚das heilige Internet‘ mit Leuten zu teilen, die nicht zu ‚digital Natives‘ oder der großartigen deutschen Blogger-community gehören. Ebenso abgehoben wie die Premiummarken-FahrerInnen und die Priviligierten die hier kritisiert werden.
    So lange Leute belächelt und verachtet werden, die die ganzen tollen Errungenschaften der ‚digitalen Revolution‘ (mir wird jedes Mal ein wenig schlecht wenn ich das schreibe) nicht nutzen können oder schlicht wollen, und kritische Auseinandersetzung mit der Materie als Technikfeindlichkeit und Elitenrettung gesehen wird, werden die Gräben größer.

    Dass unsere Qualitätsjournalismus stiftenden Verlage es verpasst haben, sich den Gegebenheiten der Medienwelt anzupassen und die anti-Google-Kampagne erbärmlich ist, ist ein anderes Thema. Es gibt sehr vieles wofür man Konzerne wie Google kritisieren kann, aber mit Sicherheit nicht dafür, dass sie den völlig anachronistischen Werbemarkt durch Innovationen aufgemischt haben und ihre Geschäfte zu ihren Gunsten zu lenken versuchen.

    • Mina

      Leider wurde mein Text nicht/falsch verstanden. Hab das an anderer Stelle genug ausgeführt, daher lasse ich es hier. Bitte um Verständnis dafür, danke.

      • entejens

        es liegt in der natur der kommunikation, daß aussagen resp. texte falsch oder nicht verstanden werden. da aber nur darauf zu verweisen, daß man „an anderer Stelle genug ausgeführt“ hat ohne den möglichen link oder hinweis mitzusenden, ist eher destruktiv, weil man gar nicht weiß, was du jetzt konkret meinst und wo man das findet. das kann eine quelle weiterer mißverständnisse sein. :(

        • Mina

          Die Links sind alle hier auf der Seite zu finden. Viel Spaß!

      • entejens

        p.s.: ich stimme übrigens vielem in deinem artikel zu ;)

  • Sehr schöner Artikel! Steinmeier, der bei der SPD eher zu den Konservativen zählt und mit Internet nichts am Hut hat, sagte bei einer offenen Veranstaltung der SPD-Bundestagsfraktion, dass man im Kopf behalten solle, dass wegen des Internets Politker und Journalisten um ihren Alleinvertretungsanspruch in der Demokratie kämpfen würden.
    Um bei der SPD zu bleiben: echte Sozen haben früher für Arbeiterbildung und Gymnasien/Hochschulen im Ruhrgebiet gekämpft. Also für ein Durchlässigermachen der gesellschaftlichen Schichtung. Heute ist es bei den Arrivierten chic, über Google und Facebook die Nase zu rümpfen, statt anderen Schichten als der eigenen, bildungsbürgerlichen maximal Chancen zu erkämpfen. Genau deshalb trifft der Artikel ins Mark.

  • hps

    Interessante Perspektive, guter Artikel. Übrigens:
    „Wer in der Stadt lebt und Ubahnstationen in Laufweite hat, vergisst schnell, wie es ist, auf dem Land zu leben, wo der Bus abends nur noch zwei Mal pro Stunde fährt. “
    There, I fixed it:
    „Wer in der Stadt lebt und Ubahnstationen in Laufweite hat, vergisst schnell, wie es ist, in einer Kleinstadt zu leben, wo der Bus abends und sonntags gar nicht fährt, werktags zwischen 7 und 18 stündlich, Samstags zwischen 9 und 17 Uhr im 2h Takt.“
    Von „auf dem Land“ wollen wir doch nicht ernsthaft anfangen, oder?

    • Mina

      Bei mir war das früher so, aber sicherlich ist es mittlerweile schlimmer. Wenn das der wichtigste Kritikpunkt ist, kann ich damit gut leben.

  • Trulla

    Natürlich bedroht das Internet auch den Monopolstatus des „Bildungsbürgertums“, wie es sämtliche andere bisherige Öffentlichkeitsmonopolisten wie Presse, Fernsehen, Politik, Unternehmen usw. in der öffentlichen Kommunikation bedroht. Wobei der Einfluss des Internets auf die Popularisierung von Wissen vielleicht auch überschätzt wird. Es stellt sich die Frage, ob die Massen (in Relation zum das Internet ja ebenfalls nutzenden Bildungsbürgertum) das Internet tatsächlich so sehr viel mehr für Bildung nutzen oder inwieweit nicht vor allem für Kommunikation (Chat, Facebook), Gaming, Pornos und ähnnliche Vergnügungen.
    Popularisierung von Bildung ist also nicht unbedingt der entscheidende Gegensatz zwischen FAZ und Internetunternehmen, zumal ich es auch gar nicht mal für so sicher halte, dass das Bildungsbürgertum grundsätzlich Ressentiments gegen die Popularisierung von Bildung hat. Das Ideal des echten Bildungsbürgers ist schließlich Bildung, also auch die Bildung aller und eine allgemeine Aufgeschlossenheit gegenüber Bildung.

    Nein, der Gegensatz scheint mir ein viel simplerer. Es ist der Gegensatz der durch das Internet bedrohten Printpresse zur gesamten digitalen Sphäre – zum Internet. Das ist ihr eigentliches Ressentiment, weniger das vom Bildungsbürgertum zum Internet. Es ist das Ressentiment des sich bisher in der gedruckten Presse entäußernden Bildungsbürgertums gegen das Internet – die Existenzangst der von stetigem Auflagenschwund bedrohten Tagespresse. Der Grundwiderspruch ist also das Fremdeln bisheriger Printjournalisten mit dem Internet und ihre weinerliche Ratlosigkeit bei der Transformation des Journalismus in die digitale Sphäre.

    • Mina

      Zum angeblichen Konflikt zwischen Print- und digitaler Presse habe ich auch schon geschrieben, ist im Text sogar verlinkt, bei Interesse. Sehe das etwas anders.

  • paysano

    „wie kann es sein, dass Angebote wie Wikipedia oder Google mehr für die Bildung eines ganzen Generationenteils tun, als die Schule?“

    Lesen, schreiben, rechnen. Kommunikation unter Anwesenden. Subtile Thematisierung von (digitalen) Selbst-Regimes, der Organisationfrage der Macht, des „right to be vulnerable and not to be attacked“.
    Besser im dead storage docuverse oder im Video-Tutorial zu lernen? Oder doch im konkreativen (Zweit)-Sprachenunterricht, der AG meiner Wahl, in Projekten der Jugendarbeit und bei der Vereinsmeierei von Türk Gücü? Was ist ein geeigneter (sozialer) Ort für ein konsequenzloses Probehandeln, für Rekonstruktion und Rekonstitution?
    Mein Philo-Lehrer im sozialen Brennpunkt, ein erwachsengewordenes Arbeiterkind mit Migrationshintergrund hat immer gesagt, „man kann den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun“. Ich glaube heute, er adressierte mich in meiner revolutionären Ungeduld. Die Versuchung, das Ressentiment dabei im Modus des Ressentiments zu desavouieren ist groß.
    Die Folge der „information bomb“ ist zweifelsohne die Versprengung vieler bei der Neuformatierung von Gesellschaft. Und die Reaktion geht zunächst ausnahmslos über die Verknüpfung von Identität und Gewalt. Ich fürchte nur die Formate des Feuilleton oder des Blogs sind wenig geeignete Orte des öffentlichen Vernunftgebrauches für ein diese Dynamik transzendierendes Gespräch, das einen in die Vorentscheidungen seiner fundamentalen Positionen führen kann. Es geht vielleicht weniger um Einlassungen als um „sich einlassen“. Nicht um Vereinheitlichung, sondern um „Verbesonderung“. Nicht Auseinandersetzung, sondern Hebung der Dimensionen. Und die zu bemessende Teilhabe einer Wohlstandsgesellschaft ist letztlich unterschieden vom Wohlergehen beim Sprung in eine andere Welt. Glück, Eros und Spiel kommen vielleicht doch jenseits von „Endgeräten“, sowie nach Identität noch Idemität und nach der De-Portation noch die Heimkunft kommen kann: Erst der hierin behauste Mensch kann ein friedlicher Mensch sein.

  • Sweetshark

    Dies:
    [Link entfernt, weil nicht funktioniert und deswegen nicht nachprüfbar für mich. Gerne nachreichen – Mina]
    sollte man in dem Zusammenhang uebringens auch gerne nochmal lesen.

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