Auf dem Weg

„Mensch, siehst du klasse aus!“
„Du hast dich aber verändert!“
„Ich hätte dich gar nicht wiedererkannt!“

Diese und andere Reaktionen bekomme ich seit geraumer Zeit ständig. Über vierzig Kilo habe ich abgenommen und obwohl seit einigen Monaten die Waage still steht und über Weihnachten sogar wieder etwas nach oben gegangen ist, überhäufen mich die Menschen, die mich schon längere Zeit kennen und meine Veränderung miterlebt haben, mit Komplimenten.

Am 26.06.2013 habe ich einen Magenbypass bekommen – eine Magenverkleinerung quasi. Vom etwa zwei Liter großen Magen ist nur noch eine 100 ml große Tasche übrig geblieben, die mir untersagt, große Menge Lebensmittel zu mir zu nehmen. Inzwischen ist diese natürlich schon wieder größer und belastbarer geworden. Ich kann heute, fast zwei Jahre später, immerhin wieder eine kleine bis normalgroße Portion essen. Manchmal mit Bauchweh, manchmal ganz ohne Anstrengung.

Ich liebe mein „neues“ Leben. Im Gegensatz zu früher muss ich keine blutdrucksenkenden Mittel mehr täglich in mich reinschmeißen oder fühle mich beim Schuhezubinden so atemlos als würde ich gerade einen Halbmarathon laufen. Ich finde Kleidung in meiner Größe (44/46) – zumindest in den meisten Geschäften – habe allgemein mehr Lebensenergie und Aktivität entwickelt und mein Selbstbewusstsein ausgebaut.
Der Weg dahin war lang und er ist noch lange nicht vorbei.

Ein Magenbypass ist nicht einfach etwas, zu welchem man sich von heute auf morgen entscheiden sollte. Ich habe mehrere Jahre überlegt und die konkrete Planung beanspruchte dann noch einmal ein ganzes Jahr. Aber ich bereue keine Sekunde.

Ich war immer das dicke Kind. Eine recht uncoole Außenseiterin in noch uncoolerer Kleidung, mit Plastikbrille und einer besonders lauten Lache. Ich hatte immer das Gefühl, mich extra anstrengen zu müssen, um Anerkennung zu bekommen… ich habe in der Öffentlichkeit gesungen, mich in der Schule engagiert, hatte gute Noten und verstand mich mit den meisten Lehrern und Erziehern blendend. Unter meinem starken Übergewicht habe ich immer gelitten.

Ich weiß noch, dass man mir in der Grundschule immer wieder sagte „Ach, das verwächst sich noch.“. Ich glaubte da auch selbst dran. Ich habe fast vier Jahre lang Handball gespielt und empfand mich nicht als extrem unsportlich. Ich war nur faul und fand es besser, in der Bude vorm TV zu hocken als draußen zu spielen oder mich fit zu halten. Ich dachte oft, „Wenn ich wollte, könnte ich auch abnehmen.“. Ich habe mir das oft genug selbst bewiesen. Diäten, Fasten, vom Arzt verordnete Sportprogramme – ich habe vieles mitgenommen und hatte damit fast immer Erfolg. Dass ich damals aber schon in einem Teufelskreis hing, eine Essstörung entwickelt hatte und immer mehr zunahm, das habe ich erst realisiert, als ich 2012 bei 125 kg (und später 130 kg) angelangt war und mir endlich helfen lassen wollte.

Ich fing an, eine Therapie zu machen und bemerkte erst einmal, dass bei mir und dem Thema Essen eine Menge schief lief. Die Essanfälle, die ich als reine „Fresserei“ abgeschrieben hatte, waren krankhaft und zwanghaft und die Psychologen drückten mir die Diagnose „Binge Eating Disorder“ auf.

Mit viel Sport und kontrolliertem Essen nahm ich wieder um die 7 kg in 14 Wochen ab. Die Ärzte und Therapeuten versicherten mir aber, selbst wenn ich in diesem Maße weiter Gewicht verlieren würde, wäre das nicht schnell genug, um meine Gesundheit nicht weiter zu gefährden. Mein Blutdruck war zu der Zeit selbst mit Medikamenten gefährlich hoch, meine Knochen spielten so langsam nicht mehr mit und von der psychischen Belastung wurde ich beinahe erdrückt.
Im September 2012 entschied ich mich endgültig, mir den Magen verkleinern lassen zu wollen.

Um einen Antrag bei der Krankenkasse um Kostenübernahme stellen zu können, ist ein mindestens 6-monatiges, sogenanntes MMK (multimodales Konzept) erforderlich, dem ich mich natürlich stellte. Das ist sozusagen der letzte Versuch und Beweis, dass man ohne Magenbypass nicht ausreichend abnehmen kann. Das Konzept besteht aus Ernährungsberatung, Therapie und Sport (z. B. Reha-Sport). In dieser Zeit musste ich mich auch mit diversen Ärzten abgeben – Vorbesprechung, Untersuchung, Attesterstellung. Das Zusammensammeln aller Beweise, dass man krankhaft fett war/ist und das einen bis zum Äußersten belastet, war eine anstrengende Zeit, die mich viele Nerven kostete.

Im Dezember 2012 war ich mit meinem Antrag, einem Ordner von 30 Seiten, endlich fertig. Mir war es glücklicherweise möglich, meine Therapiezeit, die im Mai begonnen hatte, mit einzurechnen, so dass ich nun Unterlagen (inklusive Essprotokollen, Bewegungstagebuch und Diätlebenslauf) von sieben Monaten MMK bereit hatte. Der Antrag ging raus und das Warten begann…

Im Februar bekam ich eine Absage. Die Krankenkasse war nicht bereit, die Kosten für die OP zu übernehmen. Ich solle es doch weiter mit Diäten probieren.

Der Kampf ging weiter, ich war definitiv nicht gewillt, einfach aufzugeben. Durch die Unterstützung der Klinik, in der mich operieren lassen wollte und der dazugehörigen Selbsthilfegruppe, war es mir schließlich möglich, in weniger als drei Wochen, einen Widerspruch mit neuen Attesten und ärztlichen Begründungen aufzusetzen und an die Krankenkasse zu schicken. Und wieder Warten. Der tägliche Gang zum Briefkasten war eine Qual, die ich niemandem wünsche.

Anfang Mai 2013 bekam ich meine Kostenzusage. Oh mein Gott! Ich war unglaublich froh und erleichtert, aber wusste auch, dass es jetzt ernst wurde.

Zwei Wochen vor OP musste ich mich und meine Leber mittels einer „Eiweißphase“ auf die Lebensumstellung vorbereiten. Das hieß, zwei Wochen nur Eiweißshakes und höchstens eine feste, eiweißhaltige Mahlzeit am Tag zu sich zu nehmen. Und auch wenn mein Shake einen Schokogeschmack hatte, konnte ich dieses Gesöff nach kurzer Zeit schon nicht mehr sehen und riechen. Der Hunger war groß und ich der Verzweiflung nahe. „Bloß nicht aufgeben, das Ziel ist bald erreicht.“

Am 26. Juni 2013 bekam ich per minimal-invasivem Eingriff den Magen verkleinert und den Dünndarm verkürzt. Als ich auf der Intensivstation aufwachte, war ich mit etlichen Kabeln verbunden und konnte – trotz dessen, dass ich keine Brille trug und nichts sah – meine Liebsten (meine Schwester und Mina) am Bett empfangen.
Die Nacht, die dann folgte, war eine endlose Tortur. An Schlaf war durch die Schmerzen nicht zu denken. Allerdings war ich auch so erschöpft, dass ich die Augen kaum aufhalten konnte. Noch dazu wurden meine Bettnachbarin, die ebenfalls am Nachmittag operiert wurde, und ich dazu angehalten, einen Liter Wasser oder Tee zu trinken und einmal in der Nacht auf Toilette zu gehen. Ich schaffte das nicht. Um 6 Uhr morgens kamen die Ärzte und forderten mich nochmals auf, zu trinken und zu pinkeln. Als ich kurze Zeit später auf dem Toilettenstuhl saß, sackte ich in mich zusammen. Der Kreislauf wollte nicht mitspielen. Und das tat er auch bis zum Mittag nicht so ganz. Ich kam erst am späten Nachmittag, 24 Stunden nach OP, zurück auf Station und konnte dort meinen tollen Besuch empfangen, der das Zimmer mit Liebe ausfüllte und mich immer wieder zu Tränen rührte.

Mit meiner Schwester ging ich im Schneckentempo ins Badezimmer, um mich umzuziehen und mir das braune Desinfektionsmittel vom Körper zu waschen. Und mit all diesen Schmerzen saß ich da und brach in Tränen aus. Wie konnte ich es nur soweit kommen lassen?

Meine Zweifel, ich hätte es mir mit der OP ziemlich leicht gemacht, kamen in den folgenden Monaten immer wieder auf. Inzwischen sind sie verblasst…

Das Abnehmen mit einem Magenbypass ist auch hart. Ich musste ganz neu essen lernen. Direkt nach OP hieß es vier Wochen lang nur flüssige und breiige Nahrung in Miniportionen zu sich zu nehmen. Und das Gewicht fiel natürlich in rasender Schnelle.
Auch nach der flüssigen Phase, in der ich dann weiche Lebensmittel essen durfte, musste ich mich erst an die großen Veränderungen gewöhnen. Wo ich vor Wochen noch drei Brötchen essen konnte, musste ich nun bei einem halben Brötchen schon fast würgen.
Meine Portionsgrößen waren sowieso lächerlich: ½ Joghurt. 2 Gabeln Nudeln. 4 Löffel Suppe. 1/3 Banane. 1 weich-gekochtes Ei.

Mit der Zeit sind diese Portionsgrößen wieder gewachsen. Auf der einen Seite finde ich das super, denn mit Spaß am Essen hatte das nicht viel zu tun; auf der anderen Seite vermisse ich es, so minimal zu leben. Es hat nicht nur viel Geld gespart, sondern ich habe mich auch vollkommen zufrieden und befreit gefühlt. Befreit von dem Gefühl, immer viel essen zu müssen – denn Hunger hatte ich keinen. Und der Körper ließ es einfach nicht zu. Heute geht es auch nicht maßlos, aber ich muss doch aufpassen, was und wieviel ich konsumiere. Die Essstörung klopft immer mal wieder an und möchte mich aus der Fassung bringen. Zur Zeit wehre ich mich strikt dagegen und führe penibel Essprotokoll. Eine nervige Sache, aber doch hilfreich, wenn ich sehen möchte, was für einen Quatsch ich mal wieder gegessen habe.
Meist bleibt mir das aber auch so in Erinnerung. „Dumping“ nennt sich das Phänomen, bei dem mir von zu süßem oder zu fettigem Essen schlecht und schwindlig wird. Eine unangenehme Situation, die ab und an vorkommt und mir das Leben schwer macht. Oft sehe ich das als Nachteil vom Magenbypass, aber ich glaube, es ist ein Vorteil, gleich die Konsequenzen für sein ungezügeltes Essverhalten zu ernten. Ich habe das schließlich nicht alles getan, um wieder zuzunehmen. Das Dumping ist der Wink mit dem Zaunpfahl.

In einem Jahr habe ich über 40 kg abgenommen. Seitdem halte ich mein Gewicht.
Ich möchte noch weitere 20 kg abnehmen oder eben so viel, bis ich mich wohl fühle.
Aber ich bin heute schon viel glücklicher. Ich schaue in den Spiegel und sehe mich in farbigen Klamotten, die ich mir damals nie getraut hätte, anzuziehen. Ich passe auf Sitze, ich kann Treppen laufen, ich wage es sogar, Männerkontakt zu haben.
Aber es fehlt noch etwas. Ich will normalgewichtig sein. Ich möchte mir endlich keine Sorgen um meinen Körper mehr machen müssen.

Mein Ziel für nächstes Jahr ist eine Ganzkörperhautstraffung. Der Kampf um die Kostenübernahme wird sicherlich wieder spannend…

Fragen zum Thema? Ich beantworte sie gern unter marika[ät]frau-dingens.de

 

Titelbild: Hope, herby_fr, CC BY-NC-SA 2.0

  • Jonathan Schneider

    Go Marika!

    • Marika

      <3

  • Auswahltropf

    Super Leistung, wirklich! Es werden wohl viele Hater um die Ecke kommen und sagen das mit dem Bypass wäre geschummelt, alles Menschen die nicht wissen wie es ist wirklich übergewichtig zu sein.
    In deinem Text habe ich mich sofort wiedererkannt, in den letzten Jahren habe ich auch etwa 60 Kilo Übergewicht verloren und weiß was für ein Kampf das ist, vor allem danach!
    Jeder Mensch der so etwas schafft hat meinen vollen Respekt :)

    • Marika

      Meinen Respekt auch an dich, wow! Und vielen Dank für deinen Kommentar. :)

  • Wow, wahnsinnig toller und wichtiger Text, vielen Dank für das Teilen!

    • Marika

      Dankeschön! <3