Monat: Januar 2013

Wer hat Angst vorm F-Wort?

f-wordDie Debatte der letzten Tage hat eines ganz deutlich gezeigt: Teile Deutschlands haben immer noch ein großes Problem mit dem Wort „Feminismus“. Ich schreibe Wort absichtlich, denn ich möchte allen Menschen grundsätzlich zusprechen, dass sie eine Gleichstellung von Frau und Mann, nicht nur theoretisch sondern auch praktisch, in Wort und Tat also, begrüßen.

Es dauerte keine Stunde, da gab es schon die ersten, die versuchten, das #Aufschrei-Mem zu trollen. Doch wie so schön mehrmals festgestellt wurde: das Mem kann nicht getrollt werden. Jeder vermeintliche Witz, jeder Kommentar, die Frauen würden sich bloß anstellen, jede Beschimpfung, jedes genervte „was wollt ihr schon wieder“, all das, ist immer wieder eine Bestätigung für die Notwendigkeit des #Aufschrei Mems. Was hat #Aufschrei mit Feminismus zu tun? Nun, erst einmal wendet sich die Aktion gegen die Belästigung, Bedrängung, Übergriffigkeit, Diskriminierung und sexistische Behandlung gegenüber Frauen und Männern. Das sind viele verschiedene Konzepte vermengt, was auch teils kritisiert wurde. Ich denke, wenn man das Gesamtbild betrachtet, in dem eine männlich dominierte Gesellschaft in Macht- und Schlüsselpositionen bestimmt was salonfähig ist und was nicht, verschwinden diese Unterschiede: denn alle sind zurück zu führen auf Machtausübung der höher gestellten Person. Das waren in manchen Fällen auch Frauen gegenüber Männern oder Männer gegenüber Männern, in dem weitaus größten Teil der Berichte aber Männer gegenüber Frauen. Und da sind wir schon: beim Feminismus, der eine Gesellschaft möchte, in der respektvoll und gleichberechtigt auf allen Ebenen miteinander umgegangen wird, und eben die Ungleichstellung der Frauen kritisiert.

So weit, so gut. Eigentlich ja nichts schlimmes. Doch warum wird immer wieder so extrem auf feministische Bewegungen reagiert? Nun, extreme Abwehrhaltungen sind meist darauf zurück zu führen, dass die Person Angst vor etwas Unbekanntem hat, sich ungerecht behandelt fühlt, oder seine/ihre Grenzen überschritten meint. Oder alles vermengt.

Ja, die Debatte mag manche nerven. Doch diejenigen, die nur genervt sind, beteiligen sich einfach nicht und versuchen das auszublenden. Was treibt Menschen dazu, aggressiv zu werden, so wie Herr Pütz bei ZDFLogin, wo er Laura Dornheim mit der NPD verglich? Eigentlich ist es so einfach: große Teile der männlichen Gesellschaft genießen mehrere Privilegien auf einmal: auf Grund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihres Berufs, etc. Das Recht, Frauen jederzeit mitzuteilen, ob man findet, dass ihr Dekolleté schön aussieht, oder ihr Kleid nun zu aufreizend oder zu prüde ist, ist ein Privileg. Ein Vorrecht. Durch nichts verdient, außer, dass die Gesellschaft so männlich geprägt ist, und der Boys Club vorgibt, was okay oder in Ordnung ist. Natürlich ist dieses Privileg eins der Macht: das Recht darauf zu bestimmen, Frauen jederzeit auch auf intimste Dinge ansprechen zu dürfen, jederzeit mit ihnen flirten zu dürfen, ja bis hin zu sie anfassen zu dürfen, greift gewaltig in die Privatsphäre der Frau ein. Nur: dieses Recht gibt es nicht. Es ist ein moralisches, gesellschaftlich akzeptiertes Vergehen, aber kein Recht.

Das kurz sacken gelassen? Gut. Denn das ist wichtig: es erklärt nämlich, warum manche Feminismus so skeptisch gegenüber stehen: die Angst davor, dass ihnen etwas diffuses weggenommen wird, was bei näherer Betrachtung dann doch nur die alte Gewohnheit ist, auf die sie mehr oder weniger Wert legen.

Doch da sind dann noch die, die einfach die Bewegung nicht einschätzen können, was sie verunsichert. Ein Feindbild muss her. Die Feminazis. Kurzhaarige, hysterische Frauen, Kampflesben, die alle einen Fick brauchen. Die feministische Weltverschwörung. Das Feindbild ist bei Personen einfach zu erkennen an Statements wie: „Die Feministen wollen dass wir bald gar nichts mehr sagen dürfen!“ „Ihr wollt uns unterdrücken!“ etc. – Nun, wie gesagt, ich spreche allen Menschen eine gewisse Intelligenz zu, und somit auch den Menschen, die so etwas äußern. Denn wer seine Lebenszeit dem Kampf gegen eine bestimmte Gruppe wendet, ist entweder komplett ignorant in dem, was ihre Ziele sind, oder er/sie lehnt sie vollen Bewusstseins ab und instrumentalisiert vollen Bewusstseins.

In den letzten Tagen wurde öfter von Männern erklärt, wie es denn jetzt mit dem Feminismus weiter gehen muss, damit wir „alle mitnehmen“. Es geht nicht darum „alle mitzunehmen“. Es geht darum, die Diskussion weiter zu bringen. Etwas zu ändern. Und, so sieht’s in Deutschland leider immer noch aus, den Status Quo einfach mal aufzudecken und, mit Frau Schwarzers Worten, zu zeigen, dass „die alte Kacke immer noch dampft“. (Wer jetzt bei der Erwähnung Schwarzers Magenschmerzen bekommen hat, sollte den Text einfach so lange immer wieder lesen, bis es vorbei geht.) Es werden nie alle mitgenommen werden. Denn eine Gleichstellung von Frau und Mann bedeutet eben auch eine Umverteilung der Macht. Und in einer Gesellschaft, wo Männer sich in Diskussionsrunden bei Gesprächsanteilen von 30-40% von Frauen schon unterdrückt fühlen und sich erst „gleichberechtigt“ fühlen, wenn Frauen nur noch 5-10% Redezeit haben, wird das ein langer, harter Weg, den keinesfalls „alle“ mitgehen werden. Es geht um Umverteilung von Macht, Geld, Positionen (oder warum dachtet ihr, wird so gegen die Quote gewettert?). Das ist der Grund, warum einige sich so vehement dagegen wehren, Feindbilder erfinden müssen die an Faschisten erinnern, also an die kollektive Erinnerung der Deutschen an Unrecht. Sie würden etwas verlieren. Darum geht’s. Ihr dachtet doch nicht, dass sich so etwas grundsätzliches ändern kann, ohne dass sich etwas ändert?

Also, wer hat Angst vorm Feminismus?

 

#Aufschrei, Sexismus, und ein paar Antworten zu oft gestellten Fragen.

Als ich im letzten Beitrag am Donnerstag schrieb, ich wünschte mir eine Sexismus-Debatte, war mir nicht klar, dass diese schon Stunden später los gehen würde – durch die wunderbare aber auch belastende, emotionale und teils schockierende Aktion #Aufschrei auf Twitter. Mittlerweile gibt es etwa 60.000 Tweets von betroffenen Männern und Frauen, die sexistisch behandelt wurden, belästigt wurden, bis hin zu den ganz schlimmen Übergriffen. Die Erfahrungen ziehen sich quer durch alle Altersklassen, durch alle Schichten und durch alle Lebensphären: Beruf, Privatleben, Freundeskreise, Familie, Uni, Schule, … – und genau das zeigt eben, dass Sexismus ein strukturelles Problem ist, dass sich quer durch die Gesellschaft zieht. Weiterhin teilen so wohl Frauen als auch Männer ihre Erfahrungen, jedoch ist der überwältigende Teil der Betroffenen weiblich. Auch das ist kein Zufall: Sexismus ist eine Form der Machtausübung, und die Machtpositionen sind in Deutschland zu großen Teilen männlich besetzt, kein Wunder, es ist eben eine männlich geprägte Gesellschaft.

Ich möchte hier jetzt ein paar Dinge adressieren, die ich in den letzten Tagen immer wieder gehört habe. Nun, erstmal vorweg: 60.000 Tweets würde jede_r Wissenschaftler_in mit Kusshand als Evidenz nehmen, in Studien kommt man kaum an eine so große Datenbasis. Die Aktion auf Twitter deswegen als „unseriös“ zu verunglimpfen ist also Quatsch – das Problem lässt sich nicht weg argumentieren, nur weil man das Medium, auf dem es stattfindet, eventuell nicht so gut kennt oder mag. Tendenziell ließe sich lediglich sagen, dass auf Twitter eine eher priveligiertere Masse schreib(en)t (kann), welche in der Gesellschaft einen geringen Anteil ausmacht, und die Dunkelziffer – das ist jetzt von mir persönlich geschätzt – noch viel höher liegen müsste.

So weit so gut. Die Reaktionen waren hier im Blog und in den Diskussionen die ich so mitbekommen habe oft ähnlich, deswegen werde ich sie hier gruppieren und nacheinander abarbeiten.

1. „Ich finde es doof, dass Männer jetzt unter Generalverdacht gestellt werden. Was soll das?!“
Ja, das finde ich auch doof. Das bringt nämlich niemandem etwas. Warum fühlst du dich trotzdem so? Nun, ich schätze, das liegt einerseits an der schieren Masse an Berichten, die auf einmal auf uns hereinstürzten am Wochenende. Von so vielen Männern zu lesen, die sich daneben benehmen, kann vielleicht den Eindruck erwecken, man würde alle verurteilen. Nein! Es geht eben nicht darum, Männer generell unter Verdacht zu stellen, sondern einfach all die „Einzelfälle“ zu sammeln. Die Erkenntnis, dass die Gesellschaft eine sexistische ist kann schmerzhaft sein, es geht aber nicht um dich persönlich. Wenn du dich nicht daneben benommen hast, greift dich auch niemand an, und selbst wenn du mal daneben getreten bist, heißt das nicht, dass dich jemand für alle Zeiten ächten wird. Menschen können sich ändern.

2. „Aber Männer werden auch sexistisch belästigt! Betrunkene Frauen greifen mir an den Hintern!“
Ja, und sowas ist genauso daneben. Und gerade dann, sollte doch die Solidarität mit der großen Masse an betroffenen Frauen um so größer sein, oder? Es geht nicht um eine Einteilung in Frauen vs. Männer, sondern darum, wie generell solche Situationen gelöst werden können. Eine wichtige Sache solltest du dir vielleicht noch überlegen: die Übergriffe von Männern sind oft Machtdemonstrationen, zudem sind sie strukturell in der Gesellschaft verankert. Sexismus gegenüber Frauen hat System, anders als bei Männern.

3. „Ich habe eine/fünf/vierzig Freundinnen, denen so etwas noch nie passiert ist/die das nicht stört.“
Das freut mich für sie. Ich wünschte, ich könnte all die Erfahrungen und Erinnerungen wegwischen. Dann sorg bitte jetzt mit dafür, dass sie diese Erfahrung erst gar nicht machen – denn die 60.000 Tweets sind real. Sexismus ist real. Auch wenn ihn deine Freundinnen noch nicht erlebt haben.

4. „Dann wehrt euch halt!“
Nun, sag das mal deiner 10jährigen Tochter, die vor Angst kaum weiß wohin. Oder der 16jährigen Nichte, die sich zu sehr schämt und gerade erst mit ihren neu erwachenden Reizen klar kommen muss. Oder der 30jährigen Kollegin, die den Job braucht und nicht als zickig, verklemmt oder frustriert rüber kommen will. Oder deiner 56jährigen Mutter, die früher auf die Straße gegangen ist, damit sie sich gar nicht erst wehren muss. Fakt ist: man sollte sich gar nicht erst wehren müssen. Jede Frau wird, so wie sie kann, sich zur Wehr setzen – es macht ja keinen Spaß das zu erleben! Was jede Frau kann ist jedoch individuell – und ein bisschen mehr Empathie und ein bisschen weniger Arroganz könnte hier viel helfen.

5. „Was darf man denn überhaupt noch? Wenn ich jetzt Komplimente mache komme ich in den Knast?“
Ich glaube, als erwachsener Mensch sollte jede_r in der Lage sein, ihr/sein eigenes Verhalten zu reflektieren. Falls nicht – manchmal braucht es einen Außenblick – einfach mit den Betroffenen sprechen: „Hey, ich will dir jetzt nicht zu Nahe treten – darf ich dir sagen, dass dein Blazer hübsch ist?“. Solche Komplimente nimmt sicher jede_r gerne – leider sind solche Äußerungen vor allem im beruflichen Umfeld oft mit Machtdemonstrationen verbunden, Stichwort „Ich erteile dir die Legitimation, das anzuziehen. Ich bestimme, was schön ist.“ Weiterhin sind mit solchen Kommentaren auch oft subtil andere Dinge gemeint, Stichwort „Deine Hose macht eine gute Figur“. Generell: solche Äußerungen gegenüber reinen Kolleginnen, die man nicht gut kennt, sollten zu Hause bleiben. Professionelle Distanz. Bei Unsicherheit einfach fragen, ob es die Person stört. Bei Freund_innen / Familie spricht sicher nichts gegen Komplimente – es sei denn, der Person ist das unangenehm. Einfach ein bisschen drauf achten, dann läuft das schon.

6. „Ich will keine amerikanischen Verhältnisse, wo ich nicht alleine Fahrstuhl fahren kann, ohne danach verklagt zu werden.“
Und ich will keine Verhältnisse, wo Frauen unterstellt wird, ihr einziges Lebensziel sei einen Mann auf sexuelle Belästigung zu verklagen, wo sie sich schon allein bei der Beweisaufnahme unglaublich beschämenden Verhören unterziehen muss. Ich will keine Verhältnisse, wo Frauen als Furien dargestellt werden, die alle nur darauf warten, Männer einen Strick draus zu drehen. Und ich will tatsächlich keine amerikanischen Verhältnisse, wo ein Zahnarzt seine Helferin entlassen durfte, weil er „ihr nicht widerstehen“ konnte.

7. „Ihr Feministinnen seid so arrogant! Ihr könnt nicht sachlich diskutieren! Ihr nervt!“
Ok, es tut mir leid, wenn ich dich nerve (warum liest du hier gerade oder diskutierst mit?). Und ich weiß auch, dass ich die Debatte die letzten Tage sehr emotional geführt habe. Stell dir mal vor, du wirst fast 28 Jahre lang ständig mit diesen Belästigungen konfrontiert. Jetzt hast du es einigermaßen aus dem Alltag verdrängt, da kommt es alles wieder hoch. An einem Tag. Und, schlimmer noch: du stellst fest, dass du nicht alleine bist. Dass das System hat. Dass auch sich wehren oft nichts bringt und einige Frauen sogar geschlagen wurden. Du fühlst dich hilflos, frustriert, verzweifelt, und beschämt, weil all das wieder gekommen ist. Du bist wütend. Warum passiert das so vielen Frauen? Und dann kommen zehn, zwanzig, dreißig Leute, die all dieselben, ablenkenden Sachen diskutieren wollen, die nichts mit dem Thema zu tun haben: der Stern ist irrelevant, der Zeitraum: irrelevant, all die vorherigen Punkte: irrelevant. Und ja, vielleicht erklärst du es anfangs. Aber dann kommen die ersten Beschimpfungen, die ersten Unterstellungen. Und du hast irgendwann keine Lust, dich jetzt auch noch für deine Erlebnisse rechtfertigen zu müssen.
Natürlich ist es angenehmer, das jetzt auf eine große „feministische Weltverschwörung“ einer kleinen Gruppe von Aktivist_innen zu schieben. Das ist es aber nicht. Die Tweets sind real. 60.000 Tweets sind real. Sexismus ist real. Dir mag vielleicht die Gruppe nicht gefallen, die laut kämpft, hey, das ist okay. Aber sollte es dich wirklich daran hindern, mal in Ruhe zu reflektieren?
Abgesehen davon: „die Feminst_innen“ gibt es nicht. Es ist eine heterogene Gruppe, und sicher wirst du auch Leute finden, mit denen du in Ruhe mal darüber sprechen kannst. Oder Blogs, die auch Anfänger_innen an das Thema heranführen.

8. „Ich hab immer noch keine Lust, mich mit dem Thema auseinander zu setzen. Es ist unwichtig.“
foreveralone

Ich hab keine Worte mehr, die meinen Frust, meine Abscheu und meine Verzweiflung akkurat wieder geben könnten.

Ein Mann in einer Bar, sichtlich betrunken. Neben ihm sitzt eine Frau. Er starrt ihr auf den Busen und spricht die Größe ihrer Brüste an. Greift ihre Hand, überschreitet die körperliche Distanz und presst seine Lippen auf ihre Haut. Fordert sie eindeutig auf, mit ihm zu tanzen. Sie weicht immer weiter zurück. Er kommt auf sie zu, das Gesicht nah an ihrem, zu nah. Er greift nach ihr.

Eine Geschichte, wie sie tagtäglich in Deutschland zehntausendfach passiert. Grenzen werden überschritten, Frauen bedrängt. Körperliche Nähe wird gesucht, wo keine erwünscht ist. Manchmal wird die unsichtbare Barriere überschritten, und Frauen werden gegen ihren Willen angefasst – ein Griff um die Hüfte, die Hand leicht tiefer am Rücken als es professionell wäre, ein lockerer Po-Klatscher, und in den schlimmsten Fällen rücksichtsloses Anfassen bis hin zu erzwungenem Geschlechtsverkehr. Aber auch mit Worten lassen sich Grenzen überwinden: ungefragte Kommentare über Geschlechtsmerkmale wie Busen und Po, wiederholte Aufforderungen, bis hin zu eindeutigen Kommentaren, die an sexuelle Belästigung grenzen.

Als Annett Meiritz vor mehreren Tagen über den erlebten Sexismus in der Piratenpartei berichtete, waren viele schnell damit, die Geschehnisse zu verurteilen. Unerhört, unglaublich, aber auch leider nicht schockierend, schließlich sei mit der Piratenpartei ja Sexismus ohnehin verknüpft. Nun werden Vorwürfe gegen FDP Spitzenmann Brüderle laut. Die Reaktionen hier?

1. Das Opfer beschuldigen (Victim-blaming)

Ich wundere mich, dass die junge Journalistin offensichtlich über ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten. (Wolfgang Kubicki)

2. Ablenkung (Derailing)

Ich war bei den angeblichen Vorgängen nicht dabei. Es kommt mir aber so vor, als versuche der ‚Stern‘ eine große Schippe Dreck auf den liberalen Spitzenkandidaten zu werfen, und hofft dabei, dass schon irgendwas hängen bleibt. (Philipp Rösler)

3. Der Täter als Opfer

Wenn diese Art von Journalismus darauf abzielt, einen Menschen und seine Familie mit einem rücksichtslosen Schlag unter die Gürtellinie zu beschädigen, hat er eine Wegmarke überschritten. (Elke Hoff)

Das ist Deutschland in 2013: eine Geschichte, die fast jede Frau persönlich schon erleben musste, in unterschiedlicher Ausprägung, wird klein geredet, als Kampagne verteufelt, unglaubwürdig gebrandmarkt und als Angriff statt Tatsachenbericht verkauft. Sexismus als Alltag. Mehr noch: muckt gefälligst als Frauen nicht auf, haltet die Schnauze, und habt euch nicht so. Das sind doch Komplimente!

Aber der Fall Brüderle im krassen Kontrast zur Piratenpartei zeigt noch etwas auf: es geht um Machtstrukturen. Hätte die oben geschilderte Situation Frau Meiritz mit einem männlichen Mitglied des Piratenvorstands geschildert, hätte es doch keine Frage gegeben – eindeutiger Sexismus in dieser wirren, verufenen Partei. Es hätte Rücktrittsforderungen gegeben und er hätte sich entschuldigen müssen. Und bei Brüderle? Als Spitzenkandidat wäre er bei einer Neu-Auflage der schwarz-gelben Regierung stellvertretender Kanzler. Es kann nicht sein, was nicht sein darf – etwas bedroht seine Position, sein Ansehen. Zum Glück für die FDP ist es bloß eine Frau, eine Journalistin noch dazu (wobei es hier auch interessant ist, dass den Artikel eine Frau und ein Mann gemeinsam schrieben, aber nur die Frau angegriffen wird) – und damit wird es ganz leicht sich dem Thema zu verweigern.

Natürlich kann man bei so einem Thema als Beschuldigter kaum gewinnen – aber souverän wäre doch gewesen, hätte Brüderle gesagt: Ja, ich hab zu viel getrunken, ich bin aufdringlich geworden, das tut mir sehr leid, ich wollte die Frau nicht bedrängen, das wird nie wieder vorkommen und ich schäme mich dafür.

Warum das nicht passiert ist? Weil Sexismus in Deutschland immer noch salonfähig ist, weil offensichtlich in der Meinung einiger FDP Spitzenkräfte die Tatsache, dass eine junge Frau von ihren Erfahrungen berichtet schlimmer ist, als die Erfahrungen selbst. Weil Geschlechterungleichheiten stark mit Macht verknüpft sind – denn sind wir mal realistisch: die Geschichte wird umso schlimmer, weil die Frau in einem beruflichen Abhängigkeitsverhältnis zu Brüderle stand. Weil die Mächtigen einen Teufel tun werden, um solche Machtstrukturen aufzubrechen. Weil die deutsche Gesellschaft die längst überfällige Sexismus Debatte, die in den USA beispielsweise Anfang der 90er Jahre durch den Fall Anita Hill statt fand, immer weiter vor sich her schiebt.

Wir brauchen eine Debatte über Sexismus. Wir müssen das Tabu endlich loswerden.

Nach dem Artikel von Frau Meiritz schrieb ich auf Twitter: jede Frau wird spontan fünf solcher Erfahrungen mitteilen können. Denn das ist unser Alltag. Die Szene oben? Unzählige Male erlebt. Gestern las ich dann in meiner Timeline, dass einer Frau eine Beförderung gegen Sex angeboten wurde. Das ist in Deutschland wohl nicht mal strafbar. Wo lebe ich denn? Es kotzt mich so an. Es ist zum verrückt werden. Beschämend, dieses Land, schockierend, seine Politiker_innen.

Ach, und zu dieser kläglichen Partei von Sexismus-relativierenden Vollidioten: sie sollten sich vielleicht mal ein paar Minuten in Ruhe mit ihren Töchtern, Enkelinnen, Nichten, Freundinnen, … zusammen setzen und sie zu ihren Erfahrungen befragen. Und danach sollten sie sich ganz lange ganz intensiv schämen.

 

5 Spontan-Thesen zur Niedersachsen-Wahl

Uff, sehr spannend. Paar kleine Spontan-Thesen um die Zeit bis zur nächsten Hochrechnung zu überbrücken:

1.) Zeichen für Rot-Grün stehen gut – trotz des Wirbels um Peer ein solch knappes Ergebnis zu erzielen lässt hoffen. Jetzt die Strategie grade zurren und kämpfen und es läuft.
2.) Die FDP sollte und kann nicht abgeschrieben werden. Auch für September nicht. Abzuwarten bleibt, wie die Grabenkämpfe um Rösler gelöst werden.
3.) Bei den Piraten wird sich jetzt zeigen, ob jemand auf Bundesebene Verantwortung übernimmt und ob sie es schaffen, sich inhaltlich und strukturell neu auszurichten. Wenn das in den nächsten Wochen gelingt, könnte es im September noch klappen. Wenn nicht, dürften sie sich wohl erledigt haben.
4.) David McAllister hat wohl mit Abstand den schlechtesten Slogan aller Zeiten genutzt. (I’m a MAC? Wer nen Mc will, soll zu McDonalds gehen.)
5.) Umfragen sind nett, aber nie zu überschätzen (wer hätte die FDP bei 10% gesehen?)

Ingress Closed Beta Invite zu vergeben…

Ich habe einen Invite zur Closed Beta von Ingress – aber wenn du kein Android hast, hast du kein Android.

Bild via Google Play

Ich hibbel jetzt schon etwas länger darauf hin, dass ich als iPhone Nutzerin auch irgendwann mal spielen darf, und zur Krönung hab ich jetzt einen Code, aber kein Gerät, auf dem ich spielen kann.

Aber ich bin ja nicht so… also: wer mir die schönste Begründung nennt, warum sie (oder er) den Code unbedingt braucht, welches Team sie spielen würde und warum – die bekommt den Code.

Falls ihr noch etwas zum Spiel lesen wollt und euch dann erst das Wasser im Mund zusammen läuft – auch gut.

Ich geb euch mal so bis Sonntag Abend Zeit.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – es sei denn, sie wurde vergewaltigt und muss untersucht werden.

Nach den unglaublichen Vorgängen in den zwei Krankenhäusern in Köln, in denen einer jungen, vergewaltigten Frau die Behandlung verweigert wurde, habe ich mich nun schriftlich an die Stiftung, in deren Trägerschaft sich die Krankenhäuser befinden, gewandt.

Ihr könnt euch gerne an dem Text bedienen. Ihr erreicht die Stiftung über dieses Kontaktformular.

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Schock las ich gestern von dem Handeln von Krankenhauspersonal zweier sich in Ihrer Trägerschaft befindlichen Krankenhäuser: einer jungen Frau, die vergewaltigt wurde, wurde die notwendige gynäkologische Untersuchung verweigert. Der genannte Grund – die Untersuchung umfasse ein späteres Beratungsgespräch und die Pille danach müsse auf Wunsch verschrieben werden – wurde selbst dann noch heran gezogen, als seitens der Notärztin versichert wurde, dass dies in den Krankenhäusern gar nicht mehr notwendig sei.

Ich bin seit nun fast 28 Jahren Katholikin – seit klein auf begleitet mich diese Religion. Ich kann mich an viele Gleichnisse erinnern, die ich in Schule, Kommunionsunterricht oder in Messen hörte – besonders scheint mir hier aber das des barmherzigen Samariters angebracht. Da in Ihrer Trägerschaft wohl ein Nachholbedarf an Glaubensgrundsätzen der katholischen Kirche besteht, hier das Gleichnis:

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte Jesus und sprach: „Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe?“ Jesus aber sprach zu ihm: „Wie stehet im Gesetz geschrieben? Wie liesest du?“ Er antwortete und sprach: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte, und deinen Nächsten wie dich selbst!“ Er aber sprach zu ihm: „Du hast recht geantwortet; tue das, so wirst du leben!“ Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesu: „Wer ist denn mein Nächster?“ Da antwortete Jesus und sprach: „Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder. Die zogen ihn aus, schlugen ihn, gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Es begab sich aber ungefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit, da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er vorüber. Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein, ging zu ihm, verband ihm seine Wunden, goß drein Öl und Wein, hob ihn auf sein Tier, führte ihn in die Herberge und pflegte sein. Des andern Tages reiste er, zog heraus zwei Groschen, gab sie dem Wirte und sprach zu ihm: ,Pflege sein; und so du was mehr wirst dartun, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme`.Welcher dünkt dich, der unter diesen dreien der Nächste sei gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war?“ Er sprach: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat.“ Da sprach Jesus zu ihm: „So gehe hin und tue desgleichen!“‚

In all den Jahren, die ich mich mit Glaubensfragen befasst habe, war Nächstenliebe und Barmherzigkeit immer das Zentrum unseres Glaubens. Nun frage ich mich: hätte der Samariter die junge Frau ebenfalls liegen gelassen, sie über unerträglich lange Zeit in ihrer Scham, ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung, ohne saubere Kleidung, ohne Waschen, warten lassen, abweisend, wegschickend, weil er ein Gespräch hätte führen müssen, bei dem die Frau sich hypothetisch gegen seine Ideale ausspricht? Oder hätte er die gynäkologische Untersuchung, die doch so viel mehr ist als bloß Beweissicherung – sondern eine Behandlung überhaupt erst ermöglicht! – durchgeführt?

Als Mensch bin ich empört über die Vorgänge, als Frau wütend und als Katholikin zutiefst entsetzt. Ich appelliere dringend an Sie, Ihre Kolleg_innen, Ihre Angestellten, die Glaubensgrundsätze noch einmal zu hinterfragen. Ich erwarte von Ihnen personelle Konsequenzen und eine öffentliche Äußerung zu den Vorgängen. Und vor allem erwarte ich eine persönliche Entschuldigung bei der jungen Frau.

Über eine Antwort würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen,

Yasmina Banaszczuk

Hand Painted Wixvorlagen „Artwork“

Vor ein paar Tagen schrieb ich noch zu Sexismus in Videospielen. Und schon etwas über eine Woche später liefert Deep Silver ein Paradebeispiel.

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Bild via IGN

Als Collector’s Edition gibt es mitgeliefert eine Büste (nichts unübliches) – mit einem Babypopo im Dekolletee, Mini-Bikini, blutverschmiert. IGN beschwert sich öffentlich (gut!) und fragt seine User, was sie von der Idee halten. Die Kommentare sind natürlich wieder unter aller Sau und zeigen gleichzeitig leider sehr gut, worum es eigentlich geht:

Facebook

Eine Büste als Wix-Vorlage? Und dann noch von einem verstümmelten Körper, so dass man nun weder Kopf noch sonst was braucht, einfach nur die Brüste, die reichen ja? Hey Deep Silver, ich hab noch ein paar Ideen: wie wär’s einfach mit nem Frauen-Unterkörper, gleich mit Löchern drin. Oder Zombie-Gummipuppen. Die man danach köpfen kann. Oder vorher. Oder hey, ein Dead Island DLC, das im örtlichen Puff spielt. Na? NA?

Dead Island gehört mit zu meinen favorisierten Spielen, und ich hatte mich sehr auf den Nachfolger gefreut. Auch wenn jetzt gleich eine Entschuldigung kam – ich werd’s nicht kaufen. Ich seh es einfach nicht ein, und Entwicklern solcher Ideen, wo auch immer sie sitzen, werde ich sicher nicht ihren Job finanzieren.

Superheldinnen, Ärsche, Brüste, und was Hawkeye damit zu tun hat.

Der Montag ist noch etwas zäh, und um ihn gut gelaunt zu beginnen, hier eine Initiative auf die mich Mone vor ein paar Tagen hinwies: The Hawkeye Initiative.

hawkeyeinitiative

Tumblr: Lecumberbum

Frei nach dem Motto „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ haben sich die Macher_innen und Mitmacher_innen zum Ziel gesetzt, die abstrakten, unförmigen, übertriebenen, geschlechtsteilbetonenden Posen von Frauen in Comics vorzuführen – in dem sie die weiblichen Charaktere durch einen männlichen Superhelden ersetzen: Hawkeye.

Selbst die Wired berichtete in den USA schon über die Aktion – und ich kann mich einfach nicht an den Bildern satt sehen. Wie schrieb mir Mone zur Erklärung so schön? „Wirre Stellungen der Heldinnen sodass ja Po UND Brüste zu sehen sind.“ – wird einfach noch schöner, wenn der Held einen scharf kontinuiert gezeichneten Po bekommt und keine Brüste hat. Wunderschön <3

hawkeye2

Tumblr: Middletone

Die Initiative soll übrigens nach Worten der Macher_innen die eingefahrenen sexistischen Stereotypen aufzeigen: Männer in starken, beschützenden, kämpfenden Posen, Frauen in verdrehten Körpern, vollkommen kampfuntauglich. Ich finde, das gelingt hier ganz gut.

So, dann trinkt mal in Ruhe euren Kaffee weiter, und einen guten Start in die Woche!

Sexismus? Was für Sexismus?

Triggerwarnung: in dem Artikel kommen Sätze und Anekdoten zu sexueller Belästigung und Vergewaltigung vor, die triggern können.

Vor Weihnachten gab es in meinem Freundes- und Bekanntenkreis eine Diskussion über Sexismus in Videospielen, ausgelöst von verschiedenen Artikeln zu dem Thema. Es ging so weit, dass eigentlich nette, sympathische Männer sich in Facebook entrüsteten, ob „wir“ keine größeren Probleme in der Welt hätten. Zudem wurde angezweifelt, dass Sexismus in Spielen gesellschaftliche Relevanz hätte, und folglich ja „nicht so schlimm“ wäre. Das alles überschnitt sich grob mit der schlimmen Vergewaltigung der indischen Studentin von sechs Männern, die zu Massenprotesten führte und an Folge dessen die junge Frau leider starb. Ich war einige Tage fassungslos, wachte morgens mit Wut im Bauch auf, war gefrustet, enttäuscht, erschrocken. Ein paar Tausend Kilometer weiter wird eine Frau so schlimm vergewaltigt, dass sie daran stirbt, weil sie als Objekt gesehen wird, an dem man sich nach Belieben bedienen kann, und in meinem direkten Umfeld gibt es null Sensibilisierung für sexistische Scheiße, und, weiterführend, es gibt null, absolut null Bewusstsein über die gesellschaftlichen Strukturen, die dem ganzen zu Grunde liegen? Der Blogpost hier ist ein bisschen meine Aufarbeitung dieser Dinge – die systematische „es gibt keinen Sexismus und wenn ist er nicht so schlimm und sowieso gibt es dringendere Themen in der Welt“ Taktik von Menschen, die ich eigentlich für recht intelligent und empathisch hielt. Ich werde mit einem aktuellen Beispiel anfangen, und dann auf die gesellschaftliche Relevanz kommen.

Vorab: ich beschäftige mich viel, eben auch beruflich, mit Ungleichheitsforschung, habe aber auf dem Gebiet der Gender Studies nur rudimentäres Wissen. Ergänzungen, Erklärungen, Dinge, die ich hier außer Acht ließ, dürfen gerne ergänzt, korrigiert und angeregt werden. Merci :3

Über die Feiertage stieß ich durch meinen Freund auf Smite, ein MOBA (Multiplayer Online Battle Arena), in welchem mit Göttern und Göttinnen aus verschiedenen Mythologien und Kulturen gekämpft werden kann.  Es befindet sich noch in der Beta-Phase, aber das kurze Antesten am Account meines Freunds fixte mich an. Es macht einfach Bock, ist gut gemacht, und abwechslungsreich. Auf den ersten Blick freute ich mich sehr, dass es nicht nur die typischen Götter der „klassischen“, sprich bekannteren Kulturkreise gab, sondern auch der westlichen Welt teils eher unbekanntere Kulturen eingebunden waren, und, ja, dass es eben auch Göttinnen gab, und nicht nur männliche Gottheiten. Für viele wäre hier das Thema Sexismus schon erledigt: das Spiel kann gar nicht sexistisch sein, was willst du überhaupt, du kannst doch auch Frauen wählen!

Mit Freude wählte ich Kali, spielte sie gerne und war recht angetan. Die halbnackte Darstellung kümmerte mich erstmal wenig – auch in überlieferten Bildern ist Kali oft mit bloßen Brüsten dargestellt. Als ich nach den ersten Runs andere Göttinnen spielen wollte, wurde ich dann doch etwas stutzig. Die Darstellungen der Göttinnen entspricht immer demselben Schema: schmale Hüfte, großer Busen, halbnackte Bekleidung. Während die Götter recht abwechslungsreich dargestellt sind (teils groß, teils klein, teils moppelig bis richtig dick, teils athletisch oder kräftig, teils alt, teils jung) sind ihre weiblichen Kolleginnen anscheinend nach demselben Raster entworfen wurden. Körperliche Vielfalt? Fehlanzeige.

Zu Demonstrationszwecken hier ein paar Gottheiten, mit originärer Darstellung, sowie der Smite Interpretation:

Männliche Gottheiten
anubisbotharesbothodinbothcupidbothhadesloki

Für Hades gibt es sehr wenige überlieferte Darstellungen, die Interpretation ist daher frei. Auffällig sind die unterschiedlichen körperlichen Merkmale: Odin ist groß und breit, während Ares eher dem athletisch muskulösen Ideal entspricht. Loki ist schlank und drahtig dargestellt, Amor (Cupid) wiederum als pummeliger Junge. Es scheint also verschiedene Raster zu geben, je nach Körperform, und nicht nur den übertrieben athletischen Kämpfer. Es gibt sogar einen Gott, Baccus, der als richtig dick und ständig betrunken porträtiert wird.

Weibliche Gottheiten
artemisbothbastetbothfreyabothkalibotharachnehel

Während Artemis noch eine glorreiche Ausnahme darstellt (sie trägt Kleidung und das Gewicht ihrer Brüste würde sie nicht vornüber fallen lassen) sind alle anderen Göttinnen stupide gleich. Große Brüste, halbnackt. Nun, die Programmierer hatten offensichtlich keine Probleme, den Göttern Kleidung zu entwerfen, wo ist das Problem bei den Göttinnen? Arachne, mythologisch kaum porträtriert, hat immerhin Spinnenbeine, aber das ist auch schon die größte Variation. Ich habe viel gesucht, aber dass Göttinnen alle bauchfrei, mit kleinen Fetzen, die ihre Brustwarzen bedeckten, herrschten, wäre mir neu.

Die Entwickler von Smite bedienen offensichtlich – in einem sonst sehr detaillreichen und gut gemachtem Spiel – einen Körperkult der typisch ist. Große Brüste, Wespentaille, keine nennenswerte Bekleidung. Was das bedeutet: Frauen werden objektifiziert. Es wird ein männliches Idealbild bedient, welches mit der Realität kaum etwas zu tun hat. Die Darstellungen ähneln der Bebilderung aus Männerzeitschriften, was noch aus einem anderen Grund bedenklich ist: eigentlich ist es ein No-Brainer, dass die objektifizierte Darstellung von Frauen in Männerzeitschriften problematisch ist. 2011 schockte dann die Universität Surrey mit einer Studie die zeigte, dass Männer Sätze von Vergewaltigern, die ihre Tat rechtfertigten, munter mit Sätzen aus Männerheftchen (z.B. FHM) verwechselten. Schlimmer noch: die Männer identifizierten sich eher mit den Sätzen der Vergewaltiger, als mit denen der Männerheftchen (!) und stuften letztere als erniedrigender ein.

Und genau da ist er, der Grund, warum Sexismus in Videospielen, in der gemütlichen Männerrunde, in Heftchen und in Werbung ein Problem ist: Sexismus erniedrigt Frauen strukturiert zu sexualisierten Objekten. Objekten, an denen es in Ordnung ist, sich zu bedienen. Objekte, die es selbst Schuld sind, wenn sie begrapscht werden, oder schlimmer noch, vergewaltigt werden. So wie die mutige 15 Jährige, die ihren Vergewaltiger in Essen anzeigte, sich aber „nicht genügend wehrte“ damit er verurteilt werden konnte. Oder wie die unzähligen Frauen, deren Ermittlungsverfahren eingestellt wurden, mit den absurdesten Begründungen – falles es überhaupt zur Anzeige kommt, denn Nicht-Anzuzeigen ist in Deutschland ebenso kultureller Bestandteil wie in anderen Ländern.

Als Frauen sollen wir uns nicht so anstellen, das ist doch nur Spaß, nur ein Spiel, nur eine Werbung, ja, sehr lustig, bis dir dann ein Arschloch im Club wie selbstverständlich an den Hintern fasst oder deine Freundin auf offener Straße an vier Männern vorbei muss, die ihr alle einmal an die Brüste fassen, als Wegzoll. Und dann kommen sie damit, dass sie eine, zwei, dreißig Frauen kennen, die sich aber nicht sexistisch belästigt fühlen durch Videospiele – und vermischen dabei gefährlich subjektives Empfinden mit strukturellen Problemen. Es geht eben nicht darum, ob jemand durch ein Videospiel in ihren Gefühlen verletzt wird – ich fühle mich durch Smite beispielsweise weder persönlich verletzt noch erniedrigt – aber das Problem, dass Frauen objektifiziert werden, das ist offensichtlich und ganz losgelöst von persönlichen Gefühlen.

Sexismus, egal wo, egal in welcher Form, öffnet Tür und Tor für eine gefährliche Geisteshaltung: Frauen als Objekte. Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter, wenn ich lese, dass bei einer Werbung, wo gefragt wurde ob Männer lieber die obere Hälfte oder die untere Hälfte einer Frau hätten, Kommentare wie „die untere, da sind mehr Löcher“ kommen. Löcher, zum reinstecken, – ob die sechs Männer in Indien ähnliche Konversationen hatten, als sie die junge Frau vergewaltigten und mit einer Eisenstange so misshandelten, dass ihre inneren Organe zerstört wurden?

Weit hergeholt? Nun, leider gibt es Studien, die auch schon ganz objektiv gezeigt haben, dass Männer, die sexistischen Witzen ausgesetzt wurden, anfingen, Frauen zu diskriminieren und annahmen, dass dies in ihrer Gruppe gesellschaftlich akzeptiert würde – schließlich lachten alle über dieselben Witze. Kurzum: Sexismus führt zu Diskriminierung, also einer konsequenten Übersetzung von Einstellung in Tat. Sie sehen Frauen also nicht nur als Objekte, sie behandeln sie auch so. Ob bewusst oder unbewusst ist dabei erst einmal irrelevant – es passiert, und das ist traurig genug.

Das ist mein Problem mit Sexismus, egal wo. Das sollte auch euer Problem mit Sexismus sein.

Falls ihr euch immer noch unsicher seid: macht doch mal den Test, ob ihr die Aussagen von Vergewaltigern und Herrenmagazinen auseinander halten könnt. Oder lest in den unzähligen Links, die ich hier eingefügt habe, und informiert euch. Aber bitte, bitte, von Erwachsener zu Erwachsenen, bitte redet Sexismus nicht mehr klein. Stellt euch den Realitäten. Das ist unangenehm, weil es das Überdenken des eingenen Handelns voraussetzt, aber Steuererklärung und Klo putzen ist auch unangenehm. Und selbstverständlich.

Sprache schafft Realität.

IMG_3369Kaum jemand dürfte das so gut wissen, wie Peer Steinbrück. Denn seine (!) Sprache ist ihm heilig. Seine Direktheit wohlbekannt, bisweilen gefürchtet, bisweilen bejubelt. Er, der sich sprachlich nicht verbiegt. In einer Zeit, in der selbst Kristina Schröder darüber nachdenkt, welcher Artikel für Gott der richtige ist und wie mit dem N*-König bei Pippi Langstrumpf sprachlich umzugehen ist. Er bedient mit seiner „ich werde mich nicht verbiegen“-Rhetorik perfekt die Ressentiments gegen „zu viel“ Political Correctness in der Sprache, die kürzlich auch Kristina Schröder entgegen schlugen.

Nun ist davon auszugehen, dass Steinbrück ein kluger Mann ist, der seine Luhmanns, Habermas etc. bestens kennt. Er liebt das Spiel mit der Sprache, er liebt das Spiel mit der Intellektualität, er liebt die Provokation. All das lässt sich detailliert in beinahe jedem Interview nachvollziehen. Sprache schafft Realität, daran dürfte Peer Steinbrück kaum zweifeln, denn wer Sprachkritik übt, verweist immer schon auf die Bedeutung von Sprache. Sprache ist in einem Wahlkampfjahr wichtiges Mittel: sie vermittelt Inhalte, sie schafft Emotionen, und ist nicht selten Wahlentscheidend.
Umso verwunderlicher sind die jüngsten Aussagen im FAS-Interview. Steinbrück, der (ähnlich wie vor einigen Jahren bereits Müntefering) in den vergangenen Wochen den harten Sturz vom beinahe schon geadelten Elder Statesman erleben musste, sieht sich seit Wochen damit konfrontiert, dass sein Verhältnis zu Geld und sein Verhältnis zu Frauen im Detail diskutiert werden und er dabei nicht besonders gut wegkommt. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen: Aussitzen, Reflektion und Diskussion, oder Gegenangriff. Peer Steinbrück hat die Variante: direkter Angriff und offene Konfrontation gewählt. Sein Credo: ich werde mich nicht verbiegen. Was in dieser Ansage nicht auftaucht, ist ein Moment der Reflektion. Nicht jeder Richtungswechsel, nicht jede Meinungsänderung, nicht jede sprachliche Neuausrichtung ist ein Verbiegen. Im Gegenteil: oft ist es das Ergebnis eines langen Reflektionsprozesses, wenn eine Person ihre Meinung zu etwas ändert. Dass Steinbrück auch die Rhetorik des Lernenden bestens beherrscht, zeigt sein wiederholt geäußerter Satz, er hätte in Fragen der Frauenquote dazu gelernt (!). Doch während er dies nicht nur im Roten Frauensalon ansprach und in seiner Nominierungsrede wieder aufgriff, taucht im FAS-Interview plötzlich ein Satz auf, der jeglichem „ich werde mich nicht verbiegen“-Narrativ entgegen läuft:

Hätte ich eine Rede halten sollen, mit der ich die eigene Partei quäle und demobilisiere? Das wäre doch absurd gewesen. Ich musste und wollte die SPD mobilisieren. Aber deswegen hänge ich doch nicht wie eine Marionette an Fäden, die von obskuren linken Kräften gezogen werden, wie einige Kommentatoren es in einer Abschreckungsstrategie zu beschreiben suchen.

Im Laufe des Interviews öffnet er also an verschiedenen Stellen wortgewaltig genau die beiden Einfallstore erneut, die sich gerade zu schließen schienen: Sein Verhältnis zu den Grundwerten der Sozialdemokratie, sein Verhältnis zu Geld (das Gehalt der Kanzlerin/des Kanzlers) und sein Verhältnis zu Frauen (Merkel hat einen Frauenbonus). Nun unkt es aus der SPD, er würde absichtlich missverstanden werden. Doch so einfach ist es nicht. Neben den inhaltlichen Aussagen, denen man zustimmen oder widersprechen kann, zeigt hier ein Kanzlerkandidat mitsamt seines Teams eine arrogante Naivität im Umgang mit der Presse, die sicher so ihresgleichen sucht.

Den Inhalt mal bei Seite gelassen ist es mindestens ebenso interessant, die Umgebung zu analysieren, in der sich Peer Steinbrück zu einem Interview mit der FAS traf: Peer Steinbrück ist durch eine wochenlange Debatte über seine Vortragshonorare und sein Verhältnis zu Frauen negativ vorgeprägt. Fakt. Die deutschen Medien sind, womöglich aufgeschreckt durch die jüngsten Verluste in ihren Reihen (FTD und FR) noch mehr als sonst darauf bedacht, sensationelle Nachrichten zu verbreiten, die Leser_innen anlocken. Fakt. Die Zeit um Weihnachten ist tagespolitisch eher mau gesäht. Fakt. Konklusion: jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt werden. Jedes Wort, jeder Satz. Und zwar nicht nur unter den üblichen kritischen Kriterien, sondern eben unter der negativen Vorprägung „Peer Steinbrück legt viel Wert auf Geld und wenig Wert auf Frauen“. Denn es geht bei Politiker_innen nicht immer darum, ob das, was sie tun, legitim ist. Poltiker_innen werden immer auch darauf abgeklopft, ob ihre politischen Ziele und ihr eigenes Verhalten im Einklang stehen. Das ist unbequem und nicht immer fair. Aber es ist Realität. Wer Kanzler_in werden will, muss damit leben und umzugehen lernen.

Peer Steinbrück ist nun bekanntermaßen ein Mensch, der viel Wert auf seine eigene Meinung und seinen eigenen Kopf legt. Es fällt ihm offensichtlich schwer, weg von seiner technokratischen Sprache (vgl. die Rede auf dem Bundesparteitag 2011 in Berlin), auf einem diplomatischen Wege dahin zu kommen, in seinen Reden alle Bürger_innen anzusprechen. Stattdessen wählt er unbewusst oder bewusst kantige Sätze, die – mit positiver Vorprägung, sozusagen Goodwill der Gesellschaft – wunderbar seine Positionen illustrieren könnten, im aktuellen Fall jedoch Brücken abbrennen, die er so dringend braucht, um bisher vernachlässigte Wählerschichten zu erreichen. Wer geschickt ist, holt sich dafür Personen ins Team, die sensibel für Themen sind, die widersprechen und die das „Eierschleifen“ übernehmen, bevor es die Medien tun und damit unbequeme Situationen vorweg nehmen. Spaß macht das nicht, klug wäre es aber.

Verwunderlich ist dieses Interview unter den beschriebenen Gesichtspunkten noch aus einem anderen Grund. Wer einmal in der Bundespolitik gearbeitet hat (sei es auf Seiten des Journalismus oder auf Seiten der Politik), die_der kennt die vielen feinen Nuancen, die vielen formalen Strukturen und informellen Absprachen, die es so gibt, rund um die Veröffentlichung des gesprochenen Wortes von Politiker_innen. Dazu gehört neben den unlängst von Mascolo kritisierten unter3-Gesprächen auch die (sehr deutsche) Sitte, dass Print-Interviews vor der Veröffentlichung den Pressesprecher_innen von Politiker_innen zur Freigabe vorgelegt werden. Und da gibt es bisweilen äußerst zähe Verhandlungen. Nicht selten haben Journalist_innen beklagt, dass von dem ursprünglich geführten Interview am Ende kaum noch etwas übrig war. Fakt ist: Das Interview ist durch die Hände mindestens eines Mitarbeiters von Steinbrück gegangen. Bei einem FAS-Interview ist davon auszugehen, dass es einer der Spin-Doctoren war. Dass bei dieser Person bei „Sparkassendirektor“ oder „Frauenbonus“ nicht alle Alarmglocken geschrillt haben, lässt verschiedene Interpretationen zu. Eine davon wäre die Deutung, dass genau das eingetreten ist, was Kritiker_innen schon zu Beginn von Steinbrücks Kandidatur angemerkt haben: die Homogenität von Steinbrücks engerem Wahlkampf-Team birgt (wie bei allen homogenen Teams) Gefahren. Aus der Teamforschung wissen wir seit geraumer Zeit, dass heterogen und divers besetzte Teams produktiver sind. Ein heterogen besetztes Team ist unbequem, denn häufig müssen einander die verschiedenen Perspektiven erklärt und Positionen verhandelt werden. Dinge sind weniger selbstverständlich, es braucht mehr Diskussion. Doch gerade jene Diversität hätte dazu beitragen können, dass all jene Fehler, die Steinbrücks Kandidatur so begleiten, weniger gravierend – ja vielleicht zu vermeiden gewesen wären.

Jedoch scheint diese arrogante Naivität, mit der seit Sommer die Kandidatur Peer Steinbrücks gehandelt wird – vom Leak der Troika über die Honorardebatte, „Frauenfragen“ bis hin zum letzten Interview – symptomatisch für die SPD zu sein. Diese gewisse Resistenz, sich mit externen Faktoren auseinander zu setzen, die nicht vorrangig auf der Agenda standen, zieht sich am Fall Steinbrück durch den gesamten Prozess hindurch. Der Spitzenkandidat, sein Team und möglicherweise auch die Partei(führung) verstehen nicht oder wollen nicht  verstehen, dass gewisse Themen für einen Großteil der Gesellschaft, dem sie nicht mehr angehören, inhaltlich und (!) emotional wichtig sind. Auch das Verständnis, wie und warum eben diese Honorardebatte überhaupt zustande kommen konnte, fehlt scheinbar gänzlich: Medienschelte als Reaktion auf Steinbrücks neueste Äußerungen statt interner Diskussion. Dabei – und jetzt kommt doch ein kleiner Schwenk zu den Inhalten – ist es eben für die urtypische Wählerschicht der SPD, die Arbeiter_innen und jetzt auch Angestellten, nicht mehr nachvollziehbar, wie jemand für einen Vortrag das bekommen kann, was sie in einem ganzen Jahr verdienen. Das ist keine Neiddebatte – was ist das für ein Gesellschaftsbild! – sondern einfach Unverständnis und das Gefühl von Ungerechtigkeit. Un-Gerechtigkeit! Wenn dazu noch der Bewerber auf eine Stelle schon im Vorfeld äußert, dass sie eigentlich zu schlecht bezahlt sei, wie kann ein Volk dann willens sein, ihm diese Stelle zu geben, während sie selbst das Jahr über arbeiten und teilweise nicht annähernd an seine Vortragshonorare kommen? Dies ist eben auch ein strukturelles Problem: das Unverständnis dafür, wie die Menschen, die nicht zu politischen oder wirtschaftlichen Eliten gehören, leben und was sie bewegt.

Doch wenn wir davon ausgehen, dass Sprache Realität schafft, dann stellen sich hier eine ganze Reihe von weiteren Fragen:

  1. Was kommt in den nächsten Monaten noch auf die SPD zu? Kann die Partei(führung), das Wahlkampfteam, der Kanzlerkandidat, aus den Fehlern lernen?
  2. Denkt Steinbrück in der Debatte an die eigene Partei? 2013 werden viele SPDler_innen für ihre Partei Wahlkampf machen. Doch es ist bereits jetzt abzusehen, welche Themen sie an den Wahlkampf-Ständen bearbeiten werden müssen, anstatt dass sie die Inhalte der Partei zur Sprache bringen können.
  3. Warum ist ein kluger Mann wie Steinbrück nicht dazu bereit oder in der Lage, die eigene Wortwahl zu reflektieren und einen Weg irgendwo zwischen wortgewaltiger Kavallerie und „(vermeintlich) verbiegen“ zu finden? Niemand bezweifelt, dass klare Worte zur richtigen Zeit wichtig und notwendig sind. Doch dazu gehört eben auch das feine Gespür dafür, wann (!) die richtige Zeit ist.

Auf Englisch gibt es einen schönen Satz: „walk the talk“.
Politiker_innen machen Politik nicht nur durch ihre Taten, sie schaffen sprachlich auch Realitäten. Es wird Zeit, dass dies auch in der SPD begriffen wird.

Dieser Text ist in Kooperation mit der Soziologin Kathy Meßmer (@totalreflexion) als Follow-Up eines Papers zu Diversität in Parteien entstanden.

 

Andere Sichtweisen aufs Thema:
Christian Soeder – Steinbrück und das Geld
Erik Flügge – Wahrheit und Wirklichkeit
David Vaulont – Rumpsteak ist Steinbrück
Mathias Richel – Peer Steinbrück, die Sprache und 99 Fragen