Denn sie wissen nicht, was sie tun

Die gegenwärtige Form des deutschen Netzaktivismus ist gescheitert. Zeit, sich nach Alternativen umzusehen.

Wer sich ein bisschen mit dem deutschen Netzaktivismus, oder allgemeiner der deutschen Internetszene – also allen, die irgendwie öffentlich dazu sprechen, schreiben, sich engagieren – auseinandersetzt, die merkt schnell, dass die üblichen Verdächtigen, die sich dazu äußern, ein relativ kleiner Kreis sind. Auch die Themen sind auch nach Jahren des Wandels und digitaler Revolution unseres täglichen Lebens immer noch die gleichen: Freiheit im Netz und alles was damit verbunden ist: Netzneutralität, der Kampf gegen Überwachung (VDS, NSA) oder Zensur (Netzsperren). Es gibt diverse gestartete Petitionen und immer wieder kleinere Demos, wirklich etwas erreichen tut hier niemand, und auch thematisch gibt es im breiten Diskurs keine Öffnung in Richtung digitale Spaltung, Schutz vor Diskriminierung im Netz oder Ausschlüssen.

Wie schon des Öfteren richtig analysiert liegt ein Hauptproblem darin, dass einfach keine kritische Masse mobilisiert wird – erst recht nicht, weil sie gar nicht erst erreicht wird. Bis auf eine Ausnahme – bei den ACTA Demos gingen hunderttausende auf die Straße, angespornt durch ein oft verbreitetes Video, das faktisch nicht ganz sauber, aber motivational astrein war. Gepaart mit der Unterstützung von populären Menschen, die eine ganze Gruppe von Menschen erreichten, wurde der Aufruf zum Erfolg. Nein, diese populären Menschen waren kein Lobo, kein Fefe, kein Beckedahl, keine Weisband.

An dieser Stelle frage ich gerne, ob Leute wie Gronkh und Sarazar bekannt sind. Wie sieht’s aus mit Y-Titty? Coldmirror? Oder, internationaler, Dan und Phil? Laci Green? John und Hank Green? Die Idole im Internet sind längst nicht mehr auf Musikerinnen oder Bands und Schauspielerinnen beschränkt. Youtube, Twitter und Tumblr sind Kanäle, die eine ganze Generation besser erreichen als es Statistiken erahnen lassen. Viele von ihnen nehmen sich zunehmend auch gesellschaftlichen Themen an. Die zugehörigen (internationalen) Debatten auf Tumblr und Youtube sind oft um ein vielfaches weiter als die deutschen Feuilletons (und wahrscheinlich auch weiter verbreitet).

Was hat das jetzt mit Netzaktivismus zu tun? Nun, zu sagen eine ganze Gruppe, eine ganze Generation an Menschen würde sich nicht für gesellschaftliche Themen interessieren oder könnte gar nicht erst erreicht werden, weil sie „nur auf Youtube rumhängen“, ist ein gefährlich ignorantes Statement. Das Potenzial sich für etwas einzusetzen und andere aufzuklären, ist definitiv da. Doch dafür müsste sich die deutsche Netzszene selbst ändern – mittelalte, politisch mehr oder weniger aktive alte Männer Menschen, die in Feuilletons schreiben oder bei Jauch sitzen, erreichen eine akademisierte Filterblase, deren Habitus so deutlich wie anstrengend sein kann. Eine kritische Masse ist sie jedoch nicht. Die eigenen Themen als unabdingbare Prioritäten zu setzen gefährdet den Anschluss an ganze Milieus und verhindert eine so dringend benötigte Öffnung.

Zeit für mehr Popkultur – und die kann nur von außen kommen. Zeit, sich zu öffnen – in Themen, Medien, Repräsentanz.

 

Auf der re:publica werde ich am 07. Mai um 11:15 Uhr ausführlich über die sogenannte Netzgemeinde und ihre Probleme sprechen.