Beischlaf, Arzneimittel und Popularmusik – Teil 2

Ich bin wahrlich keine passionierte Geschichtenerzählerin… mir reicht es oft, Erlebtes für mich zu behalten und mich daran zu erfreuen. Bei den paar wenigen Tour-Geschehnissen, die ich jedoch miterleben durfte, verrate ich immer mal wieder gern das ein oder andere Detail und das obwohl Regel #1 auf Tour ist: „What happens on tour, stays on tour!“ (Dt.: „Was auf Tour passiert, bleibt auf Tour!“).

In meinem ersten Teil habe ich euch vorrangig von meiner ersten Bus-Tour erzählt, aber als ich im September 2010 unterwegs war, sahen die Dinge schon etwas anders aus. Ich war dann mit einer amerikanischen und einer englischen Electro-Rock-Band in verschiedenen Städten Europas und DAS war dann so richtig spaßig, wobei es mit Sicherheit nicht nur daran lag, weil ich selbst großer Fan beider Bands war/bin und jede Minute genoss, für diese zu arbeiten und täglich ihre Konzerte sehen zu können. Es waren auch die vielen Feten, das Fußballspielen der Bands mit Fans, das lässige Arbeitsklima und die tollen Städte, die dazu beitrugen.

In dieser Zeit durfte ich außerdem einen der tollsten Menschen, denen ich je begegnet bin, kennenlernen – meinem „Merch-Buddy“, also Kollegen am Merch-Stand, mit dem ich mich auf Anhieb blendend verstand und mit dem ich bis heute eine Freundschaft hege. Hinzu kam, dass die gute Mina, bekannt als Oberhaupt dieser Seite hier, auf drei der zehn Konzerte dabei war und wir zusammen den Merch-Stand aufmischten und lachten.

In Köln beispielsweise, wo das Konzert in einem kleinen abgeranzten Club stattfand, wir aber danach auf der Partymeile der Stadt noch feiern waren. Beim Cocktail-Trinken fiel mir blöderweise auf, dass ich meinen Ausweis nicht dabei hatte. Die Türsteher vom Nebenclub, in dem der Schlagzeuger der englischen Band gleich Karaoke singen wollte, waren nicht sehr freundlich und wollten mich ohne Ausweis nicht reinlassen. Mit leicht verändertem Aussehen (Blume aus dem Haar und mit Jacke), schlich ich mich dann schließlich irgendwie an den Männern vorbei und konnte der herausragenden Performance von „Total Eclipse Of The Heart“ zusehen.

Einen Tag später in Hamburg fand ich dann meinen Ausweis im Scanner im Büro. Jetzt durfte nix mehr schief gehen – in zwei Tagen ging es auch schon nach London. Natürlich kam es anders: nach dem Konzert in Hamburg ging es auf den Kiez und mir wurde das Portmonee gestohlen. Meine Einnahmen von diesem Tag und alle Papiere waren futsch. Der Wunsch, dass dieses Malheur lieber in Köln hätte passieren sollen, war nicht klein… Zwar musste ich mit vielen Tränen und Verzweiflung kämpfen, doch wurde ich von allen Anwesenden, inklusive meinem Chef, getröstet und beruhigt. Die Betrunkenen unter uns (alle außer mir…?) machten Witze, nahmen mich in den Arm und um 6 Uhr, als der Bäcker aufmachte, bekam ich ein leckeres Kuchenstück spendiert. :D

Nach drei Stunden Schlaf wachten Mina (ja, sie war wieder dabei!) und ich bei mir zu Hause auf, um zur Polizei zu gehen, Passfotos machen zu lassen und mir einen Ersatzausweis zu besorgen.
(Das Passfoto befindet sich übrigens auf meinem Ausweis, meiner Gesundheitskarte und meinem Fitnessclub-Ausweis und spricht Bände…)

Andere arg negative Stories fallen mir so aber tatsächlich gar nicht ein. Die wenige Tourzeit, die ich hatte, war zu 90 % angenehm. Unangenehm war es vielleicht nur, als ich auf meiner ersten Tour in einem Club in Nottingham war und dort nicht nur der gesamte Backstage-Bereich in einem hässlichen, hellen Blau gestrichen war, sondern auch noch in zwei von drei Räumen die Kühlschränke kaputt waren und es stark nach muffligem Essen gerochen hat (es war Hochsommer!). Im kleinsten Raum, nämlich dem mit funktionsfähigem Kühlschrank, versammelten sich dann alle, um stehend ihr Essen zu inhalieren… länger war es dort in diesem Keller leider nicht aushaltbar.
Der Schlagzeuger der Hauptband und ich vertrieben uns in der prallen Sonne die Zeit mit Witzchen, gegenseitigem AAA-Pass-Stehlen und er erklärte mir, was eine „hoochie mama“ sei (diese Amerikaner…!). Nebenbei trafen wir dann noch eine andere amerikanische Metal-Band, die an diesem Tag außerhalb der Stadt auf einem Festival spielte. Die Welt ist so klein…

Das beste und anstrengendste Konzert dieser Tournee war das letzte, das in Budapest.
Mit meinen ungarischen Wurzeln wusste ich, dass ich jede Minute in dieser Stadt auskosten wollte.

Ich machte also die Nacht vor Ankunft in Budapest durch und kurz nachdem wir am Club ankamen, stapfte ich 7 Uhr morgens völlig planlos durch den Stadtpark Richtung der Wohnung meines Vaters. Ich wusste, dass dieser gar nicht anwesend war, aber die ganzen vertrauten Wege zu gehen, die Veränderungen der Stadt zu sehen und einheimisches Essen zu essen, war das Nonplusultra. Mein ungarisches Geld reichte Forint-genau für einen Supermarkt-Einkauf.
Auch auf dem einstündigen Rückweg verlief ich mich nicht und ich war nun super aufgeregt auf die Show, die am Abend stattfinden sollte.

Bis es soweit war, war es ein mühseliger Kampf durch Kies und über Treppen. Das Venue hatte einen schönen Garten, aber jedes einzelne Teil des Equipments musste getragen werde, da ein Schieben oder Rollen überhaupt nicht möglich war. Wieder einmal traf ich in der glühenden Mittagssonne an meine Grenzen, bevor ich im Anschluss vom Catering-Mädchen mit tollen, belegten Sandwiches versorgt wurde und wir uns im Ungarisch-Englisch-Deutsch-Mix unterhielten. Ein Sänger einer unserer ungarischen Label-Bands war ebenso anwesend und bezauberte jeden mit seiner Gastfreundschaft. Er brachte mir zum Abschied nach der Show eine ganze Tüte meines Lieblingsschokoriegels „túró rudi“ und ich konnte überglücklich Ungarn wieder verlassen.

Eineinhalb Jahre später war ich mit oben genanntem Sänger auch noch einmal auf Tour: er und seine Band bastelten mir zu meinem Geburtstag, der auch gleichzeit letzter Tourtag war, eine großartige Geburtstagskarte und widmeten mir auf der Bühne einen Song. <3

Manchmal wünsche ich mir sehr diese Zeiten zurück… Es braucht nicht zufällig jemand ein Merch-Girl? ;)

Im nächsten Teil: Touren ohne Tourbus – die Fangirls sind am Start!

 

 

Titelbild: the audience is shaking, Martin Fisch, CC BY-SA 2.0